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Iris Kammerer, Sappho und ihre Dichtung in der Deutung der Forschung des 20.Jh.s
Anhang 1: Vier vorsichtige Versuche zur Interpretation

Fr. 16 V. - die Priamelode
Wahre und falsche Liebe

Interpretation

Dieses Fragment, um das sich ein bunter Kranz hermeneutischer Versuche rankt, deren Ansätze ebenso vielfältig sind wie die Ergebnisse, scheint nach modernen Kriterien der Geschlossenheit zu entbehren1. Ausschlaggebend kann dabei sein, dass das Gedicht vermutlich gar nicht vollständig überliefert ist, sondern nur fünf von möglicherweise acht Strophen erhalten sind2.

Die Aporie der Interpretationen, die im Großen und Ganzen auf die verschiedenen, bereits behandelten Probleme einer unreflektierten Übernahme historisch bedingter Begriffe und Auffassungen zurückgeführt werden kann, wirft mehrere Fragen auf:

  1. Ist dieses Gedicht Ausdruck einer besonders intensiven, irrationalen Leidenschaft der Dichterin Sappho für die im Text namentlich genannte Anaktoria?
    Oder handelt es sich hier wohlmöglich um ein Preislied, das die schöne und kultivierte Anaktoria als besonderes Exemplar der Vortrefflichkeit, der kaloka)gaqi/a hervorhebt?
  2. Muß zur Rettung der Einheit des Gedichtes angenommen werden, dass Sappho im Gegensatz zu Alkaios die Helena nicht wegen ihrer moralischen Verfehlung anklagt3, sondern als hilfloses Opfer der Macht der Aphrodite betrachtet?
    Oder handelt es sich um die Darstellung zweier Arten von Schönheit und Liebe im Sinne des oben bereits Dargelegten, eine edle und eine unedle?

Der lesbare Text der vv.1-20 ist klar gegliedert in eine allgemein gehaltene Äußerung in Gestalt einer Priamel (vv.1-4), den Mythos, der die geäußerte Meinung verständlich machen soll (vv.5-14?), und eine Huldigung an die besondere Schönheit eines Mädchens (vv.15?-20).

Die erste Strophe, welche auch die vieldiskutierte "Priamel" enthält, ist durch das Satzende in v.4 scharf abgetrennt; in wenigen, schlichten Worten werden drei konkrete Dinge (stro/ton: 1. i)pph/wn, 2. pe/sdwn, 3. na/wn) wiedergegeben als Gegenstände, von denen der eine oder andere behauptet (oi) me\n [...] oi) de\ [...]. oi de [...] fai=s§) sie seien auf der schwarzen Erde das Schönste (e)p[i\] ga=n me/lai[n]an / eĂ]mmenai ka/lliston). Dem stellt die Dichterin eine eigene Aussage gegenüber (eĂgw de\ [...])4. Die Position des ‚lyrischen Ich‘, am schönsten auf der schwarzen Erde sei jeweils das, was man begehre, umfasst also den jeweiligen Gegenstand des Eros5. Es handelt sich also um eine allgemeine Bestimmung dessen, was "am schönsten" ist6.

Der Mythos wird daran angeschlossen, um diese allgemeine Bestimmung zu verdeutlichen, obwohl sie "ganz einfach verständlich zu machen ist" (pa/g]xu d§ euĂmarej su/neton poh/sai / p]a/nti t[o]u=t§)7. Zunächst wird in dieser mythischen Verdeutlichung eine "die Menschen an Schönheit viel überragende" Person (a) ga\r po/lu perske/qoisa / ka/lloj [anq]rwpwn) beschrieben, bevor ihr Name, Helena, genannt8, und ihr dann der <aller>beste Mann zugewiesen wird ([to\]n aĂndra / to\n [<pan>a/r]iston9). Damit ist das Paar Helena und Menelaos bestimmt als die umfangreich als "ganz besonders schön" dargestellte Helena und ihr zwar nicht namentlich erwähnter, aber mit einem betont nachgestellten "den <aller>schönsten" charakterisierter Mann. Im Mittelpunkt der Handlung, welche die dichterische Erzählung des Mythos nachvollziehen soll, steht Helena; sie ist die handelnde Person10.

Die Verse 10-13 bzw. 14 widmet Sappho der inneren Handlung, die zu der in v. 9 geschilderten Tat führte11. Auffällig ist, dass es - soweit ersichtlich - ausschließlich um Helena geht, die auf Kind und Eltern vergisst (kwu)d[e\ pa]i=doj ou)de\ fi/lwn to[k]h/wn / pa/[mpan] e)mna/sq<h>), aber es habe sie jemand bzw. etwas verleitet (a)lla\ para/gag§ auĂtan), dessen Identität aufgrund der Verstümmelung der folgenden drei Verse nicht aus dem Text selbst zu ermitteln ist12.

Bei den "inneren" Vorgängen, welche die Entscheidung der Heroine verursacht bzw. beeinflusst haben13, handelt es sich vermutlich um jene, die in dem Augenblick eintreten, da sie ihr Augenmerk von ihrem Umfeld (vv.7f.: to\n aĂndra, / to\n [<pan>a/r]iston, v. 10: pa]i=doj, fi/lwn to[k]h/wn) abgewendet hat. Angesichts der ausschließlichen Verwendung des Aktiv-Modus in v. 13 wäre es geradezu absurd anzunehmen, dass para/gag‘ an dieser Stelle als das aktive, quasi handgreifliche Eingreifen einer Gottheit aufzufassen sei, dem kein Widerstand entgegengesetzt werden könne14.

Klar wird dann erst wieder, dass etwas bzw. jemand die Dichterin (resp. das "lyrische Ich") jetzt an Anaktoria erinnere (..]me nu=n A)naktori/[aj o)]ne/mnai- / s§ ou)] pareoi/saj). Vermutlich hat in den vv .12-16 allerdings kein Subjektswechsel stattgefunden15. Demnach hätte dasselbe, was Helena maßgeblich zu ihrem Schritt verleitet hätte, die Dichterin (resp. das lyrische Ich) an Anaktoria erinnert.

Deren liebreizenden Gang (eĂraton [...] ba=ma) und den hellen Glanz ihres Gesichtes (ka)ma/ruxma la/mpron [...] prosw/pw16) würde sie lieber sehen wollen (<k>e bolloi/man [...] hÄ) als die Streitwagen der Lyder und (Fuß)kämpfer in Waffen (ta\ Lu/dwn aĂrmata ka)n oĂploisi / pesdom]a/xentaj.)

Damit ist der Kreis zum Anfang geschlossen; für andere sind Streitwagen und kampftüchtige Krieger eine Augenweide - die Dichterin bevorzugt den Anblick der Anaktoria, die sie durch ihre Bewegung, den Gang, der den Eros erregt, wie auch ihre Miene als pars pro toto für die natürliche Schönheit beschreibt.

Unter Vernachlässigung des Inhaltes der vorhergehenden Strophen soll zunächst der Versuch gemacht werden, die vv. 17-20 zu behandeln, um über eine Gesamtdeutung zu einem befriedigenden Ergebnis zu gelangen.

Sappho, die sich an Anaktoria erinnert sieht (vv. 15f.), schildert deren Schönheit anhand von zwei besonders auffallenden Merkmalen (vv. 17f.) : dem Gang, der den Eros erregt, also - in verdichteter Formulierung - einer sehr reizvollen Art von Haltung und Bewegung, und dem leuchtenden Schimmern des Gesichtes, der Schönheit des Anblicks; beides ziehe sie lydischen Kampfwagen und bewaffneten <Fuß>kämpfern vor17.

Alkmans Partheneion (Fr.1 D.)18, das Fragment eines Librettos für einen Mädchenchor zu Ehren der Artemis Orthia, umfaßt zwei enkomiastische Schilderungen junger Mädchen, die ähnliche Motive aufweisen. In den vv. 39-42 wird das Mädchen Agido gepriesen, indem ihr "Licht" besungen werde, und dass man sie als "die Sonne" sehe (e)gw\n d§ a)ei/dw / A)gidw=j to\ fw=j: oÀrw / µ§ wÀt§ aĂlion, oÀnper aÂmin / A)gidw\ martu/retai / fai/nhn: [...]); in den vv. 57-62 Hagesichora, deren Haar purem Gold gleich sei und das silbrige Gesicht wie etwas Durchscheinendes (a( de\ xai/ta / ta=j e)ma=j a)neyia=j / A(gesixo/raj e)panqei= / xruso\j [w(]j a)kh/ratoj: / to/ t§ a)rgu/rion pro/swpon, / diafa/dan ti/ toi le/gw;). Die Verwendung von Metaphern aus dem Wortfeld ‚Licht‘ ist also durchaus ein topos in den enkomiastischen Schilderungen junger Mädchen und Frauen (cf. Sappho Fr.96,6-9 V.: nu=n de\ Lu/daisin e)mpre/petai gunai/- / kessin wĂj pot§ a)eli/w / du/ntoj a) brododa/ktuloj <sela/nna> // pa/nta per<r>e/xois§ a)/stra: [...]).

Die Lichtmetaphorik zeigt, dass es sich um einen Reiz handelt, der auf den Gesichtssinn wirkt19. Ein solcher optischer Sinnesreiz, dessen Wirkung auf Helenas Vernunft, die fre/nej, "blendend" war, kann nur die Schönheit sein; ihre Wirkkraft wiederum verkörpert Aphrodite.

Nachdem ich zuvor Theanders Konjektur von v. 9 (Ku/prij euĂk]ampton [...]") - wie alle anderen - beiseite schob, um den Blick ausschließlich auf den überlieferten Textbestand zu richten, schließe ich mich jetzt teilweise seiner Deutung an: An den Anfang von v. 13 den Namen der Verkörperung dieser Kraft zu setzen, macht diese, sofern sie bis zu v. 15 gewissermaßen handelndes Subjekt bleibt, zum Bindeglied, das den mythischen Teil mit dem persönlichen verklammert.

Unterstützend wirkt an dieser Stelle das Bild des Alexandros-Paris, das Homer im dritten Buch der Ilias bietet, nämlich das Bild eines jungen Mannes, der zwar "die sehnsuchterweckenden Gaben der goldenen Aphrodite" besitzt20, aber nicht mit kriegerischer Tüchtigkeit ausgezeichnet ist21.

Der Anblick der Schönheit bewirkt im Betrachter süßes Verlangen (gluku\n iÀmeron22) - insoweit ist der Betrachter passiv und affiziert; diese Affektion führt zu einem Drang bzw. Streben (oĂrexij), und somit zu einer Handlung (pra=xij23). Helenas Reaktion auf die Wirkkraft der Schönheit ist, dass sie jeden Gedanken an ihre Familie beiseite schiebt (v. 14f.)24 - sie strebt nur noch nach dem, an dem sich diese Kraft verkörpert - und hastig nach Troja aufbricht (v. 9).

Es handelt sich bei diesem "Nichtgedenken" nicht um einen passiven, von außen herbeigeführten Zustand der Verblendung, sondern um eine voreilige Entscheidung der Helena, eine Bevorzugung des Alexandros-Paris, die zu ihrer Tat führt25.

Dieser Deutung nach, ist die Schilderung der vv. 9-12 eben zeitlich genau rückwärts aufzufassen; Die vv. 13f. könnten den Moment des Erblickens umfassen, dem Eintrittsmoment der Affektion durch Aphrodite beim Anblick der Schönheit, v. 12 den Zustand, in dem Helena sich befindet in dem Augenblick, da die Macht der Aphrodite auf sie wirkt. Ein solch starkes uÀsteron-pro/teron würde auch die Hast des Entscheidungsprozesses unterstreichen und damit die Unüberlegtheit26.

V. 13f. lieferten demzufolge eine weitergehende Begründung für diesen Entscheidungsprozeß, wobei mit diesem bzw. seinen Folgen Leichtigkeit bzw. Leichtfertigkeit (kou/fwj) in Verbindung gebracht wird. Eine "allgemeine Sentenz" hingegen würde die Folge der Gedanken unterbrechen und den weiteren Kontext stören.

Im Gedankengang entsteht eine Spannung auf zwischen Helenas Verhalten und dem der Dichterin: Helena erinnert sich nicht, Sappho wird erinnert; die Kraft, die Helena zum Vergessen leitet, ist dieselbe, die Sappho an Anaktoria erinnert (ob sie gegenwärtig ist oder nicht). Helena und Paris sind Lieblinge der Aphrodite, Sappho betreut ihren Kult und weist junge Frauen darin ein. Helenas Entscheidung ist offenkundig eine unüberlegte Entscheidung.

Ob Sapphos Entscheidung für den Eros überlegt ist, zeigt sich an der Bedeutung von bolloi/man (v. 17), was gewöhnlich im Sinne eines einfachen "möchte ich"27, d.h. eine schlichten Bevorzugung, die - aristotelisch gesprochen - auf einer e)piqumi/a (also einer ‚Leidenschaft‘) und bestenfalls auf qumo/j, einer Regung des ‚Gemüts‘ beruht.

Eine boulh/, äol. bo/lla (dt. Wille, Bestimmung, Rat, Plan28), ist - und das sicherlich nicht erst seit Platon und Aristoteles - das Streben als Ergebnis einer Überlegung, welcher zu Handlungen führt, aber nicht der Zweck der Handlungen ist29. Das weist darauf hin, dass die Dichterin an dieser Stelle nicht aus der bloßen Wahrnehmung oder dem Gemüt, den beiden "unteren" Seelenbereichen, in denen die Aktivität des Intellekts (nou=j) gebunden und damit fixiert ist, heraus entscheidet, sondern dass sie dem mythischen Paradigma, der Unüberlegtheit der Helena ihre eigene Überlegtheit gegenüberstellt, ebenso aber auch die kultivierte Schönheit der Anaktoria mit dem offenkundigen Fehlen jeglicher Kultiviertheit bei Alexandros-Paris kontrastiert30.

Das Gedicht weist nach dieser Deutung eine ähnliche Intention auf wie Fr. 1 V.: Der skopós ist pädagogisch und zugleich enkomiastisch. Anaktoria ist eine junge Frau, die im höchsten Maße schön und kultiviert ist und ihren (beständigen oder frequentativen) Aufenthalt im Thiasos der Sappho beendet hat. Jetzt wird sie als Beispiel gefeiert, wie weit es ein junges Mädchen darin bringen kann, sich zu vervollkommnen, so dass es der edlen Liebe in höchstem Maße würdig ist31.

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Anmerkungen

  1. Die "Einheit der Dichtung" war in fast allen Fällen das zentrale Problem der Deutung. [zurück]
  2. Der schlechte Zustand des Papyros läßt keine endgültigen Urteile zu. Da nach V. 28 dieses Fragments aber definitiv ein Strophenende überliefert ist, kann von diesem Maximum ausgegangen werden. [zurück]
  3. Alkaios Fr. 283 V.: k§ A)le/naj e)n sth/q[e]sin [e)]pt[o/aise / qu=mon A)rgei/aj, Troi/w<i> d§ [e)]p§ aĂndri / e)kma/neisa c[e..]napa/ta<i> §pi p[o/nton / eĂspeto na=i, // pai=da/ t§ e)n do/m[o]isi li/pois[ / kaĂndroj euĂstrwton [l]e/xoj.[ / pei=q§ eĂrw<i> qu=mo[n Lh/daj] / pai=]da D[i/o]j te [zurück]
  4. Der Ausdruck "eigene Meinung" bezieht sich hier auf die eigene Wortwahl der Dichterin, nicht darauf, dass hier zum ersten Male "ein Mensch sein eigenes Meinen dem der übrigen Menschen gegenüberstellt" (Snell, Entdeckung S. 59) oder "Frauendasein und Männerleben" gegeneinander gestellt werden (Schadewaldt, Sappho S. nn). [zurück]
  5. Eros kann mit "Liebe" nur unzureichend übersetzt werden, da die moderne Auffassung von Liebe von der Romantik geprägt ist. e)ra=sqai gehört wie stoxa/zesqai, o)re/gesqai, diyh=n und peinh=n (alle mit Genitiv) zu den Verben, die ein Streben nach etwas bezeichnen. Das Gegenstück zum Eros, das "Erlangthaben" dessen, wonach man sich sehnte, ist also der erste Schritt zur Erfüllung des Eros; der eigentliche Zweck ist die Erzeugung von "etwas" in bzw. vermittels dem, was als ein kalo/n ti und damit auch als ein e)rato/n ti erkannt wurde (cf. Platon, Smp. 201c-211c). [zurück]
  6. Zur Diskussion einer Phrase wie der obigen kh=n§ oĂttw cf. J. Latacz, Realität und Imagination. Eine neue Lyrik-Theorie und Sapphos Fai/netai/ moi kh=noj-Lied, in: MusHelv 42 (1985), S. 82-85. [zurück]
  7. Die Bedeutung des Mythos wird in vielen Interpretationen daran beurteilt, wie Sappho die Tat der Helena moralisch beurteilt habe mit z.T. extremen Ergebnissen (cf. . duBois, Sappho and Helen, in: Arethusa 11 (1978), S.99: Helena als "an autonomous subject, a hero of her own life"; dagegen , Sappho, S.14f.: - mit biographischem Interesse und höchst paradoxem Argument - "Die Hochzeit der Anaktoria wird dem Treubruch der Helena gleichgesetzt, die verlassene Freundin dem rechtmäßigen Gatten Menelaos."). [zurück]
  8. Dass der Begriff ka/lliston - vor allem im Zusammenhang mit den kriegerischen Begriffen der vv.1-4 - mit Helena assoziiert, die ja als Zeustochter und Schwester der Dioskuren die Schönste unter den Sterblichen war, ist naheliegend. Überdies war den Rezipienten der Antike der gesamten Sagenkreis wie auch seine epischen Ausformungen präsent - wir müssen uns diesen Hintergrund mühsam erarbeiten. Zur Kompetenz der Helena in der Beurteilung des ka/lliston cf. .W. Most, Sappho Fr.16,6-7 L-P, in: CQ 31 (1981), 11-17. [zurück]
  9. Die Konjektur von Page kann m.E. durchaus gebilligt werden; sie paßt hervorragend in den vorgegebenen Gedankengang. In der Ilias trägt Menelaos Epitheta wie a)rhi/filoj, boh\n a)gaqo/j, a)rh/ioj etc., also Attribute kriegerischer Tüchtigkeit. [zurück]
  10. Aristot. Poet. 1448a1: [...] mimou=ntai oi( mimou/menoi pra/ttontaj [...] [zurück]
  11. H. Fränkel liegt durchaus richtig, wenn er dieses Gedicht als "mehrschichtig" bezeichnet; allerdings läßt sich die Routiniertheit, mit der hier die äußeren Handlungen des Verlassens etc. und die innere Handlung des Affiziertwerdens, Vergessens und Sichentscheidens geradezu als uÀsteron-pro/teron aufeinander bezoigen werden, als einzig notwendiger Gegenbeweis angeben, über den die These vom "flächenhaften Charakter der archaischen Sehweise" (Fränkel) stürzen kann. [zurück]
  12. Über den Inhalt dieser Verse lassen sich nur wenige, ungenaue Angaben machen; sie können allerdings aufgrund von Anhaltspunkten vorsichtig gedeutet werden. Um so erstaunlicher also, mit welcher Sicherheit Wilamowitz von einer "allgemeinen Sentenz über die Bestimmbarkeit des menschlichen Herzens" ausgeht und viele (Fränkel, Snell, Schadewaldt u.a.) dieser Interpretation getreulich folgen.
    Wie sich aus dem Restbestand eines accentus (gravis) am Versanfang und dem diesen Vers beendenden ]san schließenläßt, umfaßt v. 12 eine attributivische Erweiterung zu auĂtan, das Helena als Objekt zu para/gag§ bezeichnet, der Anfang von v. 13 das Subjekt zu diesem Verb. Da aus metrischen Gründen der Beginn des nächsten Satzes schon bei der dritten Länge anzusetzen ist, bleibt nur ein zweisilbiges Wort, das dieses Subjekt allerdings genau umschreiben können muß. Das Enjambement ist also zwingend; Emendationen für v. 12 wie die von Hunt (Ku/prij eĂkoisan) sind somit unwahrscheinlich. Problematisch für die Lösung, die J. Latacz (in: H. Görgemanns (Hg.), Griechische Literatur Bd. I: Archaische Periode, Stuttgart 1991, S.416) favorisiert (ou)k a)e/koisan), ist der am Versanfang lesbare Akzent. Das von Kamerbeek konjizierte ou)k e)qe/loisan ergibt ebenfalls Schwierigkeiten, wenn es im Sinne der 'geistesgeschichtlichen Forschung' aufgefaßt wird. Die Einsetzung von Ku/prij zu Beginn von v. 13 durch Theander ist durchaus zu begrüßen. Dass ein neuer Satz folgen muß, ergibt sich grammatisch aus dem auf das nächste, ebenfalls verstümmelten Wort (das aber als ein einzelnes erkennbar ist) folgende ga/r.
    Anzunehmen ist, dass in diesen Versen der Vorgang bzw. der Augenblick des Verleitens geschildert ist. [zurück]
  13. Cf. die auf U.v.Wilamowitz-Moellendorff (Lesbische Lyrik, S.387) zurückgehende Annahme, eine an dieser Stelle befindliche "allgemeine Sentenz, die von der Bestimmbarkeit des menschlichen Herzens handelte, fehlt leider"; auf diese Vermutung, die durch viele Interpretationen geistert und in den Konjekturen ihren Niederschlag gefunden hat, stützt sich auch H. Fränkels Deutung von Fr.16 V. als "chorliedartig". [zurück]
  14. Auch wenn solche Stellen immer wieder dazu herangezogen werden, um die von R.Pfeiffer (Gottheit und Individuum in der frühgriechischen Lyrik, in: Philologus 27 (1927), S.) vertretene a)mhxanh/ des frühgriechischen Menschen gegenüber den Göttern zu belegen, handelt es sich keineswegs um logisch zwingende Argumente. In der Dichtung aller Kulturen gibt es das poetische Stilmittel der Personifikation nicht faßbarer Mächte unter Götternamen, ohne dass damit automatisch eine Unentrinnbarkeit gegenüber diesen Mächten impliziert wäre (Beispiele bei W.R. Trask, The Unwritten Song, 2 Bde., New York 1966/67; für den Beleg dieser Art von Pantomime in der Antike cf. auch Aristoteles, de Arte poetica, ed. A. Gudemann, Berlin / Leipzig 1934, S. 84 zu 1447a26) [zurück]
  15. Dies zu beweisen ist zwar ein geradezu unmögliches Unterfangen, doch der gesamte Aufbau dieses Gedichtes, die Tatsache, dass entweder Subjekt oder Verb oder auch beides im Verlauf von mehreren Versen konstant bleiben (Verb fai=s§ in vv. 1-4, Subjekt Helena in vv. 6-11, Verb und implizites Subjekt <k>e bolloi/man ... iĂdhn ... hÄ in vv. 17-20), ist es naheliegend anzunehmen, dass das Subjekt zu para/gag§ auĂtan wie auch das zu ]me ... [...o)]ne/mnais§ dasselbe ist. Dass es sich dabei um Kypris, also Aphrodite, handelt, werde ich später, jedoch mit anderen Argumenten als C.Theander (Studia Sapphica, in: Eranos 32 (1934), S. 57-78) nachzuweisen versuchen. [zurück]
  16. a)ma/ruxma bzw. a)ma/rugma ist ein Begriff, der im Zusammenhang mit den Chariten häufig vorkommt (cf. LSc s.v.; S. Brown, Anactoria and the Cari/twn a)maru/gmata (Sappho Fr. 16,18 V.), in: QUCC 32 (1989), S. 7-15. [zurück]
  17. Dieser direkte Rückbezug auf vv.1-4 läßt unter der Annahme einer Ringkomposition darauf schließen, dass das Gedicht nach v. 20 endet. Die Frage, ob v. 20 das Gedichtende ist, soll hier nicht weiter verfolgt werden; d. Verf. hält es angesichts des Zustandes des Papyros auch für keine sehr fruchtbare Diskussion. [zurück]
  18. Alcman, The Partheneion, ed. D. Page, Oxford 1951. [zurück]
  19. Dazu müßte - gerade bei Interpretationen, die ein deiktisches Element in der frühgriechischen Dichtung vermuten - Anaktoria anwesend sein, was die Lesart ou)k pare/oisa ins Wanken bringen würde. - "Vernunft" ist hier nicht gleichzusetzen mit dem Intellekt (nou=j). [zurück]
  20. mh/ moi dw=r§ e)rata\ pro/fere xruse/hj A)frodi/thj (Il.G 64) - Häufig trägt er das Epitheton qeoei/dhj ("göttlichen Anblicks"). [zurück]
  21. Im Zweikampf mit Menelaos (Il.G 340-382) ist seine einzige Kampfhandlung ein Lanzenwurf, der fehlgeht (346-349) - fortan drangsaliert Menelaos ihn zusehends, bis Aphrodite rettend einschreitet und den Unterlegenen in sein Schlafgemach entrückt (380ff.). [zurück]
  22. Diese Affektion kann auch durch das direkte Eingreifen einer Gottheit hervorgerufen werden; so Iris bei Helena in Il. G 139ff. (W(j ei)pou=sa qea\ gluku\n iÀmeron eĂmbale qumo/n [...]), Zeus bei Aphrodite in Hymn.Aphr.45f.: t$= d§ au)t$= Zeu\j gluku\n iÀmeron eĂmbale qumo/n [....] [zurück]
  23. Il. G 141ff.: Helena eilt auf die Mauer, um ihren früheren Mann zu sehen; Hymn.Aphr.53-67: Aphrodite zieht sich nach Paphos zurück, um sich auf die Begegnung mit Anchises vorzubereiten. [zurück]
  24. Ein interessanter, bislang unbeobachtet gebliebener psychologischer Aspekt ist, dass Helena ihren (aller)besten Mann zwar verläßt (vv.7ff.), aber nicht explizit gesagt wird, dass sie ihn zuvor vergißt wie Tochter und Eltern (vv.14f.). [zurück]
  25. Dabei deutet die durch die gedrängte Formulierung geschilderte Hast wie auch das fragmentarisch erhaltene kou/fwj in v. 18 die mangelnde Überlegung an, die dieser Entscheidung zugrunde liegt; Helenas Fehler liegt weniger im moralischen Bereich als in ihrer Unüberlegtheit und Voreiligkeit, ihrer Unbeherrschtheit gegen über der Wirkung der Schönheit. [zurück]
  26. Bittere Reue über ihr eigenes Handeln (Wahl des schlechteren Mannes, Gang nach Troia) beklagt auch die homerische Helena (Il.G 173-175, W 773-776; Alkaios Fr. 283,3-10 V. schildert sie als rasend. Auch die Helena des Alkaios hat sich vom Eros überzeugen lassen; aus dieser Überzeugung resultiert ihr Rasen (e)kma/neisa), das im Widerspruch zur Besonnenheit (swfrosu/nh resp. fro/nhsij) steht und der Grund ist, warum sie Kind und Mann verläßt. [zurück]
  27. So z.B. J. Latacz, in: H. Görgemanns (Hg.), Die griechische Literatur in Text und Darstellung Bd. I: Archaische Periode, hg.v. J. Latacz, Stuttgart 1991, S. 417: [...] "möcht' ich viel lieber [...]" [zurück]
  28. Liddell-Scott, s.v.: "will, determination ... 2. councel, design ... advice ..., 3. deliberation ... 4. decree ..." [zurück]
  29. E.N. G 3, 1112b32f.: h( de\ boulh\ peri\ tw=n au)t%= praktw=n, aiÀ de\ pra/xeij aĂllwn eÀneka. ou) ga\r aÄn eiĂh bouleuto\n to\ te/loj a)lla\ ta\ pro\j ta\ te/lh: [...] - de An. G 9 u. 10 behandeln die Zusammenhänge zwischen Denken und Bewegung. Das der Seele eigene Strebevermögen (to\ o)rekto/n) bewirkt die Bewegung (ki/nhsij), und zwar für jeden Seelenteil in einer eigenen Form; das Streben (oĂrexij) des vernunftbegabten Seelenteils ist der Wille (bou/lhsij; cf. 433a22f.: h( ga\r bou/lhsij oĂrexij, oÀtan de\ kata\ to\n logismo\n ki/nhsai, kai\ kata\ bou/lhsin kinei=tai.). Cf. auch die Dio\j boulh/ in den hom. Epen! Dazu cf. A. Schmitt, Selbständigkeit und Abhängigkeit menschlichen Handelns bei Homer. Hermeneutische Untersuchungen zur Psychologie Homers, Mainz/Stuttgart 1990.[zurück]
  30. Alexandros-Paris ist der Charakterisierung durch Homer zufolge ein "hübscher Junge" ohne größere menschliche Qualitäten; er ist weder wirklich mutig, Da er nicht unterscheiden kann, wo Tapferkeit angebracht ist (z.B. im Zweikampf mit Menelaos, dessen Überlegenheit er gar nicht einschätzen konnte), und sich auch in seinem Verhältnis zu Helena als überaus ungebildet erweist, da er nur auf den haptischen Aspekt des Eros, die Sexualität, hinauswill.
    In Anbetracht von Fr. 50 V., demzufolge der, der nur schön anzusehen ist, auch nur schön ist, während der, der tüchtig ist, zugleich auch etwas Schönes ist (o) me\n ga\r ka/loj oĂsson iĂdhn pe/letai <ka/loj>, / o) de\ ka)gaqo\j auĂtika kai\ ka/loj eĂs<se>tai.) sieht sich d. Verf. in ihrer Deutung bestätigt. [zurück]
  31. Dass zur Mädchenbildung auch Fertigkeiten gehörten und nicht nur Schönheitspflege und Kultverpflichtungen zeigt Fr. 56 V.: ... ou)d§ iĂan doki/mwmi prosi/doisan fa/oj a)li/w / eĂssesqai sofi/an pa/rqenon ei)j ou)de/na pw xro/non / te/autan ... ("... und ich schätze, dass nicht eine einzige Jungfrau, die das Licht der Sonne schaut, zu keiner Zeit je an Meisterschaft so sein wird (wie du?) ...") [zurück]

Fr. 16 V. - die Priamelode: [Text] - [Übersetzung] - [Interpretation]
Anhang 1: [Vorbemerkungen] - [Fr.1 V.] - [Fr. 16 V.] - [Fr. 96 V.] - [Fr. 31 V.] - [Ergebnis]
Auszug: [Inhalt] - [Anhang 1] - [Anhang 2] - [Anhang 3] - [Synopsis]

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