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Iris Kammerer, Sappho und ihre Dichtung in der Deutung der Forschung des 20.Jh.s
Anhang 1: Vier vorsichtige Versuche zur Interpretation
Dieses Fragment, um das sich ein bunter Kranz hermeneutischer Versuche rankt, deren Ansätze ebenso vielfältig sind wie die Ergebnisse, scheint nach modernen Kriterien der Geschlossenheit zu entbehren1. Ausschlaggebend kann dabei sein, dass das Gedicht vermutlich gar nicht vollständig überliefert ist, sondern nur fünf von möglicherweise acht Strophen erhalten sind2.
Die Aporie der Interpretationen, die im Großen und Ganzen auf die verschiedenen, bereits behandelten Probleme einer unreflektierten Übernahme historisch bedingter Begriffe und Auffassungen zurückgeführt werden kann, wirft mehrere Fragen auf:
Der lesbare Text der vv.1-20 ist klar gegliedert in eine allgemein gehaltene Äußerung in Gestalt einer Priamel (vv.1-4), den Mythos, der die geäußerte Meinung verständlich machen soll (vv.5-14?), und eine Huldigung an die besondere Schönheit eines Mädchens (vv.15?-20).
Die erste Strophe, welche auch die vieldiskutierte "Priamel" enthält, ist durch das Satzende in v.4 scharf abgetrennt; in wenigen, schlichten Worten werden drei konkrete Dinge (stro/ton: 1. i)pph/wn, 2. pe/sdwn, 3. na/wn) wiedergegeben als Gegenstände, von denen der eine oder andere behauptet (oi) me\n [...] oi) de\ [...]. oi de [...] fai=s§) sie seien auf der schwarzen Erde das Schönste (e)p[i\] ga=n me/lai[n]an / eĂ]mmenai ka/lliston). Dem stellt die Dichterin eine eigene Aussage gegenüber (eĂgw de\ [...])4. Die Position des ‚lyrischen Ich‘, am schönsten auf der schwarzen Erde sei jeweils das, was man begehre, umfasst also den jeweiligen Gegenstand des Eros5. Es handelt sich also um eine allgemeine Bestimmung dessen, was "am schönsten" ist6.
Der Mythos wird daran angeschlossen, um diese allgemeine Bestimmung zu verdeutlichen, obwohl sie "ganz einfach verständlich zu machen ist" (pa/g]xu d§ euĂmarej su/neton poh/sai / p]a/nti t[o]u=t§)7. Zunächst wird in dieser mythischen Verdeutlichung eine "die Menschen an Schönheit viel überragende" Person (a) ga\r po/lu perske/qoisa / ka/lloj [anq]rwpwn) beschrieben, bevor ihr Name, Helena, genannt8, und ihr dann der <aller>beste Mann zugewiesen wird ([to\]n aĂndra / to\n [<pan>a/r]iston9). Damit ist das Paar Helena und Menelaos bestimmt als die umfangreich als "ganz besonders schön" dargestellte Helena und ihr zwar nicht namentlich erwähnter, aber mit einem betont nachgestellten "den <aller>schönsten" charakterisierter Mann. Im Mittelpunkt der Handlung, welche die dichterische Erzählung des Mythos nachvollziehen soll, steht Helena; sie ist die handelnde Person10.
Die Verse 10-13 bzw. 14 widmet Sappho der inneren Handlung, die zu der in v. 9 geschilderten Tat führte11. Auffällig ist, dass es - soweit ersichtlich - ausschließlich um Helena geht, die auf Kind und Eltern vergisst (kwu)d[e\ pa]i=doj ou)de\ fi/lwn to[k]h/wn / pa/[mpan] e)mna/sq<h>), aber es habe sie jemand bzw. etwas verleitet (a)lla\ para/gag§ auĂtan), dessen Identität aufgrund der Verstümmelung der folgenden drei Verse nicht aus dem Text selbst zu ermitteln ist12.
Bei den "inneren" Vorgängen, welche die Entscheidung der Heroine verursacht bzw. beeinflusst haben13, handelt es sich vermutlich um jene, die in dem Augenblick eintreten, da sie ihr Augenmerk von ihrem Umfeld (vv.7f.: to\n aĂndra, / to\n [<pan>a/r]iston, v. 10: pa]i=doj, fi/lwn to[k]h/wn) abgewendet hat. Angesichts der ausschließlichen Verwendung des Aktiv-Modus in v. 13 wäre es geradezu absurd anzunehmen, dass para/gag‘ an dieser Stelle als das aktive, quasi handgreifliche Eingreifen einer Gottheit aufzufassen sei, dem kein Widerstand entgegengesetzt werden könne14.
Klar wird dann erst wieder, dass etwas bzw. jemand die Dichterin (resp. das "lyrische Ich") jetzt an Anaktoria erinnere (..]me nu=n A)naktori/[aj o)]ne/mnai- / s§ ou)] pareoi/saj). Vermutlich hat in den vv .12-16 allerdings kein Subjektswechsel stattgefunden15. Demnach hätte dasselbe, was Helena maßgeblich zu ihrem Schritt verleitet hätte, die Dichterin (resp. das lyrische Ich) an Anaktoria erinnert.
Deren liebreizenden Gang (eĂraton [...] ba=ma) und den hellen Glanz ihres Gesichtes (ka)ma/ruxma la/mpron [...] prosw/pw16) würde sie lieber sehen wollen (<k>e bolloi/man [...] hÄ) als die Streitwagen der Lyder und (Fuß)kämpfer in Waffen (ta\ Lu/dwn aĂrmata ka)n oĂploisi / pesdom]a/xentaj.)
Damit ist der Kreis zum Anfang geschlossen; für andere sind Streitwagen und kampftüchtige Krieger eine Augenweide - die Dichterin bevorzugt den Anblick der Anaktoria, die sie durch ihre Bewegung, den Gang, der den Eros erregt, wie auch ihre Miene als pars pro toto für die natürliche Schönheit beschreibt.
Unter Vernachlässigung des Inhaltes der vorhergehenden Strophen soll zunächst der Versuch gemacht werden, die vv. 17-20 zu behandeln, um über eine Gesamtdeutung zu einem befriedigenden Ergebnis zu gelangen.
Sappho, die sich an Anaktoria erinnert sieht (vv. 15f.), schildert deren Schönheit anhand von zwei besonders auffallenden Merkmalen (vv. 17f.) : dem Gang, der den Eros erregt, also - in verdichteter Formulierung - einer sehr reizvollen Art von Haltung und Bewegung, und dem leuchtenden Schimmern des Gesichtes, der Schönheit des Anblicks; beides ziehe sie lydischen Kampfwagen und bewaffneten <Fuß>kämpfern vor17.
Alkmans Partheneion (Fr.1 D.)18, das Fragment eines Librettos für einen Mädchenchor zu Ehren der Artemis Orthia, umfaßt zwei enkomiastische Schilderungen junger Mädchen, die ähnliche Motive aufweisen. In den vv. 39-42 wird das Mädchen Agido gepriesen, indem ihr "Licht" besungen werde, und dass man sie als "die Sonne" sehe (e)gw\n d§ a)ei/dw / A)gidw=j to\ fw=j: oÀrw / µ§ wÀt§ aĂlion, oÀnper aÂmin / A)gidw\ martu/retai / fai/nhn: [...]); in den vv. 57-62 Hagesichora, deren Haar purem Gold gleich sei und das silbrige Gesicht wie etwas Durchscheinendes (a( de\ xai/ta / ta=j e)ma=j a)neyia=j / A(gesixo/raj e)panqei= / xruso\j [w(]j a)kh/ratoj: / to/ t§ a)rgu/rion pro/swpon, / diafa/dan ti/ toi le/gw;). Die Verwendung von Metaphern aus dem Wortfeld ‚Licht‘ ist also durchaus ein topos in den enkomiastischen Schilderungen junger Mädchen und Frauen (cf. Sappho Fr.96,6-9 V.: nu=n de\ Lu/daisin e)mpre/petai gunai/- / kessin wĂj pot§ a)eli/w / du/ntoj a) brododa/ktuloj <sela/nna> // pa/nta per<r>e/xois§ a)/stra: [...]).
Die Lichtmetaphorik zeigt, dass es sich um einen Reiz handelt, der auf den Gesichtssinn wirkt19. Ein solcher optischer Sinnesreiz, dessen Wirkung auf Helenas Vernunft, die fre/nej, "blendend" war, kann nur die Schönheit sein; ihre Wirkkraft wiederum verkörpert Aphrodite.
Nachdem ich zuvor Theanders Konjektur von v. 9 (Ku/prij euĂk]ampton [...]") - wie alle anderen - beiseite schob, um den Blick ausschließlich auf den überlieferten Textbestand zu richten, schließe ich mich jetzt teilweise seiner Deutung an: An den Anfang von v. 13 den Namen der Verkörperung dieser Kraft zu setzen, macht diese, sofern sie bis zu v. 15 gewissermaßen handelndes Subjekt bleibt, zum Bindeglied, das den mythischen Teil mit dem persönlichen verklammert.
Unterstützend wirkt an dieser Stelle das Bild des Alexandros-Paris, das Homer im dritten Buch der Ilias bietet, nämlich das Bild eines jungen Mannes, der zwar "die sehnsuchterweckenden Gaben der goldenen Aphrodite" besitzt20, aber nicht mit kriegerischer Tüchtigkeit ausgezeichnet ist21.
Der Anblick der Schönheit bewirkt im Betrachter süßes Verlangen (gluku\n iÀmeron22) - insoweit ist der Betrachter passiv und affiziert; diese Affektion führt zu einem Drang bzw. Streben (oĂrexij), und somit zu einer Handlung (pra=xij23). Helenas Reaktion auf die Wirkkraft der Schönheit ist, dass sie jeden Gedanken an ihre Familie beiseite schiebt (v. 14f.)24 - sie strebt nur noch nach dem, an dem sich diese Kraft verkörpert - und hastig nach Troja aufbricht (v. 9).
Es handelt sich bei diesem "Nichtgedenken" nicht um einen passiven, von außen herbeigeführten Zustand der Verblendung, sondern um eine voreilige Entscheidung der Helena, eine Bevorzugung des Alexandros-Paris, die zu ihrer Tat führt25.
Dieser Deutung nach, ist die Schilderung der vv. 9-12 eben zeitlich genau rückwärts aufzufassen; Die vv. 13f. könnten den Moment des Erblickens umfassen, dem Eintrittsmoment der Affektion durch Aphrodite beim Anblick der Schönheit, v. 12 den Zustand, in dem Helena sich befindet in dem Augenblick, da die Macht der Aphrodite auf sie wirkt. Ein solch starkes uÀsteron-pro/teron würde auch die Hast des Entscheidungsprozesses unterstreichen und damit die Unüberlegtheit26.
V. 13f. lieferten demzufolge eine weitergehende Begründung für diesen Entscheidungsprozeß, wobei mit diesem bzw. seinen Folgen Leichtigkeit bzw. Leichtfertigkeit (kou/fwj) in Verbindung gebracht wird. Eine "allgemeine Sentenz" hingegen würde die Folge der Gedanken unterbrechen und den weiteren Kontext stören.
Im Gedankengang entsteht eine Spannung auf zwischen Helenas Verhalten und dem der Dichterin: Helena erinnert sich nicht, Sappho wird erinnert; die Kraft, die Helena zum Vergessen leitet, ist dieselbe, die Sappho an Anaktoria erinnert (ob sie gegenwärtig ist oder nicht). Helena und Paris sind Lieblinge der Aphrodite, Sappho betreut ihren Kult und weist junge Frauen darin ein. Helenas Entscheidung ist offenkundig eine unüberlegte Entscheidung.
Ob Sapphos Entscheidung für den Eros überlegt ist, zeigt sich an der Bedeutung von bolloi/man (v. 17), was gewöhnlich im Sinne eines einfachen "möchte ich"27, d.h. eine schlichten Bevorzugung, die - aristotelisch gesprochen - auf einer e)piqumi/a (also einer ‚Leidenschaft‘) und bestenfalls auf qumo/j, einer Regung des ‚Gemüts‘ beruht.
Eine boulh/, äol. bo/lla (dt. Wille, Bestimmung, Rat, Plan28), ist - und das sicherlich nicht erst seit Platon und Aristoteles - das Streben als Ergebnis einer Überlegung, welcher zu Handlungen führt, aber nicht der Zweck der Handlungen ist29. Das weist darauf hin, dass die Dichterin an dieser Stelle nicht aus der bloßen Wahrnehmung oder dem Gemüt, den beiden "unteren" Seelenbereichen, in denen die Aktivität des Intellekts (nou=j) gebunden und damit fixiert ist, heraus entscheidet, sondern dass sie dem mythischen Paradigma, der Unüberlegtheit der Helena ihre eigene Überlegtheit gegenüberstellt, ebenso aber auch die kultivierte Schönheit der Anaktoria mit dem offenkundigen Fehlen jeglicher Kultiviertheit bei Alexandros-Paris kontrastiert30.
Das Gedicht weist nach dieser Deutung eine ähnliche Intention auf wie Fr. 1 V.: Der skopós ist pädagogisch und zugleich enkomiastisch. Anaktoria ist eine junge Frau, die im höchsten Maße schön und kultiviert ist und ihren (beständigen oder frequentativen) Aufenthalt im Thiasos der Sappho beendet hat. Jetzt wird sie als Beispiel gefeiert, wie weit es ein junges Mädchen darin bringen kann, sich zu vervollkommnen, so dass es der edlen Liebe in höchstem Maße würdig ist31.
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