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Iris Kammerer, Sappho und ihre Dichtung in der Deutung der Forschung des 20.Jh.s
Anhang 1: Vier vorsichtige Versuche zur Interpretation

Fr. 1 V. - der Aphroditehymnos
Die Kraft kultivierter Schönheit

Interpretation

Der äußeren Gestalt nach ein klhtiko\j u(/mnoj1 erscheint dieses Gedicht der gesamten neueren Forschung als eine geschickte Werbung um ein Mädchen, das sich bislang in spröder Abwehr der Liebe der Sappho entzog2. Davon ausgehend, dass es in einem kleinen, vertrauten Kreis vorgetragen wurde, dass es einen Zweck hat, eine zwischenmenschliche Funktion ausübt und nicht das Produkt eines weltflüchtigen Dichtens im Sinne der Romantik ist oder das einer Dichterin, die nur mit Worten spielt, drängen sich angesichts der Problematik der bisherigen Deutungen zwei Fragen auf:

  1. Ist dieses Gedicht wirklich Ausdruck eines individuellen, subjektiven Empfindens, einer Affektion durch ein äußeres Erlebnis? Ist es der Versuch einer Werbung um eine individuelle Person, deren Sprödigkeit über dieses Gedicht die Dichterin werbend überwinden will?
    Oder stellt es die besondere Verbundenheit der Sappho mit "ihrer" Göttin Aphrodite dar, ähnlich der Verbundenheit zwischen Achill und Athene in der Ilias oder Odysseus und Athene in der Odyssee?
  2. Ist es ein Affekt, der aus unglücklicher, möglicherweise als schuldhaft empfundener Verliebtheit resultiert3? Ein emotionales und von daher irrationales Empfinden, dem der Mensch (da es zu seiner Natur, nicht zu seiner Freiheit gehört) hilflos ausgeliefert ist?
    Oder ist es die Empörung (maino/l# qu/m%, v. 18) darüber, dass ihr ein Unrecht zugefügt wurde (a)di/khsi, v. 20)? Ist - um eine Deutung der Zusammenhänge zwischen qumo/j und a)di/kein vorwegzunehmen - ein Seelenbereich verletzt worden, der das Verschmähtwerden als Unrecht ansieht? Hat die andere der Sappho - im Sinne Platons - nicht das, was ihr zusteht, erwiesen?

Wie groß die Gefahr ist, die romantischen Auffassungen von Weiblichkeit, Liebe, Dichtung bzw. aus ihnen resultierende Theorien einzeln oder geschlossen zu verabsolutieren und auf ein Gedicht anzuwenden, dessen Verfasserin solches Gedankengut vermutlich sehr fremd gewesen wäre, wurde im Haupttext dieser Untersuchung behandelt. Um derlei Anachronismen wirklich zu vermeiden, ist die Verfolgung des Wortlautes besonders wichtig, wobei die historische Bedingtheit jedes angewendeten Gedankens nie aus den Augen verloren werden darf.

Die Sprecherin des Gedichtes, Sappho4, ruft die Göttin Aphrodite an, bittet, diese möge sie nicht mit großem Kummer bezwingen, was man geradezu als "unfrei machen" oder "versklaven" verstehen kann (der Imperativ mh\ da/mna ist m.E. ziemlich hart!), sondern kommen, wie sie schon früher gekommen sei5.

Aphrodite ist schon ein andermal mit großem Aufwand gekommen: Sie verließ auf Sapphos Rufen hin die Herrlichkeiten des Olymps und flog mit dem Wagen auf schnellstem Wege zu ihr; sie lächelte, weil sie ja schon wusste, was Sappho von ihr wollte - sie kennt nicht den speziellen Fall, aber es ist ja immer wieder das gleiche (vv. 15-18: o)/tti dhu)=te [...] kw)/tti ¦ dhu)=te [...] kw)/tti [...] dhu)=te [...]): Sappho ruft die Göttin (k/alhmmi), will, dass sie etwas bekommt (moi ma/lista qe/lw ge/nesqai), dass Aphrodite Überzeugungsarbeit leistet (ti/na [...] pei/qw) um ihr jemanden zuzuführen (..]sa/ghn e)s sa\n filo/tata); schließlich habe ihr jemand Unrecht getan (ti/j s§, w)= Ya/pf§, a)di/khsi;). Dieses Unrecht besteht darin, dass diejenige6, welche Sappho bekommen will, ihr ausweicht (feu/gei), dass sie die angebotenen Geschenke nicht annimmt (dw=ra mh\ de/ket§) und keine Liebesverbindung sucht (mh\ fi/lei)7.

Was Aphrodite tun soll, ist, Sappho von den Kümmernissen zu erlösen (xale/pan de\ lu=son ¦ e)k meri/mnan) und zu vollenden, was ihr Gemüt ersehnt (o)/ssa de/ moi te/lessai ¦ qu=moj i(me/rrei), indem sich das Verhältnis umkehrt: Die begehrte Person wird ihr nachlaufen (diw/cei), wird ihr Geschenke bringen (dw/sei) und ihr ihre Liebe antragen (filh/sei), auch wenn sie es jetzt noch gar nicht beabsichtigt. Aphrodite soll Sapphos Mitstreiterin sein (su/mmacoj e)/sso)8.

Die angerufene Göttin Aphrodite repräsentiert und ist die Wirkkraft der Schönheit9; Sappho wünscht sich die Gegenwart dieser Wirkkraft in der Entfaltung ihrer ganzen Pracht - das ist die Bedeutung der Epiphanie, darin besteht die Symmachie der Aphrodite. Dass Sappho "schön" gewesen ist, bezeugt schon Platon10, auch wenn ihr "äußerliche Schönheit" von späteren Autoren wie Maximos v.Tyros abgesprochen wurde11. Nicht diskutiert worden ist bislang, worin diese Schönheit bestanden habe, welche Auffassung von Schönheit Platons Lob zugrunde lag.

Der moderne Begriff von Schönheit beruht - kurz gesagt - auf einer nicht-rationalen Erfahrung und ist ein Gegenstand der Anschauung bzw. des Empfindens, des Geschmacks o.ä. Demgegenüber ist schön bei Platon eine intelligible Sache, die nur dem Intellekt zugänglich ist, wobei die Schönheit in der Einheit des Mannigfaltigen zu einer bestimmten Sache liegt, d.h. ein Merkmal der bestmöglichen Realisation einer bestimmten Sache in einer relativ unbestimmten Materie12. Die spezifische Leistung der Dichtung bzw. eines einzelnen Gedichtes, nach Aristoteles die Darstellung (mi/mhsij) einer Handlung, liegt darin, "ein Anschaulich-Mannigfaltiges durch Aussonderung und Zusammenfassung von der Konfusion der Anschauung zu reinigen und auf eine geistige Einheit zurückzuführen"13.

Die weltberühmte Skulptur des Dornausziehers kann - im modernen Sinne - zur Veranschaulichung dieses Unterschiedes dienen: Der Künstler reduziert und vervollständigt einen möglichen, tatsächlichen oder imaginierten Gegenstand, der einen bestimmten Sachverhalt, eine Handlung oder einen Charakterzug14 als einen ihrer Akzidenzien zeigt, zu einer Skulptur, in der dieser Sachverhalt in der - mit Rücksicht auf das Material - bestmöglichen Realisation dargestellt wird. Während der abgebildete Gegenstand immer ein Zuviel bzw. Zuwenig gegenüber der gemeinten Sache zeigt, ist es die Vollendung der Kunst, eben genau diesen Sachverhalt darzustellen.

Darstellung (mi/mhsij) ist in diesem Sinne nicht die Nachahmung von etwas, das der Anschauung gegeben ist, bzw. dessen Idealisierung (im modernen Sinne) oder Abstrahierung, sondern die Reduzierung bzw. Vervollkommnung des darzustellenden Sachverhaltes. Der Dornauszieher symbolisiert nichts und weist nicht über sich hinaus auf etwas Ideelles, das er veranschaulicht, sondern er ahmt, soweit es die Materie, in die er hineingestaltet wurde, zulässt, in möglichst vollkommener Weise den Sachverhalt des Dornausziehens nach.

Demzufolge ist eine schöne Frau eine menschliche Person, die in möglichst vollkommener Weise die Sache Mensch in einer vom weiblichen Geschlecht bestimmten Materie wiedergibt. Diese möglichst vollkommene Realisation besteht nicht zuvorderst darin, äußeren Kriterien zu entsprechen, d.h. die Auffassung von Schönheit, die hier vertreten wird, ist keine äußerlich-ästhetische, die auf eine vor- bzw. irrationale Erkenntniskraft wie den subjektiven Geschmack o.ä. zurückgreift, sondern das Kriterium für die Schönheit ist die Frage, inwiefern ein bestimmtes Individuum die Sache Mensch durch Kultivierung seiner selbst realisiert.

Diese Kultivierung umfasst nicht nur, wie bei fast allen Autoren vermutet wird, Parfum, schöne Kleider und Körperpflege im Sinne von Äußerlichkeiten; sondern diese schönen Dinge sind Ausdruck der Kultivierung des Menschen, seiner Schönheit15. Die subjektive Responsion anderer Menschen auf Aphrodite, die Wirkkraft eben dieser Schönheit, ist der Eros, das Begehren. Dieses Streben ist allerdings nicht auf den von der sinnlichen Wahrnehmung bestimmten Bereich der Ästhetik beschränkt16. Eros ist nichts, was das Subjekt unvermittelt anfällt wie ein tollwütiger Hund und dann mit einer geradezu unheilbaren Krankheit infiziert, sondern das auf den Erkenntnisakt von Schönheit an einem Gegenstand oder Menschen folgende Begehren dieses Gegenstandes oder Menschen17.

Wie Sappho dies alles miteinander verknüpft und verschränkt, spricht von einer besonderen Kunst, einer rhetorischen Kunst, jemanden indirekt anzusprechen, zu umwerben. Dass Sappho die Göttin anspricht in der Überzeugung, dass sie von ihr Hilfe erwarten kann, zeigt, dass sie sich als der Göttin würdig weiß, weil sie eine kalh\ ka)gaqh\ gunh/ ist, liebenswürdig ist, eine vollendete Frau. Eben das durch die Liebe auch in einem jungen Mädchen zu wecken, in dem sie bereits Ansätze dieser Schönheit entdeckt hat, ist ihr Wunsch. Das Mädchen ist wohl ein schönes Mädchen, d.h. ein Mädchen, das Eigenschaften in sich verwirklicht hat, die erst das Mädchen zum Mädchen machen; die Tatsache, dass es so und so ist, hat den Eros der Sappho geweckt (tai=j ka/lais§ u)/mmin <to\> no/hmma tw)/mon ¦ ou) dia/meipton, Fr. 41 V.). Der Eros strebt nach der Verbindung mit dem geliebten Menschen, um etwas in ihm entstehen zu lassen (nach Platon, Smp. 206e ist der Eros ein e)/rwj th=j gennh/sewj kai\ tou= to/kou e)n t%= kal%=); d.h. um aus ihr eine vollendete Frau werden zu lassen, will Sappho eine liebende Verbindung mit ihr (filo/thj)18.

Eine wichtige Frage ist, ob das Gedicht eine Werbung um ein bestimmtes Mädchen ist, also im Sinne der Erlebnislyrik gedeutet werden muss. Es besteht m.E. keine logisch zwingende Notwendigkeit, ein bestimmtes Erlebnis anzunehmen, schon weil der Blick sich dabei vom vorliegenden Text weg auf eine imaginierte Person, welche die Dichterin verkörpern soll, richten würde. Selbst als ein ganz allgemein gehaltenes, ohne partikulären Anlass vorgetragenes Lied lässt sich ein durchaus plausibler Zweck erschließen: Einer schönen und kultivierten Frau wird Aphrodite in Liebesdingen immer Mitstreiterin sein; denn einer solchen Frau steht es zu, dass sie geliebt bzw. ihre Liebe erwidert wird - sie zu verschmähen oder zu ignorieren wäre ein Unrecht. Wird sie dennoch einmal verschmäht, wird die Göttin als Wirkkraft der Schönheit es ermöglichen, dieses Unrecht zu ändern. Denn zu den Fertigkeiten, über die eine schöne, kultivierte Person verfügt, gehört auch eine weitere Begleiterin der Aphrodite: pei/qw, die Überzeugungskraft, der es gelingen wird, den geliebten Menschen umwenden, sofern er nicht aufgrund fehlender Bildung außerstande ist, diese Schönheit überhaupt zu erkennen19.

Sapphos Aphroditeode als werbende Dichtung im Sinne einer Aufforderung, an sich selbst zu arbeiten, sich selbst zu kultivieren und zu vervollkommnen, aufzufassen wird leichter verständlich im Zusammenhang mit anderen Fragmenten, die sich mit dem Benehmen befassen (z.B. Fr. 50, 57, 158 V.) und dem von ihr selbst einmal beklagten Umstand, dass ein Mädchen sie wegen einer anderen Frau verlassen habe (Fr. 31 V.). Die Mädchen waren nicht fest an sie gebunden, sofern man überhaupt konstatieren kann, dass sie sich dauerhaft dort aufhielten. Es waren vermutlich keine zwingenden, sondern auf Freiwilligkeit beruhende Verbindungen. Es ist plausibel, dass sie mit den Schönheitswettbewerben zu Ehren der Hera zusammenhingen, die auf Lesbos gefeiert wurden, und sicherlich brachte ein Sieg bei einem solchem Wettbewerb auch der Frau Ehre, in deren Obhut das siegreiche Mädchen sich befand. Die wirkliche Organisation des Thiasos und das Leben, das seine Mitglieder führten, bleibt Gegenstand der Spekulation.

Gesichert ist nach dieser Deutung nur, dass, folgt man der Argumentation der Sappho, eine vollkommen kultivierte Frau die Göttin stets zu ihrer Mitstreiterin haben wird, und das durch Ablehnung angetane Unrecht durch die Überzeugungskraft, die Bestandteil dieser Bildung ist, überwunden werden kann, wobei das angetane Unrecht darin besteht, einer solchen Person nicht das ihr Gebührende zukommen zu lassen, was in diesem Falle Eros wäre als subjektive Responsion auf Aphrodite20.

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Anmerkungen

  1. Geprägt wurde dieser Begriff von dem Rhetor Menander (2./3. Jh. n.Chr.) im 2. Kapitel seiner Schrift peri\ e)pideiktikw=n (Rhetores Graeci vol. III, hg.v. L. Spengel, Leipzig 1856, S. 333): klhtikoi\ me\n ou)=n o(poi=oi/ ei)sin oi( polloi\ tw=n te para? t$= Sapfoi= h)\ A)nakre/onti h)\ toi=j a)/lloij metrikoi=j, klh=sin e)/xontej pollw=n qew=n." Cf. H. Meyer, Hymnische Stilelemente in der frühgriechischen Dichtung, Diss. Würzburg 1937. [zurück]
  2. So z.B. Wilamowitz, Schadewaldt, Snell u.a. (siehe dort bzw. die entsprechenden Kapitel hier!) [zurück]
  3. So z.B. R. Baggs, Love, Ceremony, and Daydream in Sappho's Lyrics, i: Arion 3 (1967), S. 42-82. [zurück]
  4. Die auf die Sprecherin des Gedichtes zurückgehende Anrede Ya/pf§ in v. 20 dürfte genügen, die Identität zwischen "lyrischem Ich" und Dichterin herzustellen. [zurück]
  5. Vv. 5-8: a)lla\ tui)=d§ e)/lq§, ai)/ pota kate/rwta [...] h)=lqej [...] (= Komm, wenn du jemals sonst [...] gekommen bist) Diese unmißverständliche Aufforderung weist auf die Dringlichkeit von Sapphos Anliegen hin. [zurück]
  6. ti/na (v. 18) und ti/j (v. 19), klären, dass es sich bei dem, was Sappho bekommen will, um eine Person handelt, e)qe/loisa (v. 24), dass es sich um eine weibliche Person handelt. [zurück]
  7. Sapphos Auffassung von der Liebe im Gegensatz zu der in den Deutungen vorherrschenden romantischen wird im folgenden noch zu klären sein (Zur romantischen Affassung siehe hier Anhang III!). [zurück]
  8. kwu)k e)qe/loisa (v. 24) steht im Gegensatz zu moi ma/lista qe/lw ge/nesqai (v. 17) und ist keineswegs absolut als "gegen ihren Willen" aufzufassen, sondern mehr im Sinne von "ohne es zu beabsichtigen". [zurück]
  9. Cf. G. Krüger, Einsicht und Leidenschaft. Das Wesen des platonischen Denkens, Frankfurt a.M. 1939, S. 3-73, insbes. 9ff. Die z.B. bei Pfeiffer, Snell und Fränkel, aber auch bei Schadewaldt und anderen formulierte Meinung, dass eine Gottheit über ihre timh/ verfügt wie ein absoluter Herrscher über sein Vermögen an Macht und Geld, das er nach Gutdünken verleihen oder verweigern kann, entspricht sicherlich nicht der im Gedicht geäußerten Bild göttlicher Macht; hier ist die Präsenz der Aphrodite als Mitstreiterin der Sappho die Präsenz der Wirkkraft der Schönheit. Die Epiphanie darf nicht im Sinne einer romantischen Marienerscheinung verstanden werden, sondern als die Gegenwart und Wirksamkeit der göttlichen timh/, ohne dass diese Wirkkraft dabei in der sie repräsentierenden anthropomorphen Gestalt sinnlich wahrnehmbar wäre. [zurück]
  10. Platon, Phdr. 235c: Sapfou=j th=j kalh=j h)\ A)nakre/ontoj tou= sofou=; Sokrates rechnet hier Sappho, Anakreon und einige Prosaschriftsteller zu seinen Vorbilder in der Rhetorik - nicht die Sophisten. [zurück]
  11. Fr. 258 V. (= Max. Tyr. 18,7 p. 227 Hob.): [...] h)/ pou Saphou=j th=j kalh=j (ou)/tw ga\r au)thn\ o)noma/zwn xai/rei dia\ th\n w(/ran tw=n melw=n, kai/toi mikra\n ou)=san kai\ me/lainan) h)\ A)nakre/ontoj. Cf. Fr. 259 V. (= Schol. Luc. Im. 18 p.186 Rabe): o(/son ei)j sw=ma ei)dexhesta/th Sapfw/, mikra/ te kai\ me/laina o(rwme/nh, kai\ ti/ ga\r a)/llo h)\ a)hdw\n a)mo/rfoij toi=j pti/loij e)pi\ smikr%= t%= sw/mati perieilhme/nh; [zurück]
  12. Cf. A. Schmitt, Klassische und platonische Schönheit. Anmerkungen zu Ausgangsform und wirkungsgeschichtlichem Wandel des Kanons klassischer Schönheit, in: W. Voßkamp (Hg.) Klassik im Vergleich. Normativität und Historizität europäischer Klassiken (DFG-Symposion 1990), Stuttgart / Weimar 1991, S. 403-428; S. 417: "Alles, was verstanden werden kann, wird als je bestimmte Einheit einer je so oder anders gearteten Mannigfaltigkeit begriffen." [zurück]
  13. Cf. A. Schmitt, Das Schöne: Gegenstand von Anschauung oder Erkenntnis? Zur Theorie des Schönen im 18. Jahrhundert und bei Platon, in. Filosofia 17/18 (1987/88), S. 272-296, Zitat S. 292; cf. ders., Klassische und platonische Schönheit, S. 413: "Diese Überzeugung, dass das von Natur Seiende selbst schön sei und dass diese Schönheit in Maß, Zahl und Proportion gründe, ist ohne Frage genuin platonisch. Die 'Natur der Dinge' meint bei Platon aber die intelligible transzendente Wesenheit des Seienden in klarer und strikter Unterscheidung von den natürlichen Dingen der sinnlich-empirischen Welt." S. 417: "Alles, was verstanden werden kann, wird als je bestimmte Einheit einer je so oder anders gearteten Mannigfaltigkeit begriffen." [zurück]
  14. Aristot.Poet. 1447a (über die Tänzer): [...] ou(/toi dia\ tw=n sxhmatizome/nwn puqmw=n mimou=ntai kai\ h)/qh kai\ pa/qh kai\ pra/xeij in diesem Falle das Entfernen eines Dorns aus der Fußsohle, also eine Handlung. [zurück]
  15. Die Annahme der Existenz von Seele als den immateriellen Vermögen des Menschen, Leidenschaft (e)piqumi/a), Eifer (qumo/j) und Geist (nou=j) kann bereits für Homer sinnvoll vertreten werden (cf. A. Schmitt, Selbständigkeit und Abhängigkeit menschlichen Handelns bei Homer. Hermeneutische Untersuchungen zur Psychologie Homers, Stuttgart / Mainz 1990, passim) [zurück]
  16. Im Gegensatz zur zunehmenden Reduktion der Erkenntnis menschlicher Schönheit auf die unteren und untersten Erkenntniskräfte (das sexuelle Begehren gehört nach Platon in den Bereich der haptischen Wahrnehmung und damit der haptischen Leidenschaften, die aufgrund ihrer engen Nähe zur Materie als dem Unbestimmten besonders unklar und konfus sind) ist ein deutliches Zeichen dafür, dass sich die späte Neuzeit in einer Bewegung zunehmender Verwirrung und Verdunkelung befindet. Man muß nicht den Untergang des Abendlandes beschwören, um den Eindruck zu gewinnen, dass unser Begriff von Wissen im platonischen Sinne über das Meinen, ja in vielen Dingen über das bloße Mutmaßen, die unterste, unklarste und verworrenste (und damit verwirrendste) Erkenntnisart, nicht mehr hinauskommt (cf. A. Schmitt, Kritische Anmerkungen zum neuzeitlichen Wissenschaftsbegriff aus der Sicht des Altphilologen, in: Gymnasium nn (1991), S. 232-254). Die Erkenntnis menschlicher Schönheit orientiert sich nach Platon weder an rein äußerlichen Kriteien, noch an rein moralischen Kriterien, die in der Anschauung gegeben werden (die Frage der sog. "inneren Werte" als Kriterium der Schönheit. [zurück]
  17. Platon bestimmt den Eros auf diese Weise im Symposion sehr ausführlich (201d-211c). Der platonische Eros ist kein Gott, da er Mangel leidet, sondern ein großer Daimon (dai/mwn me/gaj [...] kai\ gar\ pa=n to\ daimo/nion metacu/ e)sti qeou= te kai\ a)nqrw/pou, 202d/e). [zurück]
  18. Die Vermutung ähnelt der Deutung von Wilamowitz; die Unterschiede sind jedoch gravierend, da Wilamowitz die ethischen und sozialen Bedingungen und die Theorien seiner Zeit unreflektiert in seine Deutung mit einbringt (siehe hier S. 26-32!), während hier versucht werden soll, die Differenz und Inkompatibilität zwischen dem im Gedicht Dargestellten und den modernen Theorien zu zeigen. [zurück]
  19. Diese Auffassung würde auch die Parallele erklären, die Platon zwischen Sappho und Sokrates zog, der die Dichterin (Sapfw\ h( kalh/) im Hinblick auf die Rhetorik ein Vorbild des Sokrates nannte. [zurück]
  20. Zur Klärung des antiken Begriffs von Eros im Unterschied zu den modernen, von der Romantik (siehe hier Anhang III, S. 156ff.!) und der empirischen Psychologie geprägten Auffassungen, die sich eigentlich wiedersprechen und deren Zusammentreffen in der neuesten Literatur, aber auch in Filmen geradezu als ein Wunder gepriesen wird, cf. G. Krüger, Einsicht und Leidenschaft. Das Wesen des platonischen Denkens, Frankfurt a.M. 1939, S. 9ff. [zurück]

Fr. 1 V. - Aphroditehymnos: [Text] - [Übersetzung] - [Interpretation]
Anhang 1: [Vorbemerkungen] - [Fr.1 V.] - [Fr. 16 V.] - [Fr. 96 V.] - [Fr. 31 V.] - [Ergebnis]
Auszug: [Inhalt] - [Anhang 1] - [Anhang 2] - [Anhang 3] - [Synopsis]

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