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Iris Kammerer, Autonomie und Heteronomie in der Tragödie bei Fr. v. Schiller

Fr. 31 V. - "Eifersucht auf den Bräutigam"
Die vollkommene Braut

Interpretation

Gemeinhin deutet die Forschung das Gedicht auf zwei Weisen als Hochzeitsgedicht oder als Wiedergabe einer persönlichen Erfahrung der Sappho . Die Einhelligkeit, mit der dieses Gedicht beurteilt wird, läßt sich allerdings auf eine nie aufgegebene romantische Auffassung von Lyrik zurückführen, die sich in den letzten drei Interpretationen als unnötig, ja wenn nicht gar störend erwiesen hat.

  1. Ist dieses Gedicht wirklich entweder ein ganz persönliches Hochzeitslied oder "das Dokument einer Selbsterfahrung", also die authentische Wiedergabe eines Erlebnisses bzw. einer Empfindung?
    Oder handelt es sich erneut um ein Enkomion, ein Preislied, das die besondere Wirkung einer ausgeprägten Schönheit wiedergibt?
  2. Ist das geschilderte Gefühl eine Wiedergabe von Angst und Schrecken?
    Oder ist es die Darstellung des Eros als Responsion auf Aphrodite, wie er auch von Platon (Smp. 201c-211c) bestimmt wird?
  3. Gibt dieses Gedicht eine Trennung wieder als ein leidvolles Ereignis innerhalb des Thiasos?
    Oder zeigt es die Ambivalenz des Schrittes in die Welt der erwachsenen Frau, die ein Ende der Jungmädchenzeit ist, aber, im Falle einer vollendet gebildeten Frau, ein Schritt in ein schönes, weil vollendet gestaltetes Leben?

Vv. 1-5 schildern eine fiktive, ganz allgemein angenommene Situation, in der das angesprochne Mädchen bzw. die junge Frau ihrem (zukünftigen) Mann gegenübersitzt, mit ihm spricht und scherzt, während er ihr zuhört .

Schon Latacz hat festgestellt, daß die erste Strophe ein Makarismós der Angesprochenen ist ; in diesem Zusammenhang verweise auch ich auf eine wichtige Parallele bei Homer (Od. 149-162):

Ich flehe dich auf Knien an, Herrin! <Sage mir:> Bist du nun eine Göttin oder eine Sterbliche? Wenn du eine Göttin bist, <eine von denen,> die den weiten Himmel bewohnen, halte ich zumindest dich der Artemis, der Tochter des großen Zeus an Gestalt und Größe und Wuchs am ehesten für gleich. Wenn du dagegen eine Sterbliche bist, <eine von denen,> die auf der Erde wohnen, sind dreimal selig dir Vater und die Herrin Mutter! Dreimal selig dann die Brüder: wie sehr muß sich ihnen das Gemüt jedesmal in Festesfreude erwärmen um deinetwillen, wenn sie ein solches Reis zum Tanz sich anschicken sehen! Derjenige aber ist im Herzen der seligste weit vor den anderen, der dich mit Brautgeschenken beladen nach Hause führt. Noch nie sah ich mit <eigenen> Augen einen solchen <Menschen>, weder Mann noch Frau. Respekt hält mich fest, während ich dich anschaue.

In diesen Versen ist Odysseus diese Preisung in den Mund gelegt, welche die Phaiakenprinzessin Nausikaa in epischer Weise auf das genaueste charakterisiert als ein vollendet schönes und kultiviertes junges Mädchen im heiratsfähigen Alter . Auch ihr wird etwas gottähnliches zugesprochen, indem sie mit Artemis vergleichen wird. Ihre Familie wird dreimal selig gepriesen und ihr zukünftiger Mann als der seligste von allen angesehen . Diesen Gedanken enthält auch, obgleich in der Form eines allgemeinen Gedankens, die Bestimmung des (zukünftigen) Ehemannes des von Sappho gepriesenen Mädchens in unserem Gedicht.

Sappho fährt allerdings in einer Weise fort, die es dem bloßen Augenschein nach unmöglich macht, das Gedicht anders als das Dokument einer Selbsterfahrung aufzufassen. Dies (), nämlich dieser Gedanke , ist es, was das ‚lyrische Ich' in Schrecken versetzt, so daß es alle Symptome erlebt, die im Folgenden geschildert werden: Herzklopfen, Sprachlosigkeit, Hitzewallung, Schwärze vor Augen, dröhnende Ohren, Schweißausbruch, Zittern und fahle Blässe, kurzum: das Gefühl von nahezu tödlicher Ohnmacht, das Sappho hier wiedergibt, hat seine Ursache in dem Gedanken an eine (bevorstehende?) Trennung.

Der Autor der Schrift DE SUBLIME, der das Gedicht überliefert, bezeichnet die geschilderten Erscheinungen als "Affekte, die die Rasereien des Eros begleiten" ( ; ps.-Longin 10,1) . Letztendlich gibt die Schilderung der Affekte das Ich wieder in einem "Zustand von Desorientierung und Desintegration, der ihm die Beherrschung und Koordination seiner Teile und der körperlichen Funktionen unmöglich macht" , der Mensch hat geradezu seine Einheit verloren.

Die Entgegensetzung dessen, daß ein möglicher (zukünftiger) Ehemann den Göttern gleichgesetzt wird und das ‚lyrische Ich' des Gedichtes den Verlust seiner selbst beschreibt, läßt sich unter erneutem Rückgriff auf Platons Eros-Theorie (SMP 199c-211c) erklären. Ein Gott ist demzufolge ein Wesen, daß glückselig ist und von daher keinen Mangel leidet (202c/d); da Eros immer Eros nach etwas sei ( ) leide er Mangel; er sei ein Daimon, ein Wesen zwischen Gott und Mensch.

Angewendet auf das Gedicht bedeutet das, der Mann leidet keinen Mangel mehr, er hat die junge Frau erworben, hat sie nach Hause geführt und lebt nun in ihrer beglückenden Gegenwart. Das ‚lyrische Ich' hingegen beschreibt den Mangel, der von den geschilderten Symptomen begleitet den Liebenden umtreibt (cf. Platon SMP. 207a-208b). Insofern ist es richtig, daß Sappho die Symptome des Eros schildert - falsch wäre es nach dieser Interpretation anzunehmen, daß die Symptome tatsächliche authentisch wiedergegebene Empfindungen des ‚lyrischen Ichs' sind; sondern sie sind die mimetische Wiedergabe eines Zustandes, der logisch wahrscheinlich oder notwendig ist .

Indem Sappho die Symptome des Mangels in dieser Schärfe schildert, verdeutlicht sie auch die gewaltige Wirkung, welche die Schönheit des Mädchens ausübt, da der Eros als die Responsion auf die Wirkkraft der Schönheit aufgefaßt werden muß - und indem sie erklärt, wer immer dieses Mädchen zur Frau bekommt, wird göttergleich sein und glückselig .

Diese indirekte Schilderung, die die Schönheit der Angesprochenen durch ihre Wirkung auf jemanden, der ihrer teilhaftig geworden ist, als Glückseligkeit in einer Art darstellt, aber vor allem die auf den, der sie sieht und den dieser Schönheit entsprechenden Eros hat, da er sich nach ihr sehnt, ist ein äußerst kunstvolles Enkomion auf die vollendete Schönheit einer jungen Frau.

Somit ergäbe eine Deutung dieser Art, die keine lyrische Authentizität, keine Partikularität des Sujets, keine Reduktion auf romantische Auffassungen von Weiblichkeit, Liebe etc. als absolut voraussetzt, zu dem Ergebnis, daß es sich auch bei diesem Gedicht um ein Enkomion der Schönheit im Sinne der handelt, der Preisung einer vollendeten Frau. Das Leben und Erwachsenwerden im Kreise der Sappho läßt aus den Mädchen junge Frauen werden, welche die Frauen ihrer Umgebung weit überstrahlen und auf ihre Umgebung einen enormen Reiz ausüben.

Somit können alle diese Gedichte durchaus im Kreise der Sappho vorgetragen worden sein als Enkomien vollendeter Schönheit, die zugleich den pädagogischen Ansporn enthalten, die gebotenen Möglichkeiten des Thiasos zur eigenen Vervollkommnung zu nutzen und den Gepriesenen nachzueifern. Es bedurfte demnach keines gegebenen Anlasses, diente der Bestätigung der Richtigkeit des Lebens im Thiasos ebenso wie der Erinnerung an (ehemalige) vorbildhafte Mitglied (cf. Fr. 147 V.: < > + + ), an Frauen, welche keine von denen waren, denen Sappho bäurische Unkultiviertheit (Fr. 57 V.), unbeherrschten Jähzorn (Fr. 158 V.) oder peinliche Taktlosigkeit (Fr. 91 V.) vorwarf, keine, auf die die düstere Aussicht paßte (Fr. 55 V.):

Wenn du gestorben bist, liegst du da, und es wird keine Erinnerung je an dich geben, auch später niemals - du hast ja nicht teil an den Rosen aus Pieria, sondern unscheinbar wirst du in Hades' Haus schweifen unter den matten Toten, wenn du entfleucht bist.

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Anmerkungen

  1. Hierzu ausführlich J. Latacz, Realität und Imagination S. 76f. (Siehe S. 106 Anm. 29!). Die Satzstruktur ist mit ... ... die gleich wie die in Fr. 16,3f. V.: t- / tw . Zur Diskussion cf. Latacz, Realität S. 82-85 (siehe auch hier S. 107 mit Anm. 29!)
  2. Cf. Latacz, Realität S. 87f.; Latacz geht allerdings von einer romantischen Lyrikauffassung aus und deutet somit das Gedicht als Ausdruck des eigenen heftigen Schmerzes und der Angst der Sappho, die sich am Ende in tapfere Zuversicht wandelt (siehe hier S. 106-108!).
  3. Daß Odysseus trotz der Liebe, die Nausikaa zu ihm faßt, zu Penelope zurück will, ist ein deutliches Zeichen dafür, wie stark eine eheliche Bindung zwischen Mann und Frau zu dieser Zeit sein konnte, wenn beide Ehepartner vollendete Menschen waren - für nichts würde Odysseus in eine Trennung von Penelope einwilligen wie umgekehrt auch sie alles unternimmt, um keine neue Bindung eingehen zu müssen.
  4. Da mákares ein typisches Epitheton für Götter ist (z.B. Homer IL. 339: ; Sappho Fr. 1,13 V.: ), kann man auch darauf schließen, daß sich die Verwandten durch die Vollkommenheit dieses Mädchens aus der Menge der Menschen fast schon den Göttern annähern. Dahinter steckt sicherlich auch der Gedanke, daß ein Mensch nicht durch Zufall seine Vollendung erreicht, sondern durch die Ausbildung seiner in der Erziehung, also auch durch die Eltern und Geschwister.
  5. Gegenüber dieser Auffassung, die dem allgemeinen Charakter von vv. 1-5 betont, werden sie gewöhnlich als die Wiedergabe einer reale Situation oder bestenfalls einer Vorstellung aufgefaßt.
  6. Allein diese Formulierung ist m.E. eine Widerlegung der Ansicht Fränkels: "Körper und Seele sind noch eines." (Dichtung und Philosophie S. 200); cf. M. Weißenberger, Liebeserfahrung in den Gedichten Sapphos und das Problem des Archaischen, in: RHM 134 (1991), S. 209-237.
  7. Weißenberger, Liebeserfahrung S. 215; siehe dort S. 211-215 seine vorzügliche Analyse, die zu diesem Ergebnis führt und hier vorausgesetzt wird!
  8. Aristoteles fordert im 9. Kapitel seiner Poetik, daß es nicht Aufgabe des Dichters sei die realen Sachverhalte zu erzählen, sondern wie mögliche Sachverhalte der Wahrscheinlichkeit oder der Notwendigkeit nach geschähen (1451a36ff.:
  9. Das Wort in v. 17 weist nochmals auf diesen Zustand hin, von daher ist sich d. Verf. sicher, daß es mit einem verlorenen verbunden oder zumindest sinngemäß auf das ‚lyrischen Ich' bezogen werden müßte; eine Gnome, die im Sinne von aber man muß alles ertragen, also im Sinne eins stoischen Erduldens des Leidens, kommt dieser Deutung nach an dieser Stelle nicht in Frage.

Fr. 31 V. - Pathographie: [Text] - [Übersetzung] - [Interpretation]
Anhang 1: [Vorbemerkungen] - [Fr. 1 V.] - [Fr. 16 V.] - [Fr. 96 V.] - [Fr. 31 V.] - [Ergebnis]
Auszug: [Inhalt] - [Anhang 1] - [Anhang 2] - [Anhang 3] - [Synopsis]

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