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Iris Kammerer, Autonomie und Heteronomie in der Tragödie bei Fr. v. Schiller
Gemeinhin deutet die Forschung das Gedicht auf zwei Weisen als Hochzeitsgedicht oder als Wiedergabe einer persönlichen Erfahrung der Sappho . Die Einhelligkeit, mit der dieses Gedicht beurteilt wird, läßt sich allerdings auf eine nie aufgegebene romantische Auffassung von Lyrik zurückführen, die sich in den letzten drei Interpretationen als unnötig, ja wenn nicht gar störend erwiesen hat.
Vv. 1-5 schildern eine fiktive, ganz allgemein angenommene Situation, in der das angesprochne Mädchen bzw. die junge Frau ihrem (zukünftigen) Mann gegenübersitzt, mit ihm spricht und scherzt, während er ihr zuhört .
Schon Latacz hat festgestellt, daß die erste Strophe ein Makarismós der Angesprochenen ist ; in diesem Zusammenhang verweise auch ich auf eine wichtige Parallele bei Homer (Od. 149-162):
Ich flehe dich auf Knien an, Herrin! <Sage mir:> Bist du nun eine Göttin oder eine Sterbliche? Wenn du eine Göttin bist, <eine von denen,> die den weiten Himmel bewohnen, halte ich zumindest dich der Artemis, der Tochter des großen Zeus an Gestalt und Größe und Wuchs am ehesten für gleich. Wenn du dagegen eine Sterbliche bist, <eine von denen,> die auf der Erde wohnen, sind dreimal selig dir Vater und die Herrin Mutter! Dreimal selig dann die Brüder: wie sehr muß sich ihnen das Gemüt jedesmal in Festesfreude erwärmen um deinetwillen, wenn sie ein solches Reis zum Tanz sich anschicken sehen! Derjenige aber ist im Herzen der seligste weit vor den anderen, der dich mit Brautgeschenken beladen nach Hause führt. Noch nie sah ich mit <eigenen> Augen einen solchen <Menschen>, weder Mann noch Frau. Respekt hält mich fest, während ich dich anschaue.
In diesen Versen ist Odysseus diese Preisung in den Mund gelegt, welche die Phaiakenprinzessin Nausikaa in epischer Weise auf das genaueste charakterisiert als ein vollendet schönes und kultiviertes junges Mädchen im heiratsfähigen Alter . Auch ihr wird etwas gottähnliches zugesprochen, indem sie mit Artemis vergleichen wird. Ihre Familie wird dreimal selig gepriesen und ihr zukünftiger Mann als der seligste von allen angesehen . Diesen Gedanken enthält auch, obgleich in der Form eines allgemeinen Gedankens, die Bestimmung des (zukünftigen) Ehemannes des von Sappho gepriesenen Mädchens in unserem Gedicht.
Sappho fährt allerdings in einer Weise fort, die es dem bloßen Augenschein nach unmöglich macht, das Gedicht anders als das Dokument einer Selbsterfahrung aufzufassen. Dies (), nämlich dieser Gedanke , ist es, was das ‚lyrische Ich' in Schrecken versetzt, so daß es alle Symptome erlebt, die im Folgenden geschildert werden: Herzklopfen, Sprachlosigkeit, Hitzewallung, Schwärze vor Augen, dröhnende Ohren, Schweißausbruch, Zittern und fahle Blässe, kurzum: das Gefühl von nahezu tödlicher Ohnmacht, das Sappho hier wiedergibt, hat seine Ursache in dem Gedanken an eine (bevorstehende?) Trennung.
Der Autor der Schrift DE SUBLIME, der das Gedicht überliefert, bezeichnet die geschilderten Erscheinungen als "Affekte, die die Rasereien des Eros begleiten" ( ; ps.-Longin 10,1) . Letztendlich gibt die Schilderung der Affekte das Ich wieder in einem "Zustand von Desorientierung und Desintegration, der ihm die Beherrschung und Koordination seiner Teile und der körperlichen Funktionen unmöglich macht" , der Mensch hat geradezu seine Einheit verloren.
Die Entgegensetzung dessen, daß ein möglicher (zukünftiger) Ehemann den Göttern gleichgesetzt wird und das ‚lyrische Ich' des Gedichtes den Verlust seiner selbst beschreibt, läßt sich unter erneutem Rückgriff auf Platons Eros-Theorie (SMP 199c-211c) erklären. Ein Gott ist demzufolge ein Wesen, daß glückselig ist und von daher keinen Mangel leidet (202c/d); da Eros immer Eros nach etwas sei ( ) leide er Mangel; er sei ein Daimon, ein Wesen zwischen Gott und Mensch.
Angewendet auf das Gedicht bedeutet das, der Mann leidet keinen Mangel mehr, er hat die junge Frau erworben, hat sie nach Hause geführt und lebt nun in ihrer beglückenden Gegenwart. Das ‚lyrische Ich' hingegen beschreibt den Mangel, der von den geschilderten Symptomen begleitet den Liebenden umtreibt (cf. Platon SMP. 207a-208b). Insofern ist es richtig, daß Sappho die Symptome des Eros schildert - falsch wäre es nach dieser Interpretation anzunehmen, daß die Symptome tatsächliche authentisch wiedergegebene Empfindungen des ‚lyrischen Ichs' sind; sondern sie sind die mimetische Wiedergabe eines Zustandes, der logisch wahrscheinlich oder notwendig ist .
Indem Sappho die Symptome des Mangels in dieser Schärfe schildert, verdeutlicht sie auch die gewaltige Wirkung, welche die Schönheit des Mädchens ausübt, da der Eros als die Responsion auf die Wirkkraft der Schönheit aufgefaßt werden muß - und indem sie erklärt, wer immer dieses Mädchen zur Frau bekommt, wird göttergleich sein und glückselig .
Diese indirekte Schilderung, die die Schönheit der Angesprochenen durch ihre Wirkung auf jemanden, der ihrer teilhaftig geworden ist, als Glückseligkeit in einer Art darstellt, aber vor allem die auf den, der sie sieht und den dieser Schönheit entsprechenden Eros hat, da er sich nach ihr sehnt, ist ein äußerst kunstvolles Enkomion auf die vollendete Schönheit einer jungen Frau.
Somit ergäbe eine Deutung dieser Art, die keine lyrische Authentizität, keine Partikularität des Sujets, keine Reduktion auf romantische Auffassungen von Weiblichkeit, Liebe etc. als absolut voraussetzt, zu dem Ergebnis, daß es sich auch bei diesem Gedicht um ein Enkomion der Schönheit im Sinne der handelt, der Preisung einer vollendeten Frau. Das Leben und Erwachsenwerden im Kreise der Sappho läßt aus den Mädchen junge Frauen werden, welche die Frauen ihrer Umgebung weit überstrahlen und auf ihre Umgebung einen enormen Reiz ausüben.
Somit können alle diese Gedichte durchaus im Kreise der Sappho vorgetragen worden sein als Enkomien vollendeter Schönheit, die zugleich den pädagogischen Ansporn enthalten, die gebotenen Möglichkeiten des Thiasos zur eigenen Vervollkommnung zu nutzen und den Gepriesenen nachzueifern. Es bedurfte demnach keines gegebenen Anlasses, diente der Bestätigung der Richtigkeit des Lebens im Thiasos ebenso wie der Erinnerung an (ehemalige) vorbildhafte Mitglied (cf. Fr. 147 V.: < > + + ), an Frauen, welche keine von denen waren, denen Sappho bäurische Unkultiviertheit (Fr. 57 V.), unbeherrschten Jähzorn (Fr. 158 V.) oder peinliche Taktlosigkeit (Fr. 91 V.) vorwarf, keine, auf die die düstere Aussicht paßte (Fr. 55 V.):
Wenn du gestorben bist, liegst du da, und es wird keine Erinnerung je an dich geben, auch später niemals - du hast ja nicht teil an den Rosen aus Pieria, sondern unscheinbar wirst du in Hades' Haus schweifen unter den matten Toten, wenn du entfleucht bist.
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