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Iris Kammerer, Sappho und ihre Dichtung in der Deutung der Forschung des 20.Jh.s
Anhang 1: Vier vorsichtige Versuche zur Interpretation

Fr. 96 V. - Die ferne Freundin
Weibliche Vollkommenheit

Interpretation

In weiten Kreisen der Forschung wird dieses Gedicht als ein Trostgedicht für Atthis aufgefasst, das dieser über den Verlust ihrer geliebten Freundin hinweghelfen soll, welche die Gemeinschaft der Mädchen um Sappho verlassen habe. Diese Deutung setzt voraus, dass dem Gedicht eine reale Situation zugrunde liegt. Es wird aufgrund der Annahme der Authentizität lyrischer Aussagen auf ein Erlebnis geschlossen, dass der Auslöser dieses Gedichtes war. Vorbild für alle späteren Deutungen war hier die Interpretation von Wilamowitz, die das Bild zweier verlassener, trauriger Frauen auf einem Söller evoziert, die über das Meer gen Lydien blicken und deren Sehnsucht im Anblick des Mondes das Bild der geliebten Arignota entstehen lässt, die sich in der Ferne um ihretwillen grämt1.

Betrachtet man die Wirkkraft dieser Deutung, spannt sich, wenn man auf die in der langen hermeneutischen Studie erworbenen Kriterien zurückblickt, folgender Fragenkomplex auf:

  1. Kann das oben beschriebene Bild als eine angemessene Deutung des Gedichtes betrachtet werden?
    Oder handelt es sich hierbei um die enkomiastische Darstellung einer vollkommenen Frau - vollkommen, weil sie sich im Thiasos der Sappho zu einer schönen und kultivierten Dame herangebildet hat?
  2. Dient die dargestellte Sehnsucht der fernen Gefährtin der Tröstung der Atthis und / oder der Selbsttröstung der Sappho?
    Oder ist dieser Aspekt des Gedichtes eine Preisung des Lebens im musenpflegenden Haus (e)n moisopo/lwn do/moj, Fr. 150,1 V.), das die ferne Gefährtin verlassen musste?
  3. Ist es ein Beispiel für Erlebnislyrik?
    Oder ist es ein Enkomion des Thiasos und des durch ihn ermöglichten Resultates menschlicher Vollkommenheit in Gestalt der fernen Gefährtin und der Verbundenheit zwischen ihr und Atthis?

Um die Problematik der bruchstückhaft erhaltenen Teile (vv. 1-4, 17-36) vorerst auszusparen, soll die Interpretation sich zunächst auf die Schilderung der fernen Gefährtin und das Mondgleichnis beschränken, ehe von dieser Basis aus aufgrund der restlichen Fragmente Aussagen über das Gedicht als Ganzes gemacht werden können.

Die Frau, die dargestellt wird, ragt deutlich erkennbar, ja auffallend unter den lydischen Frauen hervor, und sie wird in dieser Hinsicht verglichen mit dem nach Sonnenuntergang aufgehenden Vollmond, der mit seinem Licht die Sterne überstrahlt2. Ohne die Assoziation weiter zu betonen, wird geschildert, wie der Mond seinen Schein über das Meer wirft und über das blumenreiche Land, wie der Tau perlt3, während die Blüten von Wildrose, Kerbel und Honig- bzw. Steinklee duften4. Es ist der Mond bzw. resp. die Göttin Selene, deren Kraft dieses Wachstum und Gedeihen bewirkt - und im Vergleich ist es die ferne Gefährtin, die entsprechende heilsame Wirkungen in ihrem Umfeld ausübt.

Das Gleichnis evoziert den Gedanken an eine vollkommen gebildete, schöne und kultivierte Frau, wie wir sie durch die beiden letzten Interpretationen erschlossen haben. Die ferne Gefährtin hat ihre Bildung im Hause der Sappho abgeschlossen und geht nun ihren weiteren Lebensweg als eine vollendete Dame5.

Zugleich ist die Metapher auch verwandt mit den Schilderungen des Haines der Aphrodite und in diesem Sinne schließt sich der Gedanke an, dass sich die ferne Gefährtin zurücksehnt dorthin, wo sie sich herangebildet hat zu dem, was sie jetzt ist, wie auch zu ihrer Freundin Atthis.

Die aufgrund des schlechten Zustandes des Papyros (PBerol. 9722 fol. 5, 1-20) nur äußerst fragmentarisch überlieferten weiteren Verse enthalten möglicherweise - ähnlich wie Fr. 94,12-29 V. - eine Darstellung des Lebens im Thiasos, d.h. der Art von Bildung, die Sappho den ihr anvertrauten Mädchen zukommen ließ6. Als ob mit v. 21 ein neuer Abschnitt einsetze, beginnt er mit einer allgemein gehaltenen Gnome: "Zwar ist es nicht leicht für uns, sich Göttinnen anzugleichen an lieblicher Gestalt ...", dem ein Gegensatz gefolgt sein dürfte in dem Sinne, dass das Leben im Thiasos eine Möglichkeit bietet, einen mehr oder weniger großen Anteil daran zu erlangen. Es wird möglicherweise eine ähnliche Situation dargestellt wie sie Fr. 2 V. schildert7.

Es ist die Sehnsucht nach diesem Leben und der zu diesem Leben gehörenden innigen Verbindung mit Atthis, nach der die ferne Gefährtin sich sehnt; denn als eine vortreffliche Frau kann sie keinesfalls gedankenlos vergessen, was ihr geholfen hat, so zu werden, wie sie ist.

Insofern, um zum Anfang des Gedichtes zurückzukehren, ist es durchaus zu begrüßen, wenn Sappho die Sehnsucht der fernen Gefährtin, die beinahe eine Nostalgie im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich Heimweh, ist. Dass sie ihr Denken auf Sapphos Haus richtet, auf das Leben im Thiasos (wÃj pot§ e)zw/omen, wie Blass für v. 3 konjizierte), als sie die im Gedicht Angesprochene als eine leibhaftige Göttin ansah, ihren Gesang im höchsten Maße genoß8.

Was letztendlich als gesichert aus dem Fragment geschlossen werden kann, ist, dass es sich bei der Frau, die unter lydischen Frauen herausragt, um ein früheres Mitglied des sapphischen Thiasos handelt, die zu einer vollkommenen Dame herangewachsen ist, wie Fr. 105a V. zeigt (oiÅon to\ gluku/malon e)reu/qetai aÃkr% e)p§ uÃsd%, / aÃkron e)p§ a)krota/t$, lela/qonto de\ malodro/phej: / ou) ma\n e)klela/qont§, a)ll§ ou)k e)du/nant§ e)pi/kesqai.), herangereift nicht im Verborgenen, sondern in der Obhut eines Kreises, der eine solche Entwicklung ermöglicht.

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Anmerkungen

  1. Man kommt nicht umhin, sich an Goethes Iphigenie erinnert zu sehen (10-14):
    "Denn ach! mich trennt das Meer von den Geliebten,
    Und an dem Ufer steh' ich lange Tage,
    Das Land der Griechen mit der Seele suchend;
    Und gegen meine Seufzer bringt die Welle
    Nur dumpfe Töne brausend mir herüber."
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  2. Das Epitheton brododa/ktuloj, das ihm hier zugewiesen wird, läßt sich für den gerade aufgehenden Vollmond ebensogut erklären wie für die von den Frauen für besonders schön aufgefaßte Hautfarbe, die der Blütenfarbe der Rosa canina (weiß bis hellrosa) gleicht, aber auch für den Duft; daher die Epitheta brodoph/xuj u.ä. für Göttinnen; entweder Sappho überträgt die Farbe der Hände einer schönen Frau auf das Bild des Mondes, oder die vor dem Mond schwebenden, noch rosig gefäbten Schwaden des Abendnebels sind die "Finger" (wie umgekehrt auch die des Morgennebels bei der "rosenfingrigen Eos" - r(ododa/ktuloj H)w/j, Homer, Od. b 1; Hesiod, Op. 610). [zurück]
  3. Nach einer antiken Auffassung bewirkt der Mond den Tau (cf. Alkman Fr. 57 D.; Aristot. H.A. 582aa 34ff.; Plinius H.N. 2,221-223; Plutarch de Facie 939f.; Proklos in Tim. 61) [zurück]
  4. Es ist ein allgemein bekanntes und schon in der Antike thematisiertes Phänomen, dass in wolkenlosen Vollmondnächten die Blüten vieler Pflanzen besonders stark duften; daher wohl die antike Auffassung, dass der Mond bestimmte Pflanzen zu ihrer Vollendung bringt (siehe vorige Anmerkung!) [zurück]
  5. Es wäre interessant zu erfahren, welche Lebensumstände sich hinter den Metaphern des Taus und der duftenden Blüten verbergen, aber d. Verf. ist der desillusionierten Auffassung, dass diese Deutung im Bereich der reinen Spekulation verharren würde, und hat sich daher entschlossen, keine weiterreichende Interpretation der Metaphorik zu wagen; für den gemeinten Zweck ist die obige ausreichend. [zurück]
  6. Dass es sich hierbei um ein irgend geartetes Vertrauensverhältnis handeln muß, dürfte aus dem späteren Ruf der Sappho und ihren vielen Hochzeitsgedichten erkennbar sein, zu denen sie beauftragt gewesen sein dürfte, ganz gleich in welchem Verhältnis sie zu den Auftraggebern stand. [zurück]
  7. v. 27f. ] ne/ktar eÃxeu a)pu\ / xrusi/aj [ wird in näherer Umgebung einer Nennung der Aphrodite (v. 26) genannt; Fr. 2,13-16: eÃnqa dh\ su\ +su.an+ eÃloisa Ku/pri / xrusi/aisin e)n kuli/kessin aÃbrwj / <o>m<me>mei/cmenon qali/aisi ne/ktar / oi)noxo/eisa [zurück]
  8. Die Konjektur se qe/a<i>s iÃkelan A)ri/gnwta erscheint naheliegend, ist aber angesichts der Überlieferungslage nicht beweisbar; eine Anrede ist durch das nachfolgende s#= plausibel. Dass diese Angesprochene Atthis ist, auf die in v. 16 Bezug genommen wird, ist durchaus möglich. [zurück]

Fr. 96 V. - Ferne Freundin: [Text] - [Übersetzung] - [Interpretation]
Anhang 1: [Vorbemerkungen] - [Fr.1 V.] - [Fr. 16 V.] - [Fr. 96 V.] - [Fr. 31 V.] - [Ergebnis]
Auszug: [Inhalt] - [Anhang 1] - [Anhang 2] - [Anhang 3] - [Synopsis]

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