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Iris Kammerer, Sappho und ihre Dichtung in der Deutung der Forschung des 20.Jh.s
Anhang 1: Vier vorsichtige Versuche zur Interpretation
In weiten Kreisen der Forschung wird dieses Gedicht als ein Trostgedicht für Atthis aufgefasst, das dieser über den Verlust ihrer geliebten Freundin hinweghelfen soll, welche die Gemeinschaft der Mädchen um Sappho verlassen habe. Diese Deutung setzt voraus, dass dem Gedicht eine reale Situation zugrunde liegt. Es wird aufgrund der Annahme der Authentizität lyrischer Aussagen auf ein Erlebnis geschlossen, dass der Auslöser dieses Gedichtes war. Vorbild für alle späteren Deutungen war hier die Interpretation von Wilamowitz, die das Bild zweier verlassener, trauriger Frauen auf einem Söller evoziert, die über das Meer gen Lydien blicken und deren Sehnsucht im Anblick des Mondes das Bild der geliebten Arignota entstehen lässt, die sich in der Ferne um ihretwillen grämt1.
Betrachtet man die Wirkkraft dieser Deutung, spannt sich, wenn man auf die in der langen hermeneutischen Studie erworbenen Kriterien zurückblickt, folgender Fragenkomplex auf:
Um die Problematik der bruchstückhaft erhaltenen Teile (vv. 1-4, 17-36) vorerst auszusparen, soll die Interpretation sich zunächst auf die Schilderung der fernen Gefährtin und das Mondgleichnis beschränken, ehe von dieser Basis aus aufgrund der restlichen Fragmente Aussagen über das Gedicht als Ganzes gemacht werden können.
Die Frau, die dargestellt wird, ragt deutlich erkennbar, ja auffallend unter den lydischen Frauen hervor, und sie wird in dieser Hinsicht verglichen mit dem nach Sonnenuntergang aufgehenden Vollmond, der mit seinem Licht die Sterne überstrahlt2. Ohne die Assoziation weiter zu betonen, wird geschildert, wie der Mond seinen Schein über das Meer wirft und über das blumenreiche Land, wie der Tau perlt3, während die Blüten von Wildrose, Kerbel und Honig- bzw. Steinklee duften4. Es ist der Mond bzw. resp. die Göttin Selene, deren Kraft dieses Wachstum und Gedeihen bewirkt - und im Vergleich ist es die ferne Gefährtin, die entsprechende heilsame Wirkungen in ihrem Umfeld ausübt.
Das Gleichnis evoziert den Gedanken an eine vollkommen gebildete, schöne und kultivierte Frau, wie wir sie durch die beiden letzten Interpretationen erschlossen haben. Die ferne Gefährtin hat ihre Bildung im Hause der Sappho abgeschlossen und geht nun ihren weiteren Lebensweg als eine vollendete Dame5.
Zugleich ist die Metapher auch verwandt mit den Schilderungen des Haines der Aphrodite und in diesem Sinne schließt sich der Gedanke an, dass sich die ferne Gefährtin zurücksehnt dorthin, wo sie sich herangebildet hat zu dem, was sie jetzt ist, wie auch zu ihrer Freundin Atthis.
Die aufgrund des schlechten Zustandes des Papyros (PBerol. 9722 fol. 5, 1-20) nur äußerst fragmentarisch überlieferten weiteren Verse enthalten möglicherweise - ähnlich wie Fr. 94,12-29 V. - eine Darstellung des Lebens im Thiasos, d.h. der Art von Bildung, die Sappho den ihr anvertrauten Mädchen zukommen ließ6. Als ob mit v. 21 ein neuer Abschnitt einsetze, beginnt er mit einer allgemein gehaltenen Gnome: "Zwar ist es nicht leicht für uns, sich Göttinnen anzugleichen an lieblicher Gestalt ...", dem ein Gegensatz gefolgt sein dürfte in dem Sinne, dass das Leben im Thiasos eine Möglichkeit bietet, einen mehr oder weniger großen Anteil daran zu erlangen. Es wird möglicherweise eine ähnliche Situation dargestellt wie sie Fr. 2 V. schildert7.
Es ist die Sehnsucht nach diesem Leben und der zu diesem Leben gehörenden innigen Verbindung mit Atthis, nach der die ferne Gefährtin sich sehnt; denn als eine vortreffliche Frau kann sie keinesfalls gedankenlos vergessen, was ihr geholfen hat, so zu werden, wie sie ist.
Insofern, um zum Anfang des Gedichtes zurückzukehren, ist es durchaus zu begrüßen, wenn Sappho die Sehnsucht der fernen Gefährtin, die beinahe eine Nostalgie im wahrsten Sinne des Wortes, nämlich Heimweh, ist. Dass sie ihr Denken auf Sapphos Haus richtet, auf das Leben im Thiasos (wÃj pot§ e)zw/omen, wie Blass für v. 3 konjizierte), als sie die im Gedicht Angesprochene als eine leibhaftige Göttin ansah, ihren Gesang im höchsten Maße genoß8.
Was letztendlich als gesichert aus dem Fragment geschlossen werden kann, ist, dass es sich bei der Frau, die unter lydischen Frauen herausragt, um ein früheres Mitglied des sapphischen Thiasos handelt, die zu einer vollkommenen Dame herangewachsen ist, wie Fr. 105a V. zeigt (oiÅon to\ gluku/malon e)reu/qetai aÃkr% e)p§ uÃsd%, / aÃkron e)p§ a)krota/t$, lela/qonto de\ malodro/phej: / ou) ma\n e)klela/qont§, a)ll§ ou)k e)du/nant§ e)pi/kesqai.), herangereift nicht im Verborgenen, sondern in der Obhut eines Kreises, der eine solche Entwicklung ermöglicht.
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