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Iris Kammerer, Zum Anfang der Logik des Seins in Hegels Enzyklopädie Zum Anfang der Logik des Seins in Hegels EnzyklopädieEnz1 §§39-41; Enz3 §§86-88Hegels Rezeption antiker Philosophie in der Fundierung seiner LogikÜberblickAngesichts dessen, daß Hegel sich bei der Gliederung seiner Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften die Anordnung der Schriften des Aristoteles1 zum Vorbild nimmt, indem er ein logisches Organon voranstellt, dem eine Physik und eine Metaphysik (ta\ meta\ ta\ fusika/)2 sowie daran anschließend die übrigen abgeleiteten Wissenschaften folgen, liegt die Vermutung nahe, daß die Übernahme dieses wie auch diesem verwandten Denkens nicht nur im Bereich der Systematik aufzufinden ist. An den Beginn der Logik des Seins als Grundlage der gesamten Logik und somit aller Wissenschaften setzt Hegel einen voraussetzungslosen Anfang, der absolut, leer, unbestimmt und unmittelbar ist3. Schon sein häufiger Rekurs auf platonisch-aristotelische Bestimmungen des Seins als obersten bzw. letzten Prinzips, als Absolutem4, läßt darauf schließen, daß er auf Gedankengut zurückgreift, das die Vertreter von Rationalismus, Empirismus und Idealismus überwunden zu haben glaubten. Dadurch will er Probleme wie die im Vorbegriff zur Wissenschaft der Logik unter den drei Stellungen des Gedankens zur Objektivität (Metaphysik, Empirismus bzw. Kritische Philosophie, unmittelbares Wissen) angesprochenen überwinden. Sein Ansatz dient aber auch dem Aufweis von der Identität des Geistes in der subjektivistischen Konzeption eines "Ich als Zentrum freier schöpferischer Aktivität und zugleich - erstmalig - als Basis der Unterscheidung von Recht und Unrecht, Gut und Böse" (B. Tuschling)5. Ähnlich Aristoteles sieht Hegel sich als Vollender aller zu ihm führenden philosophischen Traditionen, derer er sich eifrig bedient. Denn der Anfang der Logik läuft im Gegensatz zu Chr. Wolffs Ontologie, der Metaphysik Baumgartens und Kants Kritik der reinen Vernunft nicht zuletzt auf eine neue Rezeption platonisch-aristotelischer Ansätze hinaus, die in das System der Subjektivitätsphilosophie integriert werden sollen6. Als unwidersprochenes Axiom bleibt das schon erwähnte Ich als autonome Quelle allen Wissens, die Apperzeption als der archimedische Fixpunkt erhalten und damit das Problem des Ding-an-sich, der Dualität von Subjekt und Objekt, Innen und Außen, Ich und [Um]Welt, das in der Dialektik durch eine höhere Einheit überwunden werden soll. Hegel hat - wie seit dem Rationalismus üblich - die aristotelischen Schriften des Organon auch ontologisch verstanden7, was ihn veranlaßte, eine ontologische Logik an die Spitze seiner Enzyklopädie zu stellen8. Vereinfacht kann seine Theorie veranschaulicht werden anhand des Urteils der Form <S ist P> als einer syntaktisch sinnvollen Verknüpfung von Begriffen zu einer Prädikationsaussage. Hinter <S> verbirgt sich das Ding-an-sich, die Kopula <ist> enthält bereits als erste Bestimmung dieses Gegenstandes eine Existenz- bzw. Subsistenzaussage, während <P> die Fülle der Prädikate umfaßt, die von dem Gegenstand vom Ich als urteilendem Subjekt prädiziert werden können. Um diese pointierte Verkürzung verständlich zu machen, werde ich im Folgenden die einzelnen Paragraphen darlegen, auf ihre - zumindest auf die mir bekannten - philosophischen Quellen zurückführen und deuten. Daß ich dabei auch selbst von einem sowohl historisch bedingten als auch persönlich geprägten Standpunkt ausgehe, der nicht der G.W.F. Hegels ist, ist mir durchaus bewußt, ebenso die Gefahr, Hegels Philosophie zu aristotelisieren, zu thomisieren oder sonstwie zu überfärben. § 86 - das SeinDas reine Sein macht den Anfang, weil es sowohl reiner Gedanke als das unbestimmte, einfache Unmitelbare ist, der erste Anfang aber nichts Vermitteltes und weiter Bestimmtes sein kann. Die noch radikaler verkürzte Formulierung in der Wissenschaft der Logik ("Seyn, reines Seyn."), läßt anstelle eines Satzes nur den Begriff stehen,um das prinzipielle dieses Anfanges noch zu verstärken. In seinen Vorlesungen zur Logik und Metaphysik von 1817 (GW ) gibt Hegel als Erläuterung zu Enz1 §40 : "Das Sein ist die ärmste, allerdürftigste Bestimmung; sie ist nichts als die unmittelbare Einfachheit. [...] Die Dialektik des Seins ist nun, daß es an und für sich die völlig leere Abstraktion ist, die wir als das Ding-an-sich gesehen haben. [...] Das Sein soll das Ding an sich sein ohne alle Bedingung, ohne alle Schranken, also die höchste Abstraktion. Was also ein Ding-an-sich ist, ist es nur durch die Negation." Das Beispiel, das zur Verdeutlichung herangezogen wird, verweist er auf das Papier, was vor ihm liegt; es "ist weiß, groß, geformt etc.; dieses alles sind die Grenzen des Papiers. Die Grenzen sind Negation des Seins, also an sich nichts, weil nur das Sein ist". Wichtig ist in diesem Zusammenhang Hegels Interpretation der Philosophie des Neuplatonikers Plotin (Vorlesungen zur Geschichte der Philosophie : Griechische Philosophie, in : GW ), die erstaunliche Übereinstimmungen mit diesen Äußerungen aufweist : "Das erste Absolute, die Grundlage ist auch hier [...] das reine Seyn, das Unveränderliche, das Grund und Ursache alles erscheinenden Seyns ist, dessen Möglichkeit nicht von seiner Wirklichkeit getrennt ist, sondern die absolute Wirklichkeit an ihm selbst ist. [...] Vom absoluten Seyn sagte nun Plotin, daß es unerkennbar ist - das Insichbleibende - [...], daß die Seele sich aber das Denken dieser Einheit wesentlich verschaffen müsse, erst durch die negative Bewegung, die etwas anderes ist als nur Sagen, - alle Prädikate durchmachen, skeptische Bewegung, nichts außer diesem Eins."9 Wenn wir von der Struktur eines Urteilssatzes in der Form <S ist P> ausgehen, und der Verbindung von Sein und Gedanke, wie Hegel sie hier formuliert, den berühmten Satz des Parmenides (to\ ga\r au)to/ e)stin to\ voei=n te kai\ ei)=nai, DK 28 B5)10 zugrundelegen, liegt die Verbindung von Sein und Denken nahe, da Hegel die "Definition der Eleaten" ("Das Absolute ist das Sein"), also die des Parmenides, als Prädikation des Seins vom Absoluten, also vom Abgelösten, Abgesonderten11, in Enz3 §86 (GW ) selbst erwähnt . Die Begriffe von Unbestimmtheit, Einfachheit und Unmittelbarkeit stammen gleichfalls aus dieser Tradition . Allerdings hebt Hegel durch die Verknüpfung der Begriffe von Einfachheit und Unbestimmtheit die ursprünglich scharfe Unterscheidung zwischen Unbestimmtheit als materiellem Aspekt eines Gegenstandes und Einfachheit als seiner grundlegensten Bestimmtheit als eines Individuums auf, indem er sie beide zu Merkmalen desjenigen Unmittelbaren erklärt, das beides umfassen soll. Hegels Deutung der Eleatischen Philosophie (Xenophanes, Parmenides, Zenon cf. Vorl.11, S.71ff.) ist hingegen problematisch, weil hier eine dem Griechischen fremde Bedeutung von Sein zugrundegelegt wird; die als Definition der Eleaten erwähnte Aussage des Parmenides (crh\ to\ le/gein te noei=n t'e)/on e)/mmenai/ e)stin ga\r ei)=nai, | mhde\n d'ou)k e)/stin [...] - Man muß sagen und denken, daß das Seiende ist; denn Sein ist <etwas> und nichts ist nicht (= kein) <etwas>. DK 28 B61f. ) wird von Hegel umgedeutet zu : "Das Sein ist und das Sein ist das Nichts." In seinen Vorlesungen zur Logik bestimmt Hegel den reine<n>> Anfang der Philosophie in der Geschichte als Parmenides' Entdeckung des Seins als dem Absoluten. Er hat dabei das Axiom des Parmenides (DK B5) wie alle neuzeitlichen Philosophen gründlich mißverstanden, da er die seit der Spätscholastik aufkommende Theorie von der Existenz als Grundlage für das Sein (cf. Wolff, Ontologia, §§127 al.) zugrundelegte. Parmenides' eigentliche Erkenntnis war die Tatsache, daß das Denken (to\ noei=n) nur (bestimmte) "Etwasse" erfassen kann, keine Unbestimmtheit, da es sich beim Denken um Unterscheidungsakte handelt, und nur unterscheidbare Einzelheiten voneinander unterschieden werden können. Diese Entdeckung formulierte er in den berühmten Fragmenten. Allerdings hat er unter einem Urteilssatz mit der Kopula est n noch eine Gleichsetzung von <S> mit <P> verstanden. Erst Platon (möglicherweise im Gefolge des Sokrates) hat dieses Problem für die Logik durch die Unterscheidung zwischen der Sache selbst und Instanz, und für die Metaphysik durch die Hypothesis des ei)=doj gegenüber seiner Realisation in einer jeweils unbestimmteren Materie gelöst . Die Aussagen "Parmenides aber riß die Menschen von der Vorstellung weg", er habe den "erste<n> Schritt der reinen Befreiung der Gedanken" getätigt und dabei mit dem "Ding-an-sich" angefangen, sind schlichtweg unzutreffend; im Gegenteil war das Ziel der eleatischen Schule und in ihrem Gefolge der Sophistik die Widerlegung der gerade aufgekommenen formalen Logik und der Rückgriff auf den 'gesunden Menschenverstand' zur Beurteilung aller Dinge. An dieser Stelle erscheint es mir notwendig angesichts der Parallele, die sich aus Hegels Deutung der Philosophie Plotins ersehen läßt, die platonisch-aristotelische Auffassung von Materie als nicht-Sein (to\ mh\ ei)=nai) und sachlicher Bestimmtheit als Sein (to\ ei)=nai) aufzuzeigen; da mir aber ein Referat diesen Umfanges eine hinreichende Darlegung nicht gestattet, muß ich alles sehr verkürzt widergeben und kann tiefreichende Fragen nur streifen. Nach dieser Auffassung sind die sachlichen Bestimmungen, die einen Gegenstand zu einer bestimmten Sache machen, nicht in diesem Gegenstand, sondern können bestenfalls von ihm ausgesagt werden; ein Dreieck ist beispielsweise nicht das Dreieck, sondern ein Gegenstand, von dem Dreieck ausgesagt werden kann. Was das Dreieck ist, erfahre ich also nicht aus den vielen Dreiecken, die ich in der Welt vorfinde, sondern aus dem Versuch, es selbst per se in langer Zeit und Übung durch asymmetrische Dialoge zu erfassen, nämlich mit dem Intellekt, dem nou=j. Das Dreieck ist eine intelligible Sache, ein nohto/n, das ich weder aus der Wahrnehmung noch aus dem (diskursiven) Denken (dia/noia) habe, sondern aus dem Intellekt (nou=j), demjenigen Seelenvermögen, das die Intelligibilia erfassen kann. Die Existenz von Gegenständen entsteht dadurch, daß sich diese Intelligibilia in einer Materie, d.h. einem relativ unbestimmteren Substrat, realisieren . Die grundlegendste Realisation ist die der Einheit bzw. Einfachheit, die des Eins (to\ e(/n), des principium individuationis, das aus der völligen Unbestimmtheit erst einen Gegenstand macht und damit die Möglichkeit, daß dieser Gegenstand für sich selbst eine Einheit darstellt und etwas Bestimmtes, von allem anderen Unterscheidbares ist , ein individuum (to\ a)/tomon). Damit ist an dem Gegenstand außer seiner Existenz als eines Gegenstandes noch keine Bestimmung realisiert, d.h. er ist sachlich völlig unbestimmt . Übertragen auf das Urteil in der Form <S ist P> bedeutet das, daß die Aussage <S ist> für Hegel schon die Existenz von <S> impliziert, während sie in der platonisch-aristotelischen Tradition ein unvollständiges Urteil darstellt, etwas, das nur der Möglichkeit nach ein Urteil ist; das hier angenommene Urteil würde eher lauten <S ist einfach> oder <S ist etwas> . Der Begriff der Unmittelbarkeit gelangt ebenfalls durch die Rezeption der aristotelischen Metaphysik hierher; nach Aristoteles (de anima G6) erfolgt die Auffassung der Intelligibilia durch den Intellekt in einem einfachen und unmittelbaren Akt (e)n a)diare/twi cro/nwi kai\ a)diare/twi th=j yuch=j, sonst auch a)me/swj, lat. immediate, sowie e)xaifnh=j, lat. statim). Bei Hegel erfolgt die Vermittlung für das Erfassen eines Gegenstandes durch die Prädikation, die das Subjekt vornimmt. <S ist> liegt vor jeder Prädikation und damit vor jeder Vermittlung, ist also unmittelbar . Wenn Hegel in seiner Anmerkung schließlich auf die Auffassung von Gott als des Inbegriffs aller Realitäten (omnitudo realitatum) rekurriert, dann greift er damit zunächst einmal den klassischen Gottesbegriff des Rationalismus auf, der aufgrund des Dualismus von Geist (res cogitans) und Materie (res extensa) eine pantheistische Gottesvorstellung ist ; zugleich aber deutet seine Darstellung auf eine Redefinition dieses Begriffes hinaus, wobei er eine platonisch-aristotelische wie auch scholastische Auffassung rezipiert und zugleich seinem Seinsbegriff anpaßt. Wie Proklos in seiner Theologica Platonica darlegt, ist das e(/n eben dieser Inbegriff, der in sich schon alle Unterscheidungen potenziell enthält, also erstes Prinzip, das sogar Gott noch vorausliegt, indem es als principium individuationis Ursache der Individuation und damit der Personalität Gottes ist . Die Welt ist somit letztendlich eine Ausfaltung der in Gott liegenden Möglichkeiten, d.h. der Omnipotenz Gottes in die Materie. Das von Hegel in Enz3 §86 (GW ) angegebene Zitat Jacobis über die Gottesauffassung Spinozas als eines "Prinzipium des Seins in allen Dingen" ("das lautere Prinzip der Wirklichkeit in allem Wirklichen, des Seins in allem Dasein, durchaus ohne Individualität und schlechterdings unendlich", JW IV, 1.Abt.S.87, 2.Abt.S.125) ist eine deutliche Reminiszenz des scholastischen Gottesbegriffs, wenn auch das Prädikat unendlich wohlmöglich schon Spuren einer Materialisierung dieses Begriffs finden lassen. Dieses reine Sein ist nun die reine Abstraktion, damit das Absolut-Negative, welches, gleichfalls unmittelbar genommen, das Nichts ist. In seinen Vorlesungen zur Logik und Metaphysik von 1817 gibt Hegel zur Verdeutlichung dieser Bewegung das schon aus der Antike bekannte Beispiel des Dreiecks : "Das Dreieck hat durch die drei Linien Grenzen. Die drei Linien machen daher das Dreieck zu dem, was es ist; nehme ich solche weg, so verliert es seine Existenz. Als Beschränktes kommt ihm aber das Sein nicht zu", da - wie wir oben gesehen haben, die Grenzen (z.B. beim Papier) die Negation des Seins sind. "Das Sein", erläuert er, "soll das Ding-an-sich sein ohne alle Bedingung, ohne alle Schranken, also die höchste Abstraktion. Was also ein Ding-an-sich ist, ist es nur durch die Negation. [...] Das reine Licht ist Finsternis; im reinen Licht sehe ich gar nicht; so ist das Sein das reine Nichts." Für seinen Gottesbegriff ergibt sich daher : "Gott ist an sich alles Sein, die absolute Realität; für unser Erkennen aber ist er nichts, sein Nichts ist nur in unserem Erkennen." Der Gedanke ist, wie oben bereits gesagt, daß ein Urteil der Form <S ist> keine Bestimmung des Gegenstandes enthält, sondern nur seine Existenz anzeigt; der Gegenstand selbst bleibt völlig unbestimmt, bleibt Ding-an-sich. Die Begriffe, die ihn bestimmen, kommen aus dem Subjekt, dem Ich, und richten sich auf seine Erscheinung, das Phänomen (faino/menon). Dabei bleibt völlig unklar, ob und wie das Subjekt die Richtigkeit bzw. Wahrheit der zu prädizierenden Bestimmungen erkenne, ob dabei ein adaequatio rei intellectus entstehe und wenn ja, wie. Ohne die Bestimmungen ist der Gegenstand aktual nichts für das Subjekt, potenziell dagegen alles Mögliche, ein ti, ein aliquid bzw. ein Irgendwas. Diese Darlegung lehnt sich deutlich an Platons Darlegung des materiellen Urgrundes im Timaios (48e-52c) an, der demnach "alles Werdens Empfängerin sei wie eine Amme" (pa/shj ei)=nai gene/sewj u(podoch\n au)te\n oi(=on tiqh/nh), "aus der selbst, als einer Möglichkeit, kein Entstehen komme" (e)k ga\r e(auth=j to\ para/pan ou)k e)xi/statai duna/meqj), "die stets alles aufnimmt" (de/cetai/ te ga\r a)ei\ ta\ pa/nta) und "niemals und in keiner Weise irgendeine einem der eintretenden (sachlichen Bestimmtheiten, nämlich Intelligibilia) ähnliche Gestalt hat" (ou)demi/an morfh/n pote ou)deni\ tw=n ei)sio/ntwn o(moi=on ei)/lhfen ou)damh=i ou)damw=j), sondern "wie Wachs ist, das für Abdrücke benutzt wird" (km£geion). Dies ist das nicht-Seiende (to\ mh\ o)/n) als ein nicht Bestimmtes, ein Nichts (für uns) . Hegel bestimmt den vorliegenden Gegenstand <S>, das Ding-an-sich, gleichsam als Materie des Erkennens, von dem die Prädikate als Formen ausgesagt werden können, wenn er darlegt : "Nur in und um dieser reinen Unbestimmtheit willen ist es Nichts; ein Unsagbares; sein Unterschied von dem Nichts ist nur eine bloße Meinung." Die Tatsache, daß ein Urteil der Form <S ist> nichts bedeutet, d.h. sinnlos ist, da unvollständig, führt Hegel dazu anzunehmen, daß es einen Trieb gebe, "in dem Sein oder in beiden eine feste Bedeutung zu finden"; dies sei "die Notwendigkeit selbst, welche das Sein und Nichts weiter führt und ihnen eine wahre, d.i. konkrete Bedeutung gibt" (GW ), d.h. jede weitere Bestimmung macht aus dem Gegenstand etwas im höheren Maße Konkreteres . In seiner eigenen Anmerkung hierzu bestimmt Hegel die Freiheit als ein Nichts für sich, also die Abwesenheit von jeglicher Bestimmung. Somit ist das Subjekt etwas Freies, da es imstande ist, die Gegenstände zu bestimmen und somit auch sich selbst als Objekt aller seiner Akte . § 88Das Nichts ist als dieses unmittelbare, sich selbstgleiche, ebenso umgekehrt dasselbe, was das Sein ist. Die Wahrheit des Seins sowie des Nichts ist daher die Einheitbeider; diese Einheit ist das Werden. Werden einerseits als ein Wechsel zwischen Existenz und Nichtexistenz von Gegenständen, von Quantitäten und Qualitäten in und an Gegenständen und von Relationen von Gegenständen untereinander, andererseits als Hypostase eines Gegenstandes als Individuum , d.h. als sachlich unteilbare Einheit, als Realisation einer sachlichen Bestimmung in einer Materie, wird von Hegel aufgefaßt als die Einheit, ja sogar als die Identität von Sein und Nichts. Durch den aus dieser Einheit resultierenden "Trieb", der "Notwendigkeit" zur Konkretisierung entstünden die bestimmten Gegenstände als Setzungen des Subjekts. Das Subjekt setzt die Bestimmungen in der Welt; dem Absoluten, Gott, dem Inbegriff aller Realität bleibt noch die Setzung der Gegenstände als individuelle, aber unerkennbare Existenzen in der Welt. Mit diesem Gedanken ist bislang das Problem des Ding-an-sich als eines schlechthin Unbestimmten und damit Unerkennbaren keineswegs gelöst. Zwar entspricht die Deduktion dieser Identität durchaus dem bis in die Scholastik durchgehaltenen Gedanken der Welt als Ausfaltung Gottes in die Materie ; doch aus der konsequenten Übernahme der veränderten Auffassungen von Subjekt und Sein, das nicht mehr die sachliche Bestimmtheit eines Gegenstandes anzeigt, sondern nur seine Existenz, kann im Hinblick auf das Absolute, also Gott, nichts mehr bleiben als der Schluß, daß Gott der Welt zwar ihr Dasein verleiht, die Bestimmung hingegen, d.h. ihre Gestaltung in der Macht der Subjekte liegt. Das Urteil in der Form <S ist P> impliziert neben der Erkenntnis von Einheit die Erkenntnis, daß Einheit verschieden ist von jeder nicht-Einheit sowie von jeder anderen Einheit; d.h. sie impliziert die Erkenntnis von Verschiedenheit. Sein und Nichts bilden eine Einheit, insofern sie beide - jedes für sich - unbestimmte, einfache Unmittelbare sind und als Einheit das Werden darstellen, dessen Momentaufnahme das Dasein ist. Sie sind verschieden voneinander, insofern das Sein eine prinzipielle Bestimmung des Gegenstandes als Existenz und als Individuum realisiert, und das Nichts seine darüber hinausgehende Unbestimmtheit, seine Materialität ist. Hegel, der sich hier vor allem an Proklos' Theorie der Triaden anschließt, sieht seinen Ansatz von dieser Einheit in einem kontradiktorischen Gegensatz zum Axiom des Materialismus ex nihilo nihil fit, wobei in der platonisch-aristotelischen Tradition bis auf Thomas das nicht-Sein, die Materie als leeren Raum, als unbestimmt und damit als Nichts angesetzt wird, worin sich Gottes Omnipotenz ausfaltet und die Welt realisiert.SchlußAuf der Suche nach einem voraussetzungslosem Anfang (a)nupo/qetoj a)rxh/), der vor allen Gattungen und Arten, Differenzen und Akzidenzien, Qualitäten und Quantitäten, Relationen, Affekten und Effekten, Möglichkeiten, Vermögen und Wirksamkeiten, also vor allen Bestimmungen liegt und zugleich nicht auf die Annahme eines wie auch immer gearteten Jenseits (z.B. in Gestalt eines Ideenkosmos) angewiesen ist, hat Hegel diese Deduktion einer Einheit von Sein und Nichts als Werden entworfen, die einem transzendenten Gott als Absolutum und rein geistigen Ursprung der Existenz der Dinge-an-sich das Subjekt als bestimmend, gestaltend und autonom gegenübergestellt, somit jedes zu einem Daimon über eine bereits existente, aber völlig unbestimmte Welt gemacht, über die er fast absolut verfügt, ohne sie erschaffen zu haben. Hegels Anfang der Logik muß als ein bewußter Rückgriff auf die platonisch-aristotelische Tradition verstanden werden - nicht zuletzt, weil er dieses System der Wissenschaften mit einem Zitat aus Buch der aristotelischen Metaphysik beschließt. Sein Versuch, die Philosophie von ihren Krankheiten zu heilen, die er unter den drei Stellungen des Gedankens zur Objektivität im Vorbegriff zur enzyklopädischen Logik subsumiert, war es, der Philosophie und durch sie den Wissenschaften eine Basis zu verleihen, wie sie sie seit dem Niedergang der Scholastik entbehren mußte, eine tiefe geistige Fundierung.Bibliographie
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