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Iris Kammerer, Sappho und ihre Dichtung in der Deutung der Forschung des 20.Jh.s
Anhang 2: Abriß einer Geschichte der Poetik von der Renaissance bis zur Romantik

Die Konstituierung der Gattungstrinität und ihre Folgen für die Deutung der kleineren Dichtungsformen seit ca. 1700

J.C. Gottscheds Critische Dichtkunst

Das Aufkommen der Aufklärung brachte auch eine scharfe Opposition gegen die überladene und als schwülstig aufgefasste Barockpoesie mit sich1. Die Vernunft, die in der Aufklärung als mit der Natur identisch verstanden wurde, sollte wiederum zum Orientierungspunkt der Stilistik werden. Allerdings spielten nun auch viel stärker produktionsästhetische Aspekte eine Rolle, die letztendlich die Genieästhetik nach sich zogen. Bestimmte poetische Kleinformen, die unter dem Sammelbegriff der Lyrik bislang zusammengefasst waren, erhielten aufgrund ihrer Kürze und ihrer spezifischen Inhalte eine Schlüsselfunktion in dieser Entwicklung, da sie sich für die Selbstaussage des Individuums besonders gut eigneten, während andere poetische Formen demgegenüber eine zunehmend abgewertet wurden, da sie den neuen, strengen Kriterien nicht mehr entsprachen2.

In J.C. Gottscheds Critischer Dichtkunst3 wurde Dichtung vollständig aus dem Prinzip der Imitatio naturae abgeleitet, was dazu führte, dass die Gattung der Lyrik als Prinzip die Nachahmung von Affekten zugewiesen wurde. Dabei legte Gottsched Wert auf eine gewollte Distanz zwischen dem affektiven Zustand des Dichters und dem dargestellten Affekt, d.h. er lehnte den Gedanken ab, dass ein lyrisches Gedicht unter der Wirkung des Affektes abgefasst werden solle, sondern der Affekt solle aus der Erinnerung idealisierend und geordnet dargestellt werden4. Die Qualität eines lyrischen Gedichtes bemisst sich demnach für Gottsched noch an rhetorischen Gesichtspunkten5.

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Anmerkungen

  1. Zu diesem Themenschwerpunkt sehr informativ, wenn auch psychologisierend: L. Roper, Das fromme Haus. Frauen und Moral in der Reformation, Frankfurt a.M. / New York 1995. [zurück]
  2. Cf. H.-G. Kemper, Deutsche Lyrik der frühen Neuzeit Bd. V/II: Frühaufklärung, Tübingen 199, S. 21-24; Scherpe, Gattungspoetik S. 26-43, bes. S. 34f. [zurück]
  3. J.C. Gottsched, Versuch einer Critischen Dichtkunst (1730), Darmstadt 1977 (unveränd. ND der Auflage Leipzig 41751). [zurück]
  4. Cf. Gottsched, Critische Dichtkunst S. 139: "[...] so viel ist gewiß, daß ein Dichter zum wenigsten denn, wenn er Verse macht, die volle Stärke der Leidenschaft nicht empfinden kan. Diese würde ihm nicht Zeit lassen, eine Zeile aufzusetzen, sondern ihn nöthigen, alle seine Gedanken auf die Größe seines Verlusts und Unglücks zu richten. Der Affect muß schon ziemlich gestillet seyn, wenn man die Feder zur Hand nehmen, und alle seine Klagen in einem ordentlichen Zusammenhange vorstellen will." [zurück]
  5. Bei Gottsched findet sich überdies zum ersten Male eine genetische Betrachtungsweise der Dichtung, indem er - ausgehend von Vicos genetischem Geschichtsmodell - die Entwicklung der Dichtung (ihr "Wachsthum") auf verschiedene "Gemüthsneigungen" des Menschen zurückführt; anfänglich seien Hymnen und Enkomien entstanden, gefolgt von Elegien und Satiren bzw. Epigrammen, die sich (hier vollzieht er den Entwicklungsgedanken des Aristoteles - Poetik c. 4 - nach) zur künstlerischen Höhe von Epos, Tragödie und Komödie fortentwickelt hätten. Diese Auffassung einer Entwicklung der Dichtung ist für die spätere Poetik von großer Bedeutung gewesen (cf. Gottsched, Critische Dichtkunst S. 82-93; Scherpe, Gattungspoetik S, 44-49). [zurück]

Anhang 2 - Abriß Geschichte der Dichtungstheorie:
[Inhalt] - [Rennaissance] - [frz. Klassik] - [dt. Barockpoetik] - [Gottsched] - [Baumgarten] - [Genieästhetik] - [Goethe] - [Schlegel] - [Hegel]
Auszug: [Inhalt] - [Anhang 1] - [Anhang 2] - [Anhang 3] - [Synopsis]

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