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, Sappho und ihre Dichtung in der Deutung der Forschung des 20.Jh.s
Anhang 3: Die Entwicklung einer neuen Auffassung von Geschlechterdifferenz und Liebe in der Romantik

Folgen dieser konkurrierenden Vorstellungen im 19. Jahrhundert und der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts

Die Lucinde war ein Roman mit mäßigem Erfolg, erhitzte aber dennoch die Gemüter zu zumeist bösartigen Verrissen von heuchlerischer Moral und zu Parodien1. Allerdings fand sich in Caroline Pichlers Aufsatz Über weibliche Erziehung ein Briefwechsel, der ganz im Sinne Schlegels Gleichberechtigung und geistige Gemeinschaft als Grundlage der Ehe postuliert wurden; auf diesem Weg drang Schlegels romantisches Frauenbild in die aufkommende bürgerliche Frauenbewegung ein und lieferte ihr eine Argumentationsbasis, die über viele Publikationen bis heute tradiert wird2.

Die von Schlegel kritisierte Geschlechterdifferenz setzte sich allerdings in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts fest, wobei sich allerdings die Wertungen wandelten; nunmehr gab es neben der "anständigen" Ehefrau, die das Haus und die Kinder hütete, aber nicht mehr das unumschränkte Objekt der Sinnlichkeit des Ehemannes sein sollte, die "unanständige" Geliebte, die nicht mehr Seelenfreundin war, sondern für das sinnliche Vergnügen zuständig war3.

Hegels Rechtsphilosophie, die das Individuum dem Staat völlig unterordnet, festigte die alte Auffassung, daß die Ehe erst durch die öffentliche Trauung sittlich werde. Allerdings konnte durch die grundlegende Bestimmung einer Geschlechterdifferenz von Natur aus, d.h. angeborener geschlechtsspezifischer Charakteristika, in der Theorie der Romantik die alte Auffassung von Geschlechterdifferenz auf eine neue Basis gestellt werden. Während bis zur Romantik die untergeordnete Stellung der Frau einerseits von kirchlicher Seite auf die durch die Erbsünde begründete Schuld der Frau zurückgeführt worden war, bzw. seitens der Aufklärung auf eine naturgegebene Minderwertigkeit, die aus der Erfahrung abgeleitet wurde, bot sich nun eine weitaus philanthropischere Begründung: Die untergeordnete Stellung wurde als naturgemäß, als Ausdruck der besonderen geschlechtsspezifischen Charakteristika der Frau angesehen; das Dasein für Mann und Kinder wurde zum natürlichen Zweck ihres Lebens, wobei ihr in den gebildeten Kreisen zunehmend eine gewisse Bildung zugestanden wurde, deren Zweck wiederum allerdings nicht in ihrer Vervollkommnung als Mensch lag, sondern darin, die eigene Herkunft vornehm zu repräsentieren, dem Ehemann Vergnügen zu bereiten und den Kindern eine gute Erziehung zu gewährleisten.

Die Spiegelungen dieses Bildes vom 17. bis zum 19. Jahrhundert fielen immer wieder auf die Deutung der Sappho zurück. So galt sie im 17. Jahrhundert als sittenlos und verdorben; mit Aufkommen der Romantik drangen die von Schlegel als natürlich weibliche Charakteristika bestimmten Eigenschaften ("zart", "leise" etc.) in die Deutung ein und veränderten die moralische Wertung in eine ästhetische; das späte 19. Jahrhundert verlegte sich wiederum auf eine Deutung, die ihr Augenmerk darauf legte, inwiefern die Dichterin als Person ihrem Frauenbild entsprach bzw. abwich. So erklärt sich auch das Sapphobild von Wilamowitz, das die Gestalt einer vornehmen Dame preußischen Adels aus der späten deutschen Kaiserzeit lieferte.

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Anmerkungen

  1. u.a. D. Jenisch (anonym), Diogenes Laterne (1799), S. 374ff.; L.F. Huber (anonym) in: Jenaische Allgemeie Literaturzeitung (1800), Bd. II, Sp. 297-300 (7.5.) und Bd. IV, Sp. 692-696 (25.12.); J.C.W. Augusti (anonym), Der Engel Gabriel und die Gebrüder Schlegel nebst einem Durchfluge Gabriels von Jena über Halle und Wittenberg nach Berlin, Gabrielopolis (sic!) 1799. Die Tatsache, daß alle diese Autoren ihre Produkte anonym publizierten, spricht für sich; wenn die Lucinde auch große ästhetische Schwächen aufweist, sind dennoch die Pamphlete von einer erschreckenden Heuchelei und Geistlosigkeit wie andere Randbemerkungen, die bei Kluckhohn S. 416 aufgeführt sind. Besonders hervorgetan in der Kritik hat sich Hegel, der in seinen häufigen Angriffen auf Schlegel kaum eine Gelegenheit ausließ, auf die Lucinde zurückzukommen. [zurück]
  2. Ein besonders auffälliges Beispiel für das Eindringen dieser Theorie in die Frauenbewegung ist Ch.P. Gilmans Roman Herland (Erstveröff. 1915/16 in der Zeitschrift The Forerunner; als Buch: New York 1979, dt. Reinbek 1980). [zurück]
  3. Deutlich sind solche Dreiecksbeziehungen z.B. in Th. Fontanes Roman Effi Briest (1895), wo Major Crampas neben seiner Ehefrau mit der Titelheldin ein folgenschweres Verhältnis hat, und H. Manns Professor Unrat (1905), dessen erotische Eskapaden zur Vernichtung seiner bürgerlichen Existenz führen; sein Roman Der Untertan hingegen verkörpert noch ganz stark das alte Vorurteil, daß die Liebe in der Ehe stirbt. [zurück]

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