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Iris Kammerer: Sappho und ihre Dichtung in der Deutung der Forschung des 20.Jh.s
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Zusammenfassung und Ergebnis

Ergebnis der Untersuchung

Die vielfältigen Probleme, die sich aus der Anwendung moderner Dichtungstheorien oder der Entwicklung neuer Deutungsansätze auf der Basis moderner Theorien aus anderen Fachgebieten wurden aufgezeigt. Es wurde dargelegt, daß die Interpretationen auf der Grundlage unangemessener hermeneutischer Theorien vielfältige und unterschiedliche Ergebnisse hervorbringen, die bestenfalls einen Wahrscheinlichkeitscharakter haben. Die wissenschaftstheoretischen Grundlagen und die sachlichen Verbindungen der verschiedenen Interpreten untereinander wurden weitgehend dargelegt und die Resultate der Deutungen, wo es möglich war, miteinander verglichen.

Maßgebliche Aspekte einer neuen Theorie des griechischen Melos bei Sappho

Da sich alle Deutungsansätze aufgrund ihrer Einbindung in das moderne Denken in ihrer historischen Bedingtheit als dieser Dichtung nicht adäquat erwiesen haben, muß der Blick sich nicht zuletzt auf an den Text gestellte Fragen richten, auf die die Antike andere, aber nicht weniger reflektierte und differenzierte Fragen gegeben hat.

Prinzipiell problematisch ist die "dauernde Spontan-Übertragung moderner Kategorien auf den antiken Gegenstand" nicht nur im Hinblick auf die Anwendung von unangemessenen Dichtungstheorien, sondern im Hinblick auf die Anwendung moderner Begriffe von Liebe, Schönheit und Geschlechterdifferenz, die zu einem großen Teil in der Romantik geprägt worden sind. Es ist zwingend notwendig, diese Begriffe in ihrer für uns relevanten historisch bedingten Bedeutung zu klären und gegen diejenigen Auffassungen von Liebe, Schönheit, Geschlechterdifferenz u.a. abzugrenzen, die in der Antike gegeben werden.

Ebenso ist im Hinblick auf eine Poetik des Melos und der anderen Dichtungsarten zu verfahren, die Aristoteles im ersten Kapitel seiner Poetik neben Epos und Drama stellte. Dabei ist auch zu berücksichtigen, daß sich die Betrachtung seit der frühen Neuzeit grundlegend geändert hat, da bis in die Renaissance die dargestellte Handlung als Form, Sprache, Metrik usw. als Stoff der Dichtung galten1, seither aber in einer krassen Umkehrung die Handlung als Stoff, Sprache und poetische Mittel hingegen als Form bestimmt wurden.

Unter Berücksichtigung aller dieser Aspekte kann eine Poetik entwickelt werden, die eine angemessene Interpretation der Dichtung der Sappho liefern würde.

Fazit

Es wurde eine deskriptive und kritische Darstellung der für die universitäre Sapphoforschung wichtigsten Strömungen erbracht und versucht, sowohl die einzelnen Interpreten als auch die verschiedenen Ansätze miteinander in Bezug zu setzen und die Entwicklung der Sapphodeutung herauszuarbeiten2.

Die Anwendung moderner Dichtungstheorien haben sich als problematisch erwiesen. Ihre Anwendung ist für eine Deutung des sapphischen Melos nicht angebracht. Dieser negativ-kritische Aufweis ist das Resultat dieser Studie.

Was diese Arbeit aufgrund ihrer zeitlichen Einschränkung nicht leisten konnte, ist eine systematische, für die Entwicklung einer dem frühgriechischen Melos angemessenen Theorie konstitutive Erarbeitung der modernen Auffassungen von Liebe, Schönheit, Geschlechterdifferenz und deren Zusammenhänge sowie deren Gegenüberstellung mit den jeweiligen Auffassungen, wie sie von Homer bis Aristoteles formuliert wurden. Denn erst auf der Basis der Kenntnis eigenen wie des zu behandelnden Standpunktes und ihrer historischen Bedingtheit ist eine sachliche Auseinandersetzung mit den Aussagen möglich.

Diese Untersuchung, die bzw. deren Vorarbeiten teilweise schon geleistet worden ist, soll der nächste Schritt sein auf dem Weg zu einer sachlich angemessenen Interpretation der problematischen "Kleinformen" der frühen griechischen Dichtung. Eine erste Skizze einer solchen hermeneutischen Theorie kann ohne diese Arbeiten kaum überzeugend vorgelegt werden.

Die eingangs zitierte Aufgabe, die W. Barner 1977 formulierte, die in einer "Reflexion auf die rezeptionelle Vermitteltheit unseres eigenen, heutigen Zugangs zu den literarischen Werken auch der Antike"3 besteht, ist bislang in der Sapphoforschung nur unzureichend geleistet worden. Die historische Bedingtheit des Lyrikbegriffs wurde bereits von W. Rösler und J. Latacz, aber auch von Weißenberger beachtet und mit eingebracht. Andere ebenso historische bedingte Auffassungen, wie z.B. über Geschlechterdifferenz, Liebe, Schönheit und Kultiviertheit, sowie menschliche Vollkommenheit, wurden fast ausnahmslos unreflektiert auf die Texte übertragen.

Wenn es der Verfasserin gelungen ist, die Reichweite dieser Problematik für die Deutung der sapphischen Melik herauszuarbeiten, hat diese Arbeit ihren wichtigsten Zweck erfüllt, nämlich die Erkenntnis der vielfältigen Vermitteltheit der zu behandelnden und somit auch der eigenen Positionen zu verdeutlichen und auf ihre Gefahren hinzuweisen. Wege aufzuzeigen, wie dieser Problematik zu begegnen ist, ist Zweck eines MAIUS OPUS.


Anmerkungen

  1. So noch in J.C. Scaligers POETICAE LIBRI SEPTEM (1561) [zurück]
  2. Das Fehlen einer genauen Analyse der französischen Veröffentlichungen von E. Mora und F. Lasserre hat zeitliche Gründe. Die Verf. hielt es für unangebracht, der Vollständigkeit der Zahl der Interpreten die Genauigkeit und Tiefe der Analyse zu opfern. [zurück]
  3. W. Barner, Neuphilologische Rezeptionsforschung und die Möglichkeiten der Klassischen Philologie, in: POETICA 9 (1977), 499-521, Zitat S. 519: "Beschäftigung mit Rezeptions- und Wirkungsgeschichte zeigt uns nicht nur die historische Distanz unseres Textverstehens gegenüber demjenigen früherer Generationen und Epochen (und insbesondere der 'ersten Rezipienten'. Vielmehr tritt die geschichtliche Vermitteltheit unseres eigenen Zugangs, vor allem auch die Geprägtheit durch vorgängige Rezeptionen erst voll ins Licht." [zurück]

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