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Iris Kammerer: Sappho und ihre Dichtung in der Deutung der Forschung des 20.Jh.s Problemstellung und Eingrenzung des UntersuchungsgegenstandesDie Situation in der Erforschung der frühen griechischen LyrikZur ProblemstellungWer sich in die Forschung der frühen griechischen Dichtung einarbeiten will, sieht sich - abgesehen von der Schwierigkeit der Textlektüre durch deren fragmentarischen Charakter - neben einigen bekannten Standardwerken der Klassischen Philologie1unversehens einer schier unübersehbaren Fülle von Aufsätzen und kleineren Publikationen gegenüber, die sich zumeist mit einzelnen Gedichten bzw. Detailproblemen befassen und nur wenig Hilfe zu einem grundlegenden Verständnis der Texte, geschweige denn zu ihrer Deutung bieten. Diese Situation, die bereits in den 80er Jahren von Joachim Latacz dargelegt wurde2, hat sich auch in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert. Eine Bestandsaufnahme der Forschung ist dringend erforderlich. Bloße Bibliographien und knapp kommentierte Literaturlisten3 liefern nicht mehr als einen Überblick über das vorliegende Material, der kaum gegliedert sein kann. Grund für diese Streuung der Bemühungen ist letztendlich der zuvor erwähnte beklagenswert fragmentarische Zustand des vorliegenden Materials. Wir verfügen über ca. 3000 Texte aus dem Zeitraum von 700 bis 560 v.Chr., wobei es sich zum größten Teil um Klein- und Kleinstfragmente handelt, welche weitestgehend anonym überliefert sind4. Neue und noch unbearbeitete Funde erfordern eine ständig laufende Aufarbeitung und führen nicht selten zu einer Änderung der Konstitution des bereits vorliegenden Textmaterials, was von Zeit zu Zeit frühere Interpretationen hinfällig macht5. Die Folge ist in in vielen Fällen eine vorsichtig abwartende, bestenfalls beständig mißtrauische Haltung der einzelnen Forscher gegenüber dem Untersuchungsgegenstand, in jedem Fall aber einen "Zustand der permanenten Offenheit", der "dem Entwerfen umfassender Analysen, Definitionen und Theorien wenig günstig ist"6. Die Entwicklung einer der frühen griechischen Lyrik sachlich angemessenen und allgemein akzeptierten Dichtungstheorie als Grundlage für die Interpretation steht noch aus. Dieser Mangel hat zu einer Mannigfaltigkeit verschiedenster Lösungsversuche geführt, die einzigartig ist auf dem Gebiet der Klassischen Philologie und geduldet werden muß, da das zugrundeliegende Material ohne die noch ausstehende kritische Reflexion über die hermeneutische Methodik keine unwiderlegbare Überprüfung zuläßt7. Ein Teil der vielfältigen Publikationen beschäftigt sich unter Verzicht auf Gesamtdeutungen mit Detailproblemen8, andere gehen mit scheinbar originellen Fragestellungen an die Texte heran9; zumeist ist die Forschung auf dem Gebiet der frühen griechischen Dichtung jedoch geprägt von der ständigen bewußten oder unbewußten Voraussetzung eines modernen Dichtungsbegriffs und der Anwendung von Theorien klassischer bzw. moderner Ästhetik auf den Gegenstand, zumeist ohne eingehende theoretische Reflexion darüber, inwiefern dieses Vorgehen der Sache angemessen ist. In den Fällen, wo eine solche Theorie bewußt zur Deutung herangezogen wird, geschieht dies unter der Annahme, es gebe keine adäquate aus der Antike stammende Dichtungstheorie10. Systematischer ÜberblickGrundlage für einen kurzen systematischen Abriß der Forschungssituation kann noch immer die Bestandsaufnahme von J. Latacz aus den Jahren 1984 und 1986 sein. Latacz bezeichnete damals die zugrundeliegende Haltung als allgemeinen Theorieverzicht und gliederte diese in drei Hauptformen11:
Diese von Latacz 1986 unterschiedenen Hauptformen ziehen im wesentlichen die gleichen Folgen nach sich, nämlich "eine dauernde Spontan-Übertragung moderner Kategorien auf den antiken Gegenstand", ohne eine kritische Reflexion darüber, ob diese Kategorien dem Gegenstand überhaupt gerecht werden. Eine eingehende Analyse "wie frühgriechische Lyrik konstituiert und als System strukturiert ist, wie sie im Einzelfall entsteht, wie sie 'funktioniert' hat, wodurch und wie sie wirken wollte und gewirkt hat", kurz: "eine Poetik der frühgriechischen Lyrik steht noch aus"21. Fortsetzung: Historischer Überblick
Fortsetzung: Historischer Überblick Synopsis: [Inhalt] - [Inhaltsverzeichnis] - [Problemstellung]- [Überblick]- [Schlussfolgerungen]
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