Iris Kammerer
Freundin
Das Restaurant, das Greta für unser Wiedersehen ausgewählt hatte, war ganz nach ihrem Geschmack: die Sachlichkeit der Einrichtung machte frösteln, die Kellner wirkten wie Erzeugnisse der Kybernetik, und die Portionen erstickten die aufkeimende Befürchtung, sich die Figur durch Genuß zu verderben.
"Es ist phantastisch! Sie verwenden kein Tröpfchen Fett", hatte sie auf dem Weg dorthin jubiliert.
Als ich aus dem Zug gestiegen war, hatte sie mich taxiert wie eine interessante Ware, von Kopf bis Fuß bemessen, wobei ihr sicher kein Gramm Fett unter meiner Epidermis entgangen war. Sie selbst war rank und schlank, ihr Körper ein mit Hilfe repetierender Exerzitien geschaffenes Kunstwerk - die Kleidung saß wie angegossen, und wenn sie ging, wiegte sie sich kraftvoll in den kaum vorhandenen Hüften. Wir hatten irgendwo einen Espresso (ich sehr süß, sie ohne Zucker) zu uns genommen (ich in einem Zug, sie wie ein Vögelchen am Tassenrand pickend), hatten einen Gang durch den Englischen Garten unternommen (ich meine raumgreifenden Schritte hemmend, sie elegant schreitend), uns gegenseitig mit interessierter Miene über unser Leben befragt, waren dann in unbehagliches Schweigen versunken, bis ihr dieses Restaurant eingefallen war.
Nun hatte ich mich durch drei Gänge dessen gequält, was sie "neue kalifornische Küche" nannte - irgendwo in L.A. hatte sie es in einem Restaurant kennengelernt, durch Kevin ... oder hieß er Keevan ...
"Nun, Liebes?" Behutsam betupfte sie die Lippen mit der Serviette.
"Ich würde jetzt gerne einen guten Tropfen haben."
"Du trinkst also immer noch Alkohol?" fragte sie vorsichtig.
"Hin und wieder."
Sie winkte dem livrierten Kellner, und keine drei Minuten später wurde mir ein großes Glas mit tiefrotem, öligem, herrlich duftendem Wein kredenzt.
"Hmm... das ist köstlich", murmelte ich, die Nase tief in die betörenden Dämpfe der Flüssigkeit tauchend. "Du solltest es versuchen."
"Eventuell."
Ich nahm einen Zug, ließ den Wein im Mund kreisen und gönnte mir ein bißchen Zeit, bevor ich schluckte. "Was macht Martin?"
Die Erwähnung dieses Namens ließ ihre Züge gefrieren. "Er ging nach Nairobi. Entwicklungshilfe. Das ist das letzte, was ich von ihm gehört habe."
"Und Christian?"
Sie schmunzelte. "Ein Intermezzo. - Ich sehe, du bist immer noch mit demselben Mann verheiratet - wie lange jetzt schon?"
"Dreizehn, nein vierzehn Jahre", erwiderte ich und setzte das Glas ab.
"Funktioniert das?"
"Hervorragend. Manchmal streiten uns - aber das ist ja schließlich normal."
Sie blickte direkt in meine Augen. "Und im Bett?"
Ich spürte das Grinsen breit auf meinem Gesicht. "Was soll damit sein? Keine Langeweile", sagte ich rasch. Vielleicht etwas zu rasch.
"Naja ... immer derselbe Kerl?"
"Du denkst ja selbst wie ein Kerl!" lachte ich.
"Vielleicht eine Folge der Emanzipation?"
"Sofern du Emanzipation die Angleichung an den Mann nennst ..."
Sie schaute mich lange und intensiv an. Ich spürte ihren Blick förmlich, die Überlegenheit, die sie ausspielte. Sie genoß meine Verunsicherung angesichts ihres gestylten Bodys, ihres teuren Outfits und ihrer professionellen Performance, als hätte sie eine Landpomeranze eingeladen, ein paar Tage in der Großstadt zu verbringen ...
Ich tat ihr den Gefallen und senkte den Blick. Ich tat ihr sogar noch einen Gefallen: "Greta, ich brauche deinen Rat als Psychologin."
Wie sie anschwoll, sich aufplusterte. Ihre Wichtigkeit wurde fühlbar ...
"Therapeutin", verbesserte sie mich und in ihren Augen glomm etwas Warmes, wie Verständnis.
"Ich habe einen Bekannten, einen Freund, der mir große Sorgen macht."
Ihre Finger flochten sich über der Tischplatte ineinander, während ihr Blick etwas Leeres bekam, freundliche Erwartung, der Blick des Therapeuten. Und wie ich sie von unten her anschaute, legte sie den Kopf ein wenig schräg und blinzelte aufmunternd.
"Also, es ist nichts Akutes", begann ich. "Ich wollte eigentlich nur wissen, wie man sich einem Teenager gegenüber verhält, der zu Depressionen neigt."
Sie verharrte noch eine Minute in ihrer Therapeutenhaltung, bis ihr klar wurde, daß kein Seelenerguß über sie hinwegfluten würde. Dann lösten sich ihre Hände voneinander; sie zog die Handtasche auf ihren Schoß, kramte ein wenig darin, bis sie das silberne Zigarettenetui fand.
"Na, wenigstens hast du kein Problem", murmelte sie. Im linken Mundwinkel hing ein winziges sarkastisches Grinsen, das verschwand, als sie eine Zigarette zwischen ihre tiefrot lackierten Lippen schob und mit der Atemluft die Wangen einzog, um sie anzuzünden.
"Irgendwie schon", fuhr ich fort. "Ich kann damit nicht umgehen."
Durch kreisrund geöffneten Mund blies sie den Rauch zur Decke. "Alter? Geschlecht?"
"Fünfzehn, männlich."
"Und was hat das mit dir zu tun?"
Ich zuckte die Achseln. "Gemeinsame Interessen - so kamen wir in Kontakt."
"Gemeinsame Interessen?" Sie gab dem Kellner einen Wink.
"Antony Hopkins, Meryl Streep - Ich sollte vielleicht erwähnen, daß ich ihn nur übers Internet kenne", sagte ich vorsichtig.
Ihre Brauen bildeten feine hohe Halbkreise über ihren Augen. "Aha. Und wo wohnt er?"
"Australien."
"Du hast 15jährige Freunde in Australien?" Ihre schmal gezupften Brauen wölbten sich jetzt ungewöhnlich hoch.
Der Kellner trat lautlos neben sie, und seine leichte Verbeugung veranlaßte sie, sich ihm zuzuwenden. Sie flüsterte ihm etwas zu, das ich als "Chardonnay" interpretierte.
"Jedenfalls pflegt er einen regen Emailwechsel mit mir."
Das erstarrte Berufslächeln auf den Lippen tragend drückte sie die heruntergeglommene Kippe im Aschenbecher aus. "Du meinst, er hat Depressionen?"
"Schlimme. Und er klammert sich an mich."
"Irgendeine Vorgeschichte?"
"Kindesmißhandlung, würde ich sagen."
An ihrer Stelle wäre ich jetzt erschrocken zusammengefahren; doch Greta saß vor mir, mit freundlichem Interesse. Ein Fall. Eine Studie. Es war weit weg von ihr. Doch genau deshalb war ich auf den Gedanken verfallen, sie zu fragen: Sie würde Distanz bewahren und Neutralität, und mir sagen, wie ich mich verhalten solle.
Jetzt saß ich ihr mit fragender Miene gegenüber, als sie ihre Zigarette im Ascher ausstippte, die Hände faltete und nur schwieg.
"Du mußt die Verbindung abbrechen", sagte sie schließlich.
"Was meinst du damit?"
"Es ist nicht gut. Er muß der Realität ins Auge sehen - Du dagegen bietest ihm eine Fluchtmöglichkeit, eine Idealwelt."
Ich griff nach der ungefragt präsentierten Dessertkarte. "Vielleicht hast du recht ..."
"Natürlich habe ich recht, Liebes", erwiderte sie, und sie fuhr fort, während ich hin und wieder Bestätigung nickend die Karte studierte: "Du mußt dir folgendes überlegen: Du bist nicht real für ihn. Und er muß dir nicht sein wahres Ich zeigen. Diese ganzen Internet-Geschichten sind nichts als Chancen zur Maskierung. Und unerkannt kann man seine geheimsten, dunkelsten Seiten ans Licht lassen."
Aufblickend schaute ich in ein Gesicht voll freundlicher Verbindlichkeit. Der Therapeutenblick.
"Du kennst dich aus", sagte ich.
"Ich habe schon Fälle von Chat-Sucht in meiner Praxis - ich gehöre zu den wenigen Psychologen, die sich für die Behandlung einer solchen Störung qualifiziert haben."
Ich tauchte die Nase wieder in die druckerfarbeverströmende Preisliste. Nichts, dessen Nennung eine gaumenkitzelnde Phantasie erweckt hätte. Mir war nach Mousse au Chocolat oder Zabaione.
"Versuch die Pfirsiche in Yoghurtparfait!"
Nirgends Schokolade. Ich sehnte mich nach einem schlichten Kiosk. "Das mache ich", sagte ich fast zu begeistert und klappte die Karte zu. "Hast du Erfahrung damit?"
"Mit ..." Sie stutzte. "Mit der Behandlung?" Wir grinsten verstohlen. Einen Augenblick lang glaubte ich, sie wiederzuerkennen.
"Selbstverständlich, Liebes. Ich mache das jetzt schon zwei Jahre."
"Nein, entschuldige bitte. Ich meinte eigentlich ... Hast du Erfahrung mit Internet-Diensten? Surfst du? Mailst du? Chattest du?"
"Ach so." Die nächste Zigarette begann, zwischen ihren leicht geschürzten Lippen zu glimmen. "Natürlich mußt du das jetzt fragen - wegen der Qualifikation." Ihr Lächeln geriet etwas schief. Aber als sie dem Kellner unsere Bestellungen zuhauchte, war es wieder perfekt und kühl.
"Hast du ein Problem damit?" fragte ich.
"Selbstverständlich nicht." Sie klopfte mit der Fingerspitze die Asche ab, zwei-, dreimal zu oft, wie ich fand.
"Wenn du darüber reden willst ...", begann sie und legte aufmunternd den Kopf schräg.
"Nein, darüber nicht, es ist dieser Junge-"
"Liebes, du hast gehört, was ich gesagt habe", unterbrach sie mich. "Du kannst nichts tun als ihn seinem eigenen Leben überlassen. Empfiehl ihm, einen Therapeuten aufzusuchen, und dann verschwinde aus seinem Leben! Oder besser, empfiehl es seiner Mutter." Erstaunlich kräftig sog sie an der Zigarette und beförderte die Glut mit größerem Schwung als zuvor in den Ascher.
"Eine Frage ..." Ihre Blicke bohrten sich in meine Augen. "Hattest du Sex mit ihm?"
"Was?" rief ich, und im nächsten Moment dankte ich dem Herrn für meine Geistesgegenwart, die mich davor bewahrte, den Anblick eines sprachlosen Stutzens zu bieten.
"Hattest du Sex mit ihm?" Es klang ganz normal, nur interessiert. Die zu drei Vierteln gerauchte Zigarette verwandelte sich unter ihren Fingern in eine Spirale, das Papier barst, so daß brauner Tabak herausquoll.
"Greta! Er ist fünfzehn. Ich bin verheiratet. Er himmelt ein Mädchen in seiner Schule an."
"Kein Grund, es nicht zu tun, Liebes", konterte sie.
"Das sehe ich anders."
Unverwandt starrte sie mir ins Gesicht. "Warum glaube ich dir nicht?"
"Weil er männlich ist und ich weiblich bin?"
Ihre Hände suchten das silberne Etui, schlossen sich darum, öffneten es hastig, zerrten eine weitere Zigarette heraus, die sie rasch anzündete. Jetzt zog sie daran, als ginge es um ihr Leben, stieß den Rauch in dicken Schwaden aus, zog wieder.
"Greta ... hast du ein Problem damit?"
"Ich?" Da war es wieder, dieses schiefe Grinsen. Diesmal pflanzte es sich fort über ihr ganzes Gesicht, während sich ihre Halsmuskeln anspannten. "Nein, ich habe weder ein Problem mit meiner Sexualität an sich noch mit meiner sexuellen Orientierung."
"Das war nicht meine Frage."
"Und was dann?" Ganz Erwartung saß sie da, versuchte zu lauern, eine Gelegenheit zu ergreifen, während ich mich wunderte.
"Ob du ein Problem damit hast, daß ich Kontakt habe, intensiven freundschaftlichen, nicht sexuellen Kontakt zu einem halbwüchsigen Jungen?"
"Natürlich habe ich ein Problem damit", beschied sie mir. "Jeder hätte das. Schließlich bist du nicht seine Mutter. Du bist überhaupt nicht mit ihm verwandt."
Ich nickte dem Kellner dankbar zu, der ein bunt verziertes Glasschüsselchen vor mir abgestellt hatte, was er jedoch ignorierte.
"Das ist richtig", beantwortete ich ihre Frage, "abgesehen von den Merkmalen, die alle Menschen europäischer Abstammung teilen, haben wir keinerlei genetische Übereinstimmung."
"Was also sollte dich an ihm interessieren?" Sie drückte die Zigarette aus und legte eine frische Serviette auf ihren Schoß, um sich dem kunstvoll geschnittenen Obst auf ihrem Teller zuzuwenden.
"Was denkst du?" fragte ich heiter.
"Daß ich dir nicht glaube."
"Also, wenn du es unbedingt wissen willst ... Natürlich habe ich mich schon einmal in diese Gefilde begeben - allein, wohlgemerkt! Ich bin viel zu neugierig."
Ein rascher Blick von ihr flog herüber. Das angenehm kühle, säuerliche Parfait im Mund bewegend (man verwendete hier offenkundig weder Zucker noch Süßstoff), bekräftigte ich meine Behauptung durch eine Kopfbewegung und genoß dann den warmen Duft des Weines in meiner Nase.
"Und ..?"
"Was ‚und'? Es war einfach doof: Lauter Spontan-Drehbücher für Pornos. Links steht ein Name, meist ziemlich vielsagend, und dahinter reihen sich Buchstaben auf, denen du entnehmen kannst, was er oder sie mit dir tun würde, wenn da nicht diese räumliche Trennung wäre, die so ein Chatroom vorgeblich überbrückt."
Auf ihren Wangen blühte etwas auf. "Eine etwas prosaische Beschreibung."
"Du kennst das?"
"Nun ..." Sie nippte an ihrem Chardonnay, ließ den Wein im Mund kreisen, bevor sie ihn schluckte - eine wunderbare künstlerische Pause entstand. "Eine meiner Patientinnen ist eine Chatroom-Nymphomanin. Ich mußte mir ein Bild machen."
"Dann verstehst du sicherlich, warum ich diese Sache doof finde."
Das Blühen auf ihren Wangen wurde kräftiger. Dann kicherte sie auch noch. "Stimmt schon." Irgendwie fiel sie ein wenig aus der Rolle und verwandelte sich wieder in die Greta, mit der ich in der Vorlesung für Entwicklungspsychologie die Hörsaalbank gedrückt hatte. Nur für einen Augenblick allerdings, bis sie verstummte, den Stiel des Glases in den Fingern drehte und in die sanft golden schimmernde Flüssigkeit starrte, während ich mein Schüsselchen leer kratzte, um mich dann endlich über die beiden süßen Pfirsich-Halbkugeln herzumachen. Der Löffel schnitt zweimal in das saftige Fleisch, so daß ein hübscher mundgerechter Beinahe-Tetraeder entstand, der exakt auf den Löffel paßte.
Gerade als ich ihn in den Mund schob, piepte Gretas Pager. Und während ich das samtige, saftige Fruchtfleisch zermalmte, verfiel sie in überraschende Betriebsamkeit, checkte die Meldung des Pagers, kramte den Handheld aus der Tasche und begann, hektisch Buttons zu drücken, studierte das Display, um dann mit dem Schreiber etwas zu verfassen, was ich als Email einschätzte.
"Notfall?"
Sie schrak hoch, mit richtig glühenden Wangen nun. "Was? Nein ... nur ein Freund." Der Stift flog über das Display.
"Schön. Was schreibt er denn?"
Noch mehr Glut. "Nichts Besonderes", sagte sie gedehnt. "Befinden, Urlaub, das Übliche."
"Das Übliche?" Ich zuckte die Achseln. "Entschuldige, bitte. Schließlich geht's mich nichts an."
Ihr Gesicht hatte etwas Fieberhaftes. Sie schloß die Prozedur mit ein paar Knopfdrücken ab, und bevor der Handheld in ihrer Tasche verschwunden war, hatte sie dem Kellner gewunken, die Brieftasche gezückt und war aufbruchbereit.
"Ich muß noch etwas erledigen ...", murmelte sie entschuldigend. "Habe etwas vergessen ..."
Wenig später hasteten wir nebeneinander durch die abendlichen Straßen Schwabings auf dem Weg zu ihrer Wohnung. Selbstverständlich wohnte sie in einer ruhigen Seitenstraße, in einem großen Gründerzeitbau mit wuchtiger hölzerner Tür, kaum dreihundert Meter vom Restaurant entfernt. Licht entflammte bei unserer Annäherung automatisch, und ich hätte mich nicht gewundert, wenn die Tür ebenso automatisch aufgeflogen wäre; aber sie mußte sie auf altmodische Weise mit einem Schlüssel aufsperren. Der Aufzug brachte uns leise summend in den vierten Stock, eine Mansarde ganz nach Gretas Geschmack.
Und so hatte sie sich auch eingerichtet. Kühle Designermöbel und dazwischen ein paar schöne Erbstücke aus der Familie. Fünf Zimmer auf einhundertfünfundfünfzig Quadratmetern ganz für sie allein. Natürlich beneidete ich sie. Besonders um den urwaldartigen Wintergarten.
"Setz dich. Nimm dir was zum Lesen. Was willst du trinken?" Sie wirkte gehetzt.
"Wenn du hast, einen guten roten Tropfen und Wasser."
Während ich ihre erstaunlich mageren Buchbestände studierte, rumorte sie hörbar in der Küche, entkorkte eine Flasche Wein - und als der Korken ploppte, entfuhren ihr nacheinander ein "Au!" und ein "Scheiße!", bevor sie mit einem Tablett, der Flasche und zwei großkelchigen Gläsern hereineilte.
"Du, entschuldige, Liebes, aber ich muß das jetzt noch erledigen. Mach es dir hier gemütlich und warte. Ich bin in zwanzig Minuten bei dir."
Und damit füllte sie ihr Glas und verschwand.
Begleitet von an- und abschwellendem Tastaturgeklapper hatte ich mir Asimov aus dem Regal gezogen, so ziemlich der einzige Berührungspunkt in unseren literarischen Geschmäckern. Ich mache mir nichts aus Romanen, schon gar nicht aus historischen. Das weiße Ledersofa und die passenden Sessel luden auch nicht zum Hineinlümmeln ein, und so wanderte ich mit dem Paperback in der Hand durch den weitläufigen Salon zur Balkontür, hinaus in den wundervollen Urwald, ein Paradies aus Rattanmöbeln, Kelims, Kissen und Decken, durchwuchert von Bananenstauden, Palmen, Orchideen und anderen tropischen Pflanzen, deren Namen mir unbekannt waren. Ich öffnete die angelehnte Glastür und trat hinaus in die Oase des Lebens, die sich an dieses Museum für moderne Inneneinrichtung anschloß. Ich kuschelte mich in einen Sessel, zog eine Wolldecke fest um mich, und dann entzündete ich noch die Kerzen auf dem durchgehenden Sims (einst das Balkongeländer) und lehnte mich zurück. Durch das Glasdach ließ sich wunderbar der Himmel über München betrachten, die wenigen Sterne, die das elektrische Leuchten der Stadt überstrahlten, und deren Namen ich leider nicht kannte. Leise drang aus der Tiefe des nächtlichen Gartens das feine Zirpen der Grillen herauf, übertönt vom sanften Rauschen der Blätter. Asimov fiel dem Vergessen anheim.
Und gleich nebenan das Klappern der Tastatur. Greta saß in ihrem Arbeitszimmer und klimperte bei gekipptem Fenster auf dieser Klaviatur des Wortes herum. Eine Frischluftfanatikerin wie ich. Überall offene Fenster, selbst hier im Wintergarten war eine der Fensterfronten aufgeschoben, so daß die Nachtluft ihre prickelnde Kühle über meine Haut blies.
Schließlich tönte ein leises "Okay" herüber. Ich dachte schon, sie sei vorzeitig fertig geworden, und stand noch einmal auf, um einen freundlichen Blick um die Ecke zu werfen. Sie hatte sich erhoben, trug einen Kopfhörer mit Mikroteil (cordless) auf dem Kopf und dimmte das Licht des Deckenfluters, bis es im Raum fast völlig dunkel war. Hätte es im Wintergarten mehr Licht als das der Kerzen gegeben, hätte ich sie nicht mehr erkennen können; so aber sah ich, wie sie sich im matten Restlicht des Bildschirms mit der rechten Hand an den Hals fuhr, an den straffen Sehnen herabstrich, die Hand in die halbgeöffnete Bluse gleiten ließ und dabei leise, unhörbar leise ins Mikro flüsterte. Während ich allmählich begriff, was vor sich ging, bewegte sie sich langsam durch den Raum, setzte sich, legte sich auf eine mir fast völlig unsichtbare Couch und ihr Flüstern wurde etwas lauter, rauchiger. Rasch, mehr von einer aufkeimenden Verlegenheit veranlaßt als von Diskretion, faßte ich nach dem Griff der Fensterfront und schob sie zu, mühelos und lautlos. Saubere Arbeit.
Es ging mich ja nichts an, was Greta in ihrer Freizeit tat; also kehrte ich wieder zu dem Sessel zurück, und Asimov kam für ein paar Minuten wieder zu Ehren. Andererseits ... Es mußte schon etwas Ernstes sein, wenn sie ein Wiedersehen, auf das sie seit Monaten gedrängt hatte und für das mir auch mein Job nur zwei Tage Zeit ließ, durch eine ... na, sagen wir mal "Internet-Affaire" unterbrach. Offenkundig war ich für sie nicht mehr die Gesprächspartnerin, die ich ihr in den Jahren des Studiums gewesen war, die Fachfremde, die sie zu neuen Ideen inspirierte, die sie mit abstrusen Theorien zur Psychologie versorgte. Das war lange her.
Sie hatte den großen Durchbruch geschafft, ich war eine kleine freiberufliche Wirtschaftsberaterin mit Familie.
Asimov konnte mich nicht fesseln; also legte ich ihn zur Seite und blinzelte dösend in den Nachthimmel, der stumm über mir hing.
"Hallo."
Ich war einen Augenblick lang desorientiert, aber Gretas Stimme ließ die Syllogismen nur so rattern, bis ich mich auch geistig eingekuschelt in ein paar Kissen und Decken auf einem Sofa in ihrem Wintergarten wiederfand.
"Hast du geschlafen?"
"Scheint so", murmelte ich und tappte nach meinem Glas. Es war leer. "Wie spät ist es?"
Greta trat vor, die Flasche in der Hand, und schenkte mir nach, reichlich, mehr als reichlich. Als ich sie ansah, lag in ihren Augen noch ein gewisser Resthunger. Sie war abgeschminkt und umgekleidet; ein weißer Seidenkimono umfloß ihr liebstes Kunstwerk mit feinem Glanz. Und dann glitt sie an meiner Seite auf das Sofa, ihr biegsamer Körper schmiegte sich an mich, ließ mich starr und stumm werden - wieso eigentlich?
"So gegen elf ..." murmelte sie, ihr weißer, duftender Nacken dicht neben meinem Gesicht. Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn und meinen Schläfen, als sie sich zurücklehnte und an meiner Schulter lag.
"Ich liebe diesen Blick ..." flüsterte sie.
Sicher, wir hatte uns zur Begrüßung umarmt - liebe alte Gewohnheit - und auf die Wangen geküßt, doch das war definitiv eine andere Greta gewesen, wie mir meine alarmierten Sinne versicherten, eine stocksteife, nervöse Greta, die ich bislang nicht gekannt hatte, während mir die, die sich auf dem Sofa an mich kuschelte, vertraut war. Und doch ...
"Vielleicht sollte ich jetzt besser schlafen gehen ..."
Sie fuhr hoch. Ihr ganzer Körper erstarrte, als ich die Stille mit diesem Satz zersplitterte. Sie schaute mich aus runden blauen Augen an, ganz die, die ich am Nachmittag getroffen hatte. Scheiße.
"Vielleicht solltest du das", schnappte sie und erhob sich auf steifen Beinen. "Ich dachte, ich mache morgen weiter und wir plaudern noch ein wenig. Mir war gerade so nach Plaudern - wie in alten Zeiten. Aber wenn du lieber schlafen möchtest ..."
Unmöglich, da wieder herauszukommen. Ich grinste schief und verwünschte meine Verdächtigungen, meine alarmierten Sinne. Fehlalarm. Mit majestätisch langsamen Schritten entfernte sie sich von mir. Definitiv. Ich hätte heulen können.
"Ich werde noch etwas arbeiten", sagte sie, ohne sich umzudrehen. "Das Gästezimmer ist am Ende des Ganges, neben dem Bad. Du findest dich schon zurecht. Gute Nacht." Und damit ließ sie mich in dem tropischen Paradies ihres Wintergartens mit Asimov zurück.
Geradezu erbost sprang ich auf - Luft! -, riß die Glasfront auf, die wiederum leicht und lautlos beiseiteglitt. Einfach tief atmen. Wieder klapperten ihre Fingernägel auf den Tasten des Computers, und es war immer noch sehr dunkel, kein Licht außer dem matten Schein des Bildschirms. Diesmal hatte sie allerdings den zarten weißen Vorhang zugezogen, so daß meine Augen nichts erkennen konnten. Unerheblich, ob ich das wollte. Der feine Stoff wehte wie der Kimono, den sie getragen hatte. Ihr Leben war eben doch ein Gesamtkunstwerk, wie ich mit leise galligem Anflug feststellen mußte.
Unten zirpten die Grillen. Die Blätter rauschten leise im Nachtwind. Und aus ganz weiter Entfernung erreichte mich der Hauch ihrer Stimme: "Ich bin zurück ... Ich kann es nicht aushalten ... Wirst du es noch einmal tun ...?"
Ich riß der unschuldigen Dattelpalme ein Blatt aus, schleuderte es in die Dunkelheit, wo es langsam, langsam, in schaukelnden Bahnen in die Tiefe segelte, hin und wieder aufblitzend im Lichtschein erleuchteter Fenster.
©1999 Iris Kammerer
Abgedruckt in: Das Erste. Jahrbuch der 42erAutoren. Hg.v. 42erAutoren e.V. 2000, S. 169-185.
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