Iris Kammerer
Passierschein
Pope wußte, was das Mädchen vor ihm anstarrte. Er hatte die Automatische geschultert, und nun hing sie mit der Mündung nach unten diagonal über seinem Rücken, das schwere Ding. Geputzt, geladen, gesichert.
Das Mädchen kaute auf der Faust. Eigentlich schien sie schon zu alt dafür. Sie kam aus der Stadt. Mit ihrer schwarz verschleierten Mutter, die die Soldaten nicht ansah. Ihnen die Hand mit den Papieren entgegenstreckte, ohne den Blick vom Pistenstaub zu heben. Ohne ein Wort.
Über ihnen ratterte ein Schwarm Hubschrauber in Richtung der Kampfzone und verwirbelte feinen heißen Staub in der Luft. Schwarz lastete Qualm über der Stadt, verschluckte die Silhouette des Zentrums. Vereinzelter Geschützdonner durchzitterte die Luft. Jedesmal zuckte das Mädchen zusammen, aber sie blinzelte nicht. Starrte ihn nur an.
Pope fuhr sich mit der Zunge über die dürren Lippen und schmeckte die Wüste. Er zog die Mundwinkel nach oben. Er hatte keine Kaugummis mehr in der Tasche. Die waren ihm vor Stunden ausgegangen. Dabei hatte er pfundweise Kaugummis mitgenommen. Für die Kinder, die den Straßenrand säumen sollten, jubelnde Kinder, die ihre Befreier begrüßten. Doch diese Kinder jubelten nicht. Niemand jubelte. Die Leute waren still. Sie wollten nur weg von hier. Ihre Kinder retten. Und sich selbst.
Heißer Wind blies Staub über Popes Wangen. Sean hatte die Papiere der Frau genommen und war gegangen, um sie zu überprüfen. Überflüssige Prozedur, die eine scheinbare Sicherheit verlieh. Er würde einen Passierschein ausfüllen, stempeln und ihr ebenso aushändigen wie den vielen vor ihr und den vielen, die ihr folgten. Eine endlose Schlange von Menschen, meist Frauen. Vor allem Kinder.
Als Pope sich in den Wüstensand schneuzte, kniff das Mädchen die Augen zu. Erst nach einem langen Atemzug blinzelte sie. John Paul hatte seine Mutter ihn genannt, nach ihren Lieblings-Songschreibern. Paul hatte bis jetzt nichts gesagt zu ihrem Einmarsch. Aber John hätte. John hätte sich an die Spitze der Demonstranten gestellt, auf Kundgebungen gesprochen und gesungen. Jedenfalls behauptete das Johns Witwe.
Seine Kameraden nannten ihn Pope. Schon in der Schule hatten ihn alle Pope genannt, niemand sagte John oder Paul. Gestern hatte ihm Sean ein Andachtsbildchen des Papstes an die Jacke geheftet. Die Kameraden hatten gelacht, als wäre es etwas Anstößiges, Frivoles. Ausgerechnet Sean, der sich jeden Morgen und jeden Abend einen runterholte und glaubte, daß niemand es merken würde.
Das Mädchen zog die Faust aus dem Mund, naßglänzende Finger. Winzige, schmutzige Finger. Aus geweiteten Augen starrte sie in sein Gesicht. Sean reichte der Frau ihre Papiere und den Passierschein. Ohne ein Wort oder einen Blick stopfte sie alles unter den Schleier, nahm das Mädchen am Handgelenk und ging los. Eine andere schwarzvermummte Gestalt drängte sich an ihren Platz, neben ihr Seite schleppte sich ein Junge auf seinen Krücken vorwärts. Sein rechtes Bein endete am Oberschenkel, das Hosenbein war verknotet. Kollateralschaden.
Pope atmete durch. Zum Einweisen brauchte Sean ihn nicht. Sean brauchte ihn überhaupt nicht. Pope wandte sich ab und machte sich auf den Weg zum Brunnen. Unterwegs nahm er die Automatische von der Schulter, stieß sie neben der Pumpe mit der Mündung in den schweren Sand, rammte die Hände in die Taschen.
Das Bild des Papstes war noch immer in der Tasche. Nichts als ein Fetzen Papier, aus einem Magazin ausgerissen. Ein alter Mann, gebeugt, auf einem Sessel, den Kopf in die Hand geschmiegt.
Über die Kisten hinweg blickte ihn das Mädchen an. Ihre dünnen, dunkelbraunen Locken bebten, als fingen sie den Geschützdonner und das Knattern der Rotorblätter ein. Die dunklen Augen musterten Pope, als wäre er ein Tier, ein Auto. Der Wind sprühte Staub in die Falten seiner Uniform. Wüstenratte.
Man hatte ihn auf vieles vorbereitet, aber nicht auf das warmglänzende Ebenholz dieser Kinderaugen. Nicht auf Kinderbeine, die über dem Knie in verknoteten Hosenbeinen endeten. Nicht auf Kinderhände, die einen Blechbecher mit Wasser füllten und ihm reichten.
Pope trank langsam. Am Straßenrand wartete die Mutter des Kindes, das Gesicht abgewandt. Ein Auto rollte an, Gesichter klebten an den Scheiben, und im Kofferraum duckten sich Kinderkörper. Der Junge stakte sich auf seinen notdürftigen Krücken durch eine Staubwolke.
Pope kramte das Bild aus der Tasche, hielt es dem Mädchen hin. Sie sah den alten Mann an, den Soldaten, dann wieder den alten Mann. Als Pope aufmunternd nickte, nahm sie den Fetzen dickes Hochglanzpapier und drückte ihn an sich. Nickte heftig. Machte rückwärts einen Schritt zur Straße und nickte nochmals. Dann hob sie die Hand und bewegte leicht die Finger. Winkte.
Pope drehte sich um, weil seine Augen brannten. Vom Staub.
©04/2003 Iris Kammerer
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