Iris Kammerer
Reprise
Ich höre Schritte in der Dunkelheit.
Eine Stimme, weiblich, sagt: "Sooo", und sanfte Geschäftigkeit dehnt das ‚o' über ein paar Sekunden.
Etwas Warmes, Weiches, Haut berührt meinen Arm. Es gibt einen Ruck, als jemand leicht an das Bett stößt, auf dem ich liege.
"Wir bringen Sie jetzt in die Neurologie, Herr Wiedmann", fährt die Stimme am Fußende fort, sanft und geschäftig.
Und aus der anderen Welt höre ich, dass jemand mit einem Klicken die Bremsen an den Rädern löst. Dann setzt sich das Bett mit mir in Bewegung. Auf einmal bemerke ich eine Mischung aus Bohnerwachs und Desinfektionsmittel. So riecht es auf dem Flur.
In meinem Magen gärt eine leise Übelkeit. Ich bin nie schwindelfrei gewesen. Und jetzt, da ich in dieser finsteren Welt festsitze, während die anderen da draußen im Licht sind, jetzt, da ich der anderen Welt, der des Lichtes auf Gedeih und Verderb ausgeliefert bin, spielt mir dieser Mangel gemeine Streiche. Das fahrbare Bett ruckt ein paar Mal seitwärts, so dass ich nicht feststellen kann, ob die Fahrt nach rechts oder links geht. Dann scheint es zügig und gleichmäßig in Richtung meiner Füße zu gleiten.
Meine Finger krallen sich in das Laken. Glatter Baumwollstoff. Wahrscheinlich weiß. Deutlich höre ich hinter dem Surren der Räder das leise, eigentlich kaum hörbare Quietschen, das durch das Pendeln der Infusionsflasche in ihrer Halterung entsteht. Da muss ein Tropf sein. Ich spüre doch die ganze Zeit den Fremdkörper, der in meinem Handrücken steckt, die Befestigung, die Kühle des dünnen Gummischlauches.
Dieses leise Quietschen lässt in meinen Ohren kreischende Bremsen widerhallen. Wieder rast dieses Grau auf mich zu, prallt mit aller Gewalt gegen ... mein Visier. Und dann erstrahlt dieser Lichtblitz, der nichts zurücklässt als Finsternis.
Der rechte Fuß tut entsetzlich weh. Seit Tagen versichern sie mir, dass sie mir etwas gegen diese Schmerzen geben, dass sie die Infusionsflüssigkeit damit impfen. Ich muss ihnen ja glauben.
Seit Tagen.
Was sind Tage? Die Zeiten zwischen jeweils zwei Sonnenaufgängen. Licht.
Manchmal sind da helle, bunte Flecken vor meinen Augen, aber die lassen sich nicht festhalten. Die Hand habe ich danach ausgestreckt, aber diese Hand ist nie in mein Gesichtsfeld geraten; selbst wenn die Flecken hell aufblitzen, meine eigene Hand - wie alles, was ich höre, rieche, schmecke und spüre - bleibt unsichtbar. Und immer wieder verschwinden die Flecken in der undurchdringlichen Dunkelheit.
Ein Ruck und die danach einkehrende Ruhe verraten mir, dass sie abgebremst haben, nach einem schleifenden, summenden Geräusch um die Länge des Bettes weiterrollen, dann geht es abwärts, denn mein Magen hüpft - ein Aufzug. Schließlich bleiben wir mit einem saugenden Geräusch stehen; das Bett setzt sich wieder in Bewegung, nach rechts, wieder links - ich bin nicht sicher, es geht viel zu schnell. Viel zu schnell. Eine Tür singt leise in den Scharnieren, vielleicht auch ein Motor, der sie automatisch öffnet. Ein ganz anderer Motor als der, dessen tiefes Vibrieren wieder und wieder in meinen Ohren brummt. Ich habe diesen Ton einmal geliebt, fast mehr als sie. Dieses sanfte Vibrieren, das der kraftvolle Motor eines Bikes verursacht. Immer konnte ich ihre Arme um meinen Bauch spüren und den sanften Druck, den ihr Körper ausübte. Rebekka, meine Frau. Mein Leben. Hellbraunes wehendes Haar und Augen so klar wie ein Brunnen.
Es gibt einen Ruck. Jetzt steht das Bett. Das Klicken der Bremsen sagt mir, dass wir am Ziel sind.
"So, Herr Wiedmann", sagt die Stimme und ein warmer, leicht minziger Atem streicht über mein Gesicht. "Jetzt warten Sie hier ein Viertelstündchen, dann kommt der Herr Professor und macht ein paar Tests. Vielleicht kann der Verband ja heute schon `runter."
Für einen Moment wölbt sich ihre Hand warm um meine Schulter; dann entfernt sie sich mit einem kühlen Luftzug.
Warten.
Ich hasse es zu warten. Dann und wann tönen Schritte vorbei: ein feines Quietschen signalisiert Gesundheitslatschen auf gebohnertem Linoleum - Personal -, ein hartes Klacken die Absätze von Frauenschuhen, und ein leises Knirschen verrät das Leder von Herrenschuhen. Stimmen, die sich nähern und entfernen, gedämpfte Rufe, das Schrillen eines Piepsers.
Ich bin allein in meiner Welt, der anderen da draußen im Licht hilflos ausgeliefert. Und auch der da drinnen in mir.
Es kommt langsam wieder. Zuerst die Empfindung der Arme, die um meinen Leib geschlungen sind, wie sie sich an mich schmiegt, während der Motor dröhnt. Ich sehe die Straße. Ich fahre durch den Wald, die geschwungene Wegführung am Hang des Berges entlang. Unter mir die Maschine, der bauchige Tank, auf den ich mich lehne, die Hände entspannt aber bestimmt die Griffe des Lenkers haltend. Mit sanften Bewegungen führe ich den Gaszug. Die Kraft dieses Motors fordert mir Respekt ab.
An diesem Tag fuhr ich mit ihr ziellos durch die Gegend, weil sie mir gerade den rosafarbenen Fleck auf der Anzeige des Teststäbchens gezeigt hatte.
Acht Monate hatten wir es versucht, und endlich war es gelungen. Endlich hätten wir uns in die Reihen der Freunde und Bekannten einordnen können, die krähende, plärrende, sabbernde Babies haben und nichts auf der Welt mehr behüten und lieben. Von jetzt an würde ich Rebekka behüten und den noch formlosen Wurm in ihr.
Die Straße zieht sich in einer langgezogenen Kurve nach links, dem Ausgang des Waldes zu. Ich gebe Gas, und die Maschine schießt in die freie Flur sich ausdehnender Wiesen hinaus, ins Sonnenlicht. Eine lange Gerade, nach etwa achthundert Metern dann eine übersichtliche Kreuzung, an der ich die Vorfahrt beachten muss. Da kommt niemand. Keine lahmen Familienkutschen, die über die weite Flur schleichen. Bald werden wir auch so ein Ding benutzen müssen, aber dafür war noch Zeit. Ich beschleunige die Maschine. Der Motor röhrt, dass die Kühe die schweren Häupter aus dem Gras der Wiesen heben und ihm blöde hinterher glotzen.
Nichts zu sehen auf der Bundesstraße. Der Asphalt saust mir entgegen. Silbrig-nasse Schlieren schwimmen darüber. Die Linie, das achteckige alarmrote Schild wachsen rasend schnell, und der Motor heult seinen Jubel in die sonnenüberflutete Welt.
Das silberne Geschoss ist da, ehe ich es wirklich bemerke. Gas weg. Gang raus. Beide Hände hart um die Bremshebel. Ziehen. Die Scheiben quietschen metallisch. Unter mir gleitet das Hinterrad nach rechts weg, legt die Maschine schräg, als ich sie wieder in den Griff meiner Schenkel zwingen will. Ein schrilles Kreischen, Gummi auf Asphalt, schreit in meinen Ohren.
Rebekka. Ihre Arme sind noch da, ihr Griff fester.
Die Maschine legt sich noch mehr zur Seite, schlingert gefährlich. Der Haltestreifen rast unter mir hinweg. Das silberne Ding schießt mir entgegen. Da ist das Gesicht des Fahrers, seine riesigen geweiteten Augen.
Die Explosion reißt mich vom Sattel. Etwas beißt sich in mein rechtes Knie. Die Kette! Dann ist alles weg. Einen Augenblick lang ... fliege ich ... in absoluter Freiheit durch das gleißende Licht der Sonne. Rebekka - Rebekkas Arme - ihr starker warmer Körper - weg.
Der steinharte Boden prallt mit aller Gewalt gegen mein Visier. Neues Licht bricht durch. Dann Finsternis.
Sie hat sich nicht mehr aufgelöst, diese Finsternis.
Man brachte mir behutsam bei, dass meine Frau nicht überlebt hat. Und auch nicht der formlose Wurm, von dessen Existenz ich erst kurz zuvor erfahren hatte. Immer noch kann ich ihre Arme spüren, wie ihr Griff sich in jähem Schrecken verhärtet und plötzlich weggerissen wird.
Man brachte mir behutsam bei, dass man mein rechtes Bein nicht habe retten können. Aber woher dann diese unerträglichen Schmerzen im Fuß?
Und das andere, das Unaussprechliche. Die Ursache der Finsternis.
Ich hebe den linken Arm und führe ihn durch die andere Welt vorsichtig dort hin, wo ich meinen Kopf weiß. Ich berühre meine Ohren, ertaste das straffe Material des Kopfverbandes. Ich fühle die Wärme meiner Wangen, die Nase, gleite vorsichtig darüber. Und zucke zusammen. Da ist etwas Feuchtes, und die Berührung ist schmerzhaft. Ein scharfer Druck auf den Augen, wie ein Messerstich.
Sie haben mir die Fingernägel nicht geschnitten.
©1999 Iris Kammerer
[Seitenanfang] - [zurück]
© 1999-2004 Iris Kammerer, Marburg - all rights reserved!
Abdruck - auch in Auszügen - nur mit vorheriger Genehmigung der Verfasserin!
[Impressum]
|