Titel > Eingang > Literarisches >

Iris Kammerer

Sonntagsspaziergang

inquietum est cor nostrum dum requiescat in te
Augustin, Confessiones

Die Sonntagvorabende im August, die Stunden, wenn die Luft vor der Sonne liegt wie Spinnweben, waren meines Vaters Stunden, denn über die Jahre nutzte er diese Zeit dazu, mit mir spazierenzugehen und mir die Welt zu erklären. Mein Vater, der Professor für Humangenetik, dessen Denken sich zwischen Buchdeckel pressen ließ. Zwischen die Buchdeckel teurer Bücher, die in allen Universitätsbibliotheken der Welt stehen, ein paar Jahre durch zahllose ehrfürchtige Hände wandern, um dann mit verschiedenen Notizen versehen allmählich zu verstauben, bis sie nur noch von den Fingern der raren Spezies der Wissenschaftshistoriker aus dem Archiv geholt werden. Neunziggrammpapier, kadmiumfreie Druckerfarbe, Garamond zehn Punkte. Ihr Schicksal ist vorbestimmt: Die Papierversion würde im günstigsten Fall zweihundert Jahre halten, doch lange davor ist das Wissen darin, welches zum Zeitpunkt des Erscheinens als Sensation, als Revolution unseres Bildes vom Menschen gepriesen wurde, ersetzt worden durch neue, sensationellere, revolutionärere Erkenntnisse.
Ich habe es unzählige Male miterlebt, wie meines Vaters Wahrheit ersetzt wurde durch die eines anderen, wie der Kampf um das Primat über die Hörsäle meinen Vater als Unterlegenen, als Verlierer, ja manchmal sogar als Lügner zurückließ wie Strandgut. Doch immer wieder, nachdem er solche Nackenschläge hatte hinnehmen müssen, erhob er sich, setzte die winzige ovale Brille auf seine mächtige Nase und begab sich kleinwüchsig, aber hochaufgerichtet, in sein Labor, wo immer sich dieses gerade befand.
Die Sonntagvorabende würden von nun an mir gehören, sagte er am Nachmittag meines zehnten Geburtstages. Meine Schwester Delia, bleich, schwarzes Haar, das ihren Rücken hinabrieselte, schwarzumschattete Augen von reinstem Saphirblau, hatte er verloren gegeben. In wehenden, dunklen Gewändern traf sie sich mit gelassen wirkenden Fremden, inhalierte süß duftende Zigaretten und umklammerte schneeweiße Jünglingsschenkel mit ihren bei Kerzenlicht im Gartenhaus.
Mir gehörten also fortan die Sonntagvorabende; das sollte bedeuten, an Sonntagvorabenden gehöre mein Vater mit, doch tatsächlich gehörte ich ihm. Wir gingen fast immer dieselbe Strecke in jener Zeit - damals lehrte er ein Jahrzehnt lang an einer süddeutschen Universität -, die baumbestandene Straße hinunter bis zur Unterführung, dann am Bahndamm entlang, wo die zartvioletten Blumen wuchsen, die er liebte, ohne ihre Namen zu kennen. Während er mir sein Wissen offenbarte, von den Heroen seines Faches sprach, den großen Erkenntnissen, die die Welt verändert hatten, ergab ich mich dem Strom der Worte - wohlgesetzen Worte - und ließ meine Augen in der gebändigten Natur lustwandeln. Getreidefelder blutend von Mohn und gefleckt mit Kamillen und Kornblumen, die Böschung schimmernd von Platterbsen, an deren Blüten die Hummeln baumelten, welche nektartrunken und sanft brummend in der Abendluft schwebten.
An jenem Augustabend murmelte ich einen Spruch vor mich hin, den ich in der Schule aufgeschnappt hatte von einigen Dreizehnern, bewunderten, beneideten angehenden Absolventen des naturwissenschaftlich-technischen Gymnasiums, dessen elfte Klasse ich damals besuchte.
"Was hast du gesagt?" fragte er, ärgerlich über die Unterbrechung seines Vortrags.
"Nach den Gesetzen der Physik ist es unmöglich, daß die Hummel fliegt", zitierte ich gehorsam, "doch die Hummel weiß das nicht."
Mit einem Schnauben und einer wegwerfenden Geste wischte er den Unsinn von einer gedachten Tafel. "Und was hat das mit dem Hardy-Weinberg`schen Gesetz zu tun?"
Ich wagte den Einwand, eine Hummel gesehen zu haben, welche nektartrunken und sanft brummend in der Abendluft schwebe, die wie Spinnweben vor der Sonne hänge, aber auch das wischte er von besagter Tafel und schwieg aus Verdruß über meine mangelnde Konzentration. Ringsumher war alles erfüllt von warmem Summen, süßem Atem und Licht, während dieser kleine Mann neben mir mürrisch dahinmarschierte.
"Papa, was geschieht, wenn man schläft?"
"Er stutzte, blieb stehen - ich mit ihm -, um mich anzublicken. "Was für eine Frage!"
"Du hast Humanbiologie studiert, du mußt es wissen."
Er setzte ein Lächeln auf, senkte den Kopf und ging weiter. Am alten Bahnwärterhäuschen würden wir umkehren, doch bis dorthin waren es noch etwa elfhundert Schritte, sorgfältig abgezählt in vielen Gängen unter dem endlosen Redestrom. Immerhin war ich jetzt sechzehn, hatte einige Mädchen geküßt, mit einer sogar mechanisch verrichtet, was ich auch meine dunkelbleiche Schwester hatte mehrmals mechanisch verrichten sehen.
"Nun ... Verschiedene Zentren des Gehirns sind dann sehr aktiv, Zentren, die im Wachzustand mit einer Fülle von Daten versorgt werden wie beispielsweise die beiden la-"
"Papa!" Ich hatte den Einwurf begonnen, ohne nachzudenken. "Ich will nicht wissen, was mein Gehirn tut, Wenn ich schlafe. Ich will wissen, was ich dann tue."
"Manchmal onanierst du auch, das ist ganz natürlich." Er lächelte milde und verständnisvoll, weil es ihm als Junge wohl ebenso gegangen war, ihm jedoch niemand Verständnis entgegengebracht hatte.
"Verstehst du mich nicht?"
"Doch, sehr gut sogar. Mit deiner Mutter kannst du halt nicht über diese Dinge reden."
Diesmal blieb ich stehen. "Papa, ich habe dich gefragt, was geschieht, wenn man schläft, und du erwiderst, was mein Gehirn tue. Ich will aber nicht wissen, was mein Gehirn tut, sondern was ich tue. Ich, Papa."
Ich vermute, er hatte diese Frage nie zuvor gehört, vielleicht hat er sich selbst nie eine solche Frage gestellt, zumal er mich musterte, als wäre ich ein Fremder.
"Schau mal, dieses Bein -" Ich klopfte auf einen meiner Oberschenkel. "- gehört mir. Es ist mein Bein. Das Gehirn in meinem Schädel gehört mir. Es ist mein Gehirn, und es arbeitet, während ich schlafe. Aber mein Ich - nein, das ist auch falsch, denn ‚mein Ich' kann es nicht geben, weil ‚Ich' nicht etwas ist, was mir gehört, sondern ich bin Ich."
Als er mich nun ansah, war die Verwirrung nicht zu übersehen. "Aber ‚mein Ich' und ‚Ich' - das ist doch dasselbe?" "Das kann nicht sein, Papa. Wenn ich sage ‚Mein Ich schläft', ist das etwas anderes, als wenn ich sage ‚Ich schlafe'. Denn das, was da sagt ‚mein Ich' müßte etwas anderes sein als ‚Ich' - aber was sollte es denn dann sein?"
"Rüdiger!"
Sooft er mich bei meinem Namen nannte, sprach er ihn überdeutlich aus, jede Silbe einzeln betonend. Rü-di-ger. Meine Nemesis, die des Nachgeborenen, der nicht als erster das Licht der Welt erblickt hatte und der ihm nicht der Spiegel war, den er sich gewünscht hätte.
"Du verstehst, was ich wissen will?"
Er nickte zögernd. "Aber das gehört nicht in die Biologie, das ist eine Frage für die Philosophie oder die Religion."
"Was ich im Schlaf tue, das gehört in die Religion?"
"Ja, mein Sohn, genauso wie der Tod."

Vielleicht erinnere ich mich deshalb jetzt an seine Worte, jetzt, da seine dürren, knotigen Hände meinen Gürtel zwirbeln und die dicken Quasten befühlen, denn seine Augen sind blind, und an diesem Gürtel kann er mich erkennen. "Nicht wahr, du bleibst da?"
Delia hatte mich ausfindig gemacht, mich angerufen, mit dem schweren Wagen abgeholt und hierher gefahren, Delia im strengen hellbeigen Kostüm, im Fond ihre Tochter, die meine Kleidung witzig findet, altmodische Frauenkleider, kackebraun. "Onkel Rüdiger, hast du darunter eine Unterhose an?" Und Delias schrilles Lachen verbat sich jede Antwort.
Metastasen haben sein Gehirn durchwuchert, sein Augenlicht vernichtet, jedes Wort kostet ihn unendlich viel Kraft und läßt ihn weniger lebendig zurück, doch er ist noch da.
"Wirst du für mich beten?" stammelt er, zahnlos, und die Luft ist angefüllt mit dem Geruch des Todes und seiner Angst.
Ich drücke seine Hände leicht, die sich an dem Gürtel entlanghangeln als wäre dieser eine Seilsicherung in einem Klettersteig. Draußen in den Grünanlagen wachsen Platterbsen, und an den zartvioletten Blüten baumeln Hummeln, nektartrunken und sanft brummend schweben sie in der Abendluft, die wie Spinnweben vor der Sonne hängt.

©2002 Iris Kammerer

[Seitenanfang] - [zurück]

© 1999-2004 Iris Kammerer, Marburg - all rights reserved!
Abdruck - auch in Auszügen - nur mit vorheriger Genehmigung der Verfasserin!
[Impressum]