Literatur als Streichelzoo

Der historische Roman „boomt“. Er „boomt“ so sehr, dass z.B. Rowohlt einen Wettbewerb ausgeschrieben hat auf der Suche nach dem „historischen Roman des Jahres 2009“. Man kann sich fragen, ob das eine besondere Form der Kundenbindung ist – schließlich ist auch die Plattform, auf der die Suche stattfinden soll, ein Projekt, das von iRead media, der Marketing-Agentur der früheren Rowohlt-Mitarbeiter Ulrike Schwermann und Dirk Moldenhauer, unterhalten und von Rowohlt-Autorin Gerlis Zillgens betreut wird, ein solches Instrument der Kundenbindung. Daran ist nichts Unanständiges – ganz im Gegenteil: Projekte, die bei jungen Menschen Kreativität wecken, sind äußerst wichtig!

Kann es denn sein, dass die gewaltige Nachfrage die Verlage zwingt, aktiv Manuskripte zu akquirieren?

Die Frage ist, welcher Art Manuskripte werden gesucht? Der Wettbewerb gibt keine Vorgaben außer der, dass die Handlung des Romans vor 1900 angesiedelt ist. Kleine Hinweise liefert das Musterexposé bzw. dessen einleitender Absatz: „Dieser historische Roman spielt im 12. Jahrhundert in Italien und erzählt die dramatische Geschichte von Konstanze von Hauteville, der Mutter Friedrichs II, nach den historischen Ereignissen (Lediglich einige Details wie eine Liebesgeschichte wurden hinzuerfunden).“

Man braucht nicht viele Branchenkenntnisse, um auf das Vorbild zu diesem Muster zu stoßen, den kürzlich als rororo-Taschenbuch erschienenen Roman Die Erbin des Normannenthrons von Carla Maria Russo. Und das Studium der Leseprobe zeigt noch deutlicher, worauf abgezielt wird: Eine liebe, nette Nonne, die zurückgezogen in einem Kloster lebt, wird ins Besuchszimmer gerufen – nicht als Nonne Maria Veronica, sondern als „Ihre Hoheit, die Prinzessin“; in der nächsten Szene bemüht sich Walter of the Mill, der Kanzler des Normannenkönigs Wilhelm, diesem eine Verbindung zwischen dem Königreich Sizilien und den kaiserlichen Staufern schmackhaft zu machen. In beiden Szenen werden die Figuren so platt und pastos hingemalt, dass der Rest des Romans  dank seiner Treue zu den ehernen Gesetzen des „modernen historischen Romans“ keine Überraschungen mehr bieten kann:

    §1

    1. Die Guten sind gut und sehen gut aus.
    2. Die Bösen sind böse und verschlagen bzw. brutal und sehen hässlich aus.

    §2

    1. Frauen sind Opfer.
    2. Männer sind Täter.

    §3

    Mittelalter ist ein finsteres, schmutziges Setting, in dem Frauen von Männern unterdrückt und gequält und gemeuchelt werden, wenn sie nicht so gewitzt sind wie die Heroinen.

In einer kurzen Diskussion im Autorenforum Montségur zu diesem Thema erläutert Rowohlt-Autorin Petra Schier die Motivation Ihres Verlages: „Grund für die Ausschreibung ist, man höre und staune, das Rowohlt einfach nicht genügend gutes Material im historischen Bereich bekommt, gerne aber mehr historische Romane auf den Markt bringen würde. Die Lizenzen, die aus dem ausland angeboten werden, passen nicht so richtig, vor allem, weil viel in Deutschland schwer verkäufliches dabei ist (Altes Rom, Französische Revolution u.ä.). Und auch von den deutschsprachigen AutorInnen kommt einfach nicht genug.“ (Quelle)

Ein Bummel durch die Buchhandlungen bestätigt dann alle Vermutungen: Die Regale und „Stapeltische“ der Buchhandlungen quellen über von Büchern, von deren bunten Einbänden glutäugige Schönheiten blicken oder gut gefüllte Dekolletés pralles Leben verheißen. Den Klappentexten zufolge werden darin Geschichten von Heroinen erzählt, die in einer grausamen Männerwelt um ihre schiere Existenz und vor allem um die Liebe zu dem einzigen guten Wesen in dieser grausamen Männerwelt bangen und ringen müssen. Ob Underdog, brave Bürgerstöchter oder Prinzessinnen, die Heroinen sind schön (wenn auch nicht immer im herkömmlichen Sinne), anständig, gut, klug und meist auch noch gewitzt. So gewitzt, dass sie die Kopfarbeit im Rettungsplan übernehmen, zu der das einzige gute Wesen in dieser grausamen Männerwelt trotz (oder wegen?) seiner starken Arme nicht fähig ist.

Wichtig ist auch „pralles Leben“, also Sex. Am besten alle paar Seiten. Es muss ja nicht immer die Heroine mit dem einzigen guten Wesen in dieser grausamen Männerwelt tändeln, es dürfen ja auch mal ein paar arme Mägdelein (§2.1: Frauen sind Opfer!) von brutalen Rittern (§2.2: Männer sind Täter!) vergewaltigt werden. Es muss ja nicht jede Grausamkeit en detail geschildert werden, aber erwähnt! Denn als Beweis für die allgegenwärtige Finsternis des Mittelalters (§3) mit seinem ius primae noctis und anderen Gräueln taugt die Erwähnung ihrer Alltäglichkeit in der geschilderten Szenerie allemal.

Wer weiß denn schon, dass dieses krude Mittelalterbild ein Produkt der Polemik der französischen Aufklärung ist, nur ein Zerrbild der damaligen Gegenwart und keineswegs ein Abbild der Realität. Einer Realität die so viel mehr zu bieten hat als ihre billige Parodie, die auch durch ihre permanente Wiederholung nicht richtig wird!

Selbstverständlich soll Lesen auch der Zerstreuung dienen! Selbstverständlich hat vermutlich sogar der anspruchsvollste Leser irgendwann einmal das Bedürfnis nach leichter Kost! Aber warum einem ganzen Genre und allen seinen Autorinnen und Autoren mit den Mitteln vor Werbung und Marketing systematisch der Stempel „Schund“ aufgedrückt wird, ist mir ein Rätsel.

Nein, es ist keineswegs „Feuilletondünkel“, der hier zuschlägt. Der historische Roman war lange Zeit eine Kerndisziplin der Literatur: Lion Feuchtwanger, die Manns, Stefan Zweig, Luise Rinser, Lew Tolstoj, Gustave Flaubert, Franz Werfel und viele andere brillierten darin. Frei von Selbstreferenzialität und Larmoyanz ließ sich in historischen Romanen ein Thema so darstellen, dass ein Leser sich nicht nur an einer belletristischen Handlung delektierte und nebenbei ein bisschen bildete, sondern in der historischen Distanz ein Thema kristallklar herausgearbeitet werden konnte. Die Literaten hielten sich an ein von Aristoteles über Horaz und Lessing bis Schiller in Europa immer wieder formuliertes Postulat, das da lautete, dass Literatur erfreuen, ergötzen, unterhalten muss, wenn sie darüber hinaus irgendetwas beim Leser, Zuhörer oder Zuschauer erreichen will!

Daniel Kehlmann hat es in seinem Roman Die Vermessung der Welt vorgemacht – und wird auch so verstanden. Das gleiche gilt für Ilija Trojanows Der Weltensammler. Umberto Eco, der durch den Erfolg seines ersten Romans Der Name der Rose zum Boom des hiostorischen Genres entscheidend beitrug, gilt als Meister dieser Mischung. So manche Autorin und so mancher Autor eines historischen Romans tut es ebenso; aber es bleibt weitgehend unbemerkt. Vermarktet werden zumeist o.g. Heroinen – sporadisch mischt sich auch mal ein männliches Wesen darunter – als schnell konsumierbares Infotainment, flotte Unterhaltung mit ganz leichtem Bildungsanstrich (man will ja auf keinen Fall elitär sein!), der kaum als Feigenblatt taugt. Ganz egal ob der zwischen bonbonpapierartige Buchdeckel gepresste Inhalt diesen Versprechungen entspricht oder nicht. Eventuelle männliche Leser z.B. werden schon allein mittels Einbandgestaltung und dann noch einmal durch die Betonung evtl. vorhandener Liebesgeschichten und melodramatischer Handlungselemente im Klappentext systematisch abgeschreckt.

Denn es gibt wahrhaftig Juwelen, die oft kaum besser als billige Glasperlen angepriesen werden (wie gesagt: Man will ja auf keinen Fall elitär sein!). Ob wir nun die zauberhaften Adaptionen von Literatur und Mythen einer Viola Alvarez nehmen, den brillanten Künstlerroman Riemenschneider von Tilman Röhrig oder Robert Löhrs furiosen Parforceritt durch die Deutsche Klassik und Romantik, Das Erlkönig-Manöver – um nur drei Beispiele herauszugreifen! Der scheinbare Einheitsbrei, wie er sich auf den ersten Blick darstellt, ist keiner! Und es hat den Anschein, dass viele Leserinnen und sogar (!) Leser anspruchsvollere Unterhaltung mit wirklichem Bildungsanteil durchaus zu schätzen wissen und eben nicht ausschließlich auf „Historicals mit Feigenblatt“ peilen. Die oft enervierende Gleichförmigkeit der Präsentation legt die Vermutung nahe, dass der Geschmack des Lesepublikums weit unterschätzt wird,  als handelte es sich um einen an billiger TV-Unterhaltung orientierten „Massengeschmack“.

Verlage sind selbstverständlich darauf angewiesen, vor allem Bücher zu produzieren, die auch gekauft werden. Sie sind Wirtschaftsunternehmen, keine Wohltätigkeitsvereine (wobei auch diese ihre Aktivitäten finanzieren müssen). Viel Geld muss erwirtschaftet werden, damit ein großer Betrieb läuft, ohne ins Stocken zu geraten. Historische Frauenschicksale scheinen das zu verheißen, weil es einige dieser Romane gab und gibt, die Megaseller wurden. Aber ebenso wie kein anderer Verschwörungsthriller die Veraufszahlen von Dan Browns Illuminati und Sakrileg erreichte, wird vermutlich kein weiteres historisches Frauenschicksal Iny LorentzWanderhure überholen. Trittbrettfahren ist kein Erfolgsrezept, sondern höchstens eines, um sich ganz gut über Wasser zu halten.

Warum im Jahre 5 nach der Wanderhure noch immer mit fieberhafter Ausschließlichkeit nach Iny-Lorentz-EpigonInnen gefahndet wird, ist mir schleierhaft. Die Hatz auf Verschwörungstheorien im Dunstkreis des Christentums hat sich  jedenfalls inzwischen beruhigt.

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