Schöne neue Welt

Gestern lieferte der Börsenblatt-Newsletter eine Meinungsäußerung Ralf Müllers, einer der Geschäftsführers der Verlagsgruppe Droemer Knaur. Unter dem Titel Auf Verlage wartet keiner empfiehlt er, sich mit Google zu verbünden, um auch in der Zukunft bestehen zu können.

Der doch sehr bedächtig arbeitenden Verlagslandschaft stellt er kurz und knapp die rasante Entwicklung der Mediengesellschaft insgesamt gegenüber und beschwört die Bedrohung, von den Entwicklungen einfach überrollt und überholt zu werden.

Einige Sätze aus diesem Kommentar sind in der Tat bemerkenswert, zeigen sie doch deutlich, wohin die Entwicklung laut Ralf Müller bereits gelaufen ist. So schreibt er im Hinblick auf den status quo der Medienindustrie: „Verlage, insbesondere Publikumsverlage müssen erkennen, dass wahrhafte Giganten um sie herum entstanden sind, welche Content nicht als kulturelles Gut, sondern unter rein monetären Aspekten betrachten und verwerten.“ Diese Entwicklung ist für ihn aus betriebswirtschaftlichen Gründen sehr bedeutsam, denn: „Buchverlage leben sehr stark von den Umsätzen, die mit Büchern in den ersten drei Jahren erwirtschaftet werden. Mit Ausnahme klassischer literarischer Werke haben Bücher häufig eine Gesamtlebensdauer von maximal fünf Jahren.“

Als typisches Beispiel für die rasante Entwicklung, die ja von der Nachfrage, also den Bedürfnissen der Verbraucher gesteuert wird, sei das eBook genannt. Seit Jahren wird diese technische Möglichkeit von Experten als Menetekel für das traditionelle Verlags- und Buchhandelswesen in grellen Farben an alle Wände projiziert. Nichtsdestotrotz hüpfen zwar die Verkaufszahlen nach der Einführung neuer Reader immer mal wieder in die Höhe, um sich dann auf einem ökonomisch unbefriedigenden Niveau einzupendeln. Zumal schon vor der Einführung eines jeden neuen Ausgabegerätes die rasante technische Entwicklung mit der bevorstehenden Einführung eines noch revolutionäreren Ausgabegerätes droht.  So überholt die technische Entwicklung sogar die Produktionsmöglichkeiten und damit jede sinnvolle Markteinführung.

Aber das ist ein anderer Kriegsschauplatz.

Ich schreibe Romane, d.h. ich produziere Content, dessen Bedeutung für Kultur und Bildung in Ralf Müllers Kommentar marginalisiert wird. Was aus obigen Äußerungen deutlich wird, ist, dass die Buchpreisbindung sehr bald unweigerlich fallen wird. Denn durch die Loslösung vom Bildungswert und die Reduktion auf monetäre Aspekte ist ihr die argumentative Basis genommen (vgl. die Diskussion in der Schweiz).

Für die content-producer wird das Folgen haben: Neben eingeführten Trademarks, die in rascher Folge user-oriented content produzieren können, der gut vermarktet werden kann und somit auch einen entsprechenden profit-share berechtigt, werden dank der geringen Herstellungskosten für digital producing aus dem gigantischen Pool hoffnungsvoller Nachwuchsautorinnen und -autoren zahllose start-ups auftauchen, die mit der content-production erst einmal in die Vorleistung gehen, um zumindest als content-producer genannt zu werden – zumindest solange das altmodische, marktfeindliche und fortschrittsbehindernde europäische Urheberecht noch gilt. Schließlich müssen die Kosten auf niedrigstmöglichem Niveau gehalten werden; das gilt vor allem bei den besonders schlecht kalkulierbaren Kosten für human ressources. Solche Ressourcen sind deshalb durch verstärktes Outsourcing in die Freiheit der freien Märkte zu entlassen, damit sich das von alleine zum Besten regelt.

Content muss schließlich kostengünstig sein, denn z.B.: „Insbesondere jüngere Konsumenten sind nicht mehr bereit, für Nachschlageinhalte Geld auszugeben. Das Web hat sie dazu erzogen, mit ihren persönlichen Daten, nicht aber mit Geld zu bezahlen.“

Schöne neue Welt.

Dass die Vorstellung, statt mit Geld mit persönlichen Daten zu bezahlen, die letztendlich nur an die Werbeindustrie gehen, und sich monströs großen Konzernen anzudienen, deren Hauptinteresse es ist, „möglichst viele Keywords an die werbetreibende Kundschaft zu verkaufen“ ein Zirkel ist, bei dem Güter und Werte (dereinst die Basis allen marktwirtschaftlichen Handelns) durch einen Spiralfluss digitaler Daten ersetzt werden, scheint niemandem aufzufallen. Ohne realen Gegenwert, den eine Bilanz braucht, entwickelt sich hier eine Blase wie die, die im vergangenen Jahr die ganze Welt an den Rand eines Black Friday brachte.

Gut, dass nicht alle, die was mit Büchern machen, auf diesen schicken Transrapid aufspringen werden, weil nicht jeder Content sich auf monetäre Aspekte reduzieren lässt, weil nicht jeder in der Buch- und Literaturbranche tätige Mensch ein Teil dieser nur mutmaßlich Dukaten scheißenden „user-oriented content production“-Maschine sein will, und weil nicht jeder Mensch sich ausschließlich für Produkte interessiert, deren Inhalte nur das Ergebnis der Tätigkeit von Marketing- und Trandagenturen widerspiegeln.

Menschen sind immer noch Menschen und nicht bloß statistisch erfassbare Verbraucher. Und manche Menschen haben sogar ein Bedürfnis nach Bildung und Kultur, das die „user-oriented content production“-Maschine erfahrungsgemäß nicht ausscheiden kann.

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