Wendepunkt oder Episode?

Die Bedeutung der Varusschlacht im Spiegel der Zeiten

Im Herbst des 761. Jahres nach der legendären Gründung Roms (nach heutiger Zeitrechnung 9 n.Chr.) verlor das römische Reich in einer seiner äußersten Provinzen in mehrtägigen vernichtenden Kämpfen drei Legionen, drei Alen und sechs Kohorten. Nicht die gefürchteten Parther, die sich zwischen Mesopotamien und Zentralasien ausgebreitet hatten, fügten Rom unter Augustus die schwerste Schlappe zu, sondern die als rohe Barbaren unterschätzten Germanen. Das einschneidende Ereignis, das nach dem Befehlshaber der römischen Seite, Publius Quintilius Varus, als clades Variana ((oder bellum Varianum, so auf dem Kenotaph des Centurio M. Caelius, der in der Schlacht fiel )) in die Geschichtsschreibung einging, kostete Rom auf einen Schlag etwa 12 % seiner kompletten Streitmacht.

Die literarische Quellen und schriftliche Zeugnisse zu diesem Ereignis sind zerstreut ((Aufstellungen der Quellen finden sich nicht nur im Wikipedia-Artikel zur Varusschlacht, sondern vor allem in der Internetpräsentation der Uni Osnabrück zum Thema )). Erwähnungen und Schilderungen der mehrere Tage andauernden Kämpfe finden sich in mehreren historischen Texten (Velleius Paterculus, Tacitus, Sueton, Florus), wobei die vermutlich bedeutendsten Quellen – einige der verlorenen Bücher des monumentalen Geschichtswerk des Livius sowie die Bella Germaniae des älteren Plinius – nicht überliefert sind. Außerdem wurden das Ereignis und die daraus folgenden Ereignisse in Strabos Geographia , in den Astronomica des Manilius sowie in der zeitgenössischen Dichtung bei Ovid (Tristiae) erwähnt. Legendär wurde der von Sueton zitierte Ausruf des Augustus: „Vare, Vare, redde legiones!“ ((Sueton, Augustus 23 ))

Das Ereignis, das sehr hohe Verluste an Menschen – Soldaten und Zivilisten, Bürger und Nichtbürger – forderte, zog jahrelange Kriegshandlungen nach sich, um den Gegner militärisch zu bezwingen, die Standarten, die in die Hände des Feindes geraten waren, zurückzuholen und möglichst den Zustand vor der Schlacht wiederherzustellen. Einigen Quellen zufolge (Velleius, Florus) empfanden die Römer diese Niederlage als ebenso große Schmach wie die bei Cannae gegen den Karthager Hannibal. Das Bedürfnis nach umfassender Vergeltung war sicherlich vorhanden und drückt sich auch in dem Triumph aus, den Germanicus im Jahre 17 n.Chr. feierte. Ob alle Kriegsziele erreicht waren, als Germanicus im Herbst 16 n.Chr. nach Rom zurückbeordert wurde, werde ich an dieser Stelle nicht behandeln. Tatsache ist, dass die Folgen der Varusschlacht die Region der gallischen Provinzen über Jahren hinweg in Atem hielten und insbesondere die Feldzüge des Germanicus die militärische Macht Roms dort bündelten.

Als sechzig Jahre später ein weiterer, nach ähnlichem Muster ablaufender Aufstand (eine Mischung von Hilfstruppenmeuterei und Stammesrebellion) die Region erschütterte, wurde dieser von römischer Seite äußerst entschlossen bekämpft und schnell beendet. Fortan zog sich die Grenze des römischen Reiches am Niederrhein und oberen Mittelrhein entlang und schnitt dann (unter Angliederung des fruchtbaren Dekumatlandes) in schräger Linie durch die Gebirge bis zum Donautal. Die Stämme jenseits dieser Grenze gerieten wirtschaftlich und damit auch politisch in Abhängigkeit vom römischen Herrschaftsbreich ((Der römische Einfluss spiegelt sich u.a. darin, dass bei Stammesstreitigkeite und stammesinternen Rivalitäten  gelegentlich die Einsetzung eines Fürsten von römischer Seite erfolgte wie z.B. die  Einsetzung des Arminius-Neffen Italicus als König der Cherusker im Jahre 47 n.Chr. )). Zwar bildeten marodierende Banden und gelegentliche lokale Invasionen bis zum Einsetzen der Völkerwanderung ein großes Problem für die germanischen und gallischen Provinzen dar, andererseits stellten die „Barbaren“ dem römischen Heer über Jahrhunderte zuverlässige Söldner ((Diese Konstellation führte während des Niedergangs der politischen Macht Roms – speziell in der „inneren“ Auseinandersetzung mit Konstantinopel – schließlich zu der Entwicklung, die als Völkerwanderung bezeichnet wird. )).

Im Laufe der Jahrhunderte war die Varusschlacht in Vergessenheit; das Mittelalter kennt keinen Arminius. Erst Ulrich von Hutten, der sich zu Beginn des 16. Jahrhunderts im Widerstand der deutschen Fürsten gegen Kaiser und Papst hervortat und der Reformation zugerechnet wird, entdeckte Arminius neu und feierte ihn neben Alexander d.Gr., Hannibal und Scipio d.Ä. als einen der vier großen Feldherrn der Antike. Sein posthum veröffentlichte Schrift Arminius stieß wohl den Reformator Martin Luther auf den Germanen, der die Römer vertrieben habe. Luther griff das in einer seiner Tischreden auf: „Wenn ich ein poet wer, so wolt ich den celebriren. Ich hab ihn von hertzen lib. Hat Hertzog Herman geheißen, ist her vber den Hartz gewesen.“ ((M. Luther, Tischrede 5982 ))

So vollzog sich die Eindeutschung des (als römisch, also „welsch“, kaiserlich, päpstlich) angesehenen Namens Arminius in Hermann. Fortan wurde die „Hermannsschlacht“ zu einem wichtigen Faktor des Selbstverständnisses der Deutschen während der Entwicklung und Etablierung der modernen Nationalstaaten. Vom Barock bis in den deutschen Nationalismus des 19, Jahrhunderts zieht sich ein Strang von „Hermannsschlachten“ als Drama und Roman, die Liste der Verfasser liest sich wie ein Who is who der deutschen Dichtung zwischen Barock und Vormärz ((u.a. Daniel Casper von Lohenstein, Johannes Elias Schlegel, Christoph Martin Wieland, Friedrich Gottlieb Klopstock, Heinrich von Kleist, Christian Dietrich Grabbe u.v.m. )).

Ursache war, dass Deutschland nach dem Ende des Dreißigjährigen Krieges politisch durch die fortdauernde Kleinstaaterei gelähmt und wirtschaftlich weitgehend ruiniert war; hinzukam die  sprichwörtliche Verheerung weiter Landstriche durch fortdauerndes Proviantieren durch die Heere und marodierende Söldnerbanden. Auch die kulturellen Leistungen wirkten auf die Nachbarn rückständig, so dass die Deutschen in den Augen der von diesem Krieg weniger betroffenen Länder als eine „nation barbare“ galten. Dem stellten die deutschen Vordenker die „Hermannsschlacht“ als exemplarischen Gegenbeweis entgegen: Anders als z.B. der Gallierfürst Vercingetorix und der letzte römische Kaiser Romulus Augustus sei der „erste Deutsche“ Arminius ein siegreicher Feldherr gewesen, der den römischen Eroberern ein für allemal Grenzen gesetzt habe. Die Idealisierung ihres großen Feldherrn feierten sie nicht zuletzt auf der Bühne als Drama und Oper.

Im Laufe der folgenden Jahrhunderte gesellten sich zu der militärisch-politischen Instrumentalisierung der „Hermannsschlacht“ der Gedanke einer nationalen Einheit in Opposition zur feudalistischen Vielstaatigkeit ((In Frankreich z.B. wurde Vercingetorix trotz der Niederlage von Alesia ebenso zum Symbol der Einheit Frankreichs gegen regionalistische Tendenzen z.B. im Süden oder in der Bretagne stilisiert. )) sowie der im Deutschan Idealismus begründete und durch die ersten Jahre der Französischen Revolution befeuerte bürgerliche Freiheitsgedanke. Dieses „typisch deutsche“ Gemisch findet sich vor allem in den Dramen des Vormärz, die in Opposition zu den herrschenden politischen Verhältnissen, speziell zur Politik Metternichs standen.

Im 19. Jahrhundert gipfelte die Instrumentalisierung „deutscher“ Frühgeschichte durch das aufstrebende nationalliberale Bürgertum in einer wahren Germanentümelei. Balladen, heroische Hymnen, ja sogar fetzige Studentenlieder wurden zu Ehren Hermanns gedichtet. Zu nennen ist neben Viktor von Scheffels berühmtem Als die Römer frech geworden insbesondere das Niedersachsenlied Hermann Grotes:

Wo fiel’n die römischen Schergen?
Wo versank die welsche Brut?
In Niedersachsens Bergen,
An Niedersachsens Wut
Wer warf den römischen Adler
Nieder in den Sand?
Wer hielt die Freiheit hoch
Im deutschen Vaterland?
Das war’n die Niedersachsen,
Sturmfest und erdverwachsen […]

Den Kontrapunkt zur nationalistischen Deutung setzte schon sehr früh Heinrich Heine in seinem Versepos Deutschland – ein Wintermärchen:

Das ist der Teutoburger Wald,
Den Tacitus beschrieben,
Das ist der klassische Morast,
Wo Varus steckengeblieben.
Hier schlug ihn der Cheruskerfürst,
Der Hermann, der edle Recke;
Die deutsche Nationalität,
Die siegte in diesem Drecke. ((H. Heine, Deutschland – ein Wintermärchen, Cap. XI ))

Den Gipfel nationalistischer Heldenverehrung bildete das Hermannsdenkmal in Detmold, eine der für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts typischen Monumentalskulpturen und -bauten. In diesen spiegelte sich das Verhältnis der europäischen Großmächte untereinander sehr deutlich – der ästhetische Aspekt war gegenüber der augenfälligen Größe und Anlehnung an das, was man als „klassische Vorbilder“ ansah, nachrangig. Nachdem der Nationalismus im 20. Jahrhundert erschreckende Ausmaße der Zerstörung über die Welt gebracht hat – eine Entwicklung, die offenbar noch immer nicht völlig abgeebbt ist -, kann man solche geradezu für die Ewigkeit gegossenen und gemauerten Monumente nur noch mit einem Augenzwinkern goutieren, zumal sie dem dargestellten Gegenstand in keinster Weise gerecht werden, sondern nur Instrumentalisierung sind.

Zwischen 1850 und dem Ende des Zweiten Weltkriegs überschütteten patriotische Schriftsteller den Buchhandel mit Romanen, die das Heldentum des „ersten Deutschen“ feierten ((Eine konzise Zusammenschau findet sich auf der Website des Berliner Althistorikers Stefan Cramme: Historische Romane über das alte Rom )). Die Benennung schwankt hier zwischen dem inzwischen traditionellen Hermann und der Verwendung der Namensform Armin als Ausdruck der Hinwendung zu den germanischen Altertümern ((Heinrich Himmlers Begründung und Förderung einer „arischen“ Religion zur Bekämpfung des Christentums spiegelt sich in vielen dieser Romane. )). Der Zusammenbruch des Nationalsozialismus beendete diese Welle jedoch schlagartig.

Erst in den 1960er Jahren fand eine erste neue, kritische Auseinandersetzung mit der Schlacht im Teutoburger Wald statt. Althistorikern und Archäologen war das von pathetischem Nationalismus durchtränkte Thema zunächst derart peinlich, dass man es lange Zeit mied bzw. der in dieser Hinsicht unbekümmerteren DDR-Forschung überließ, wo Arminius (hier oft auch als Armin) neu aufgegriffen und zum Verteidiger des freien germanischen Bauernvolkes gegen die römische Sklavenhaltergesellschaft stilisiert wurde.

Die jahrhundertelange Stilisierung der „Hermannsschlacht“ ließ auch Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg – abgesehen von vereinzelten, noch immer dem nationalistischen Bild verhafteten Romanen – nur eine satirische Auseinandersetzung mit dem Thema zu, wie sie sich in dem Filmprojekt Die Hermannsschlacht von Christian Deckert, Hartmut Kiesel, Christoph Köster, Stefan Mischer und Cornelius Völker zeigte. Eine vorherige Verfilmung des Stoffes als deutsch-italienisch-jugoslawische Co-Produktion unter dem Titel Hermann der Cherusker wurde erst 1977, fast zehn Jahre nach seiner Herstellung, uraufgeführt – und floppte!

Es ist dem Würzburger Historiker Dieter Timpe zu verdanken, dass die akademische Beschäftigung mit Arminius wieder aufgenommen wurde. Die Entdeckung und großflächige Auswertung des Fundortes Kalkriese führte zu einer ganzen Welle von wissenschaftlichen Veröffentlichungen. Das Interesse der Öffentlichkeit wurde die die Streitigkeiten in der Frage der Lokalisierung der Varusschlacht geweckt und durch Funde wie die Kolonialsiedlung in Waldgirmes noch forciert.

Seit den 1990er Jahren tauchten auch die ersten Romanveröffentlichung auf, die zwar meist noch immer die Vorstellungen von Arminius als „Befreier“ und von der Varusschlacht als „gemeingermanischem Aufstand“ transportieren, nichtsdestotrotz differenzierter mit dem Thema umgehen als ihre Vorgänger. Die Möglichkeit, dass Arminius nicht schlicht „der Gute“ sei, sondern dass eine militärische Operation wie die Varusschlacht auch etwas über den Menschen aussagt, der sie plant und anordnet, wird durchaus in Betracht gezogen, und andere Akteure wie z.B. Segestes werden nicht mehr freiweg als Feiglinge, Speichellecker und Verräter dargestellt ((So z.B. Robert Gordians Mein Jahr in Germanien (Pendo, Zürich 2004) und Jörg Kastners „Thorag-Saga“, beginnend mit Thorag oder Die Rückkehr des Germanen (Lübbe, Berg.-Gl. 1996) )).

Das im nächsten Jahr anstehende 2000-jährige Jubiläum wartet mit eine vielfältigen Auseinandersetzung auf: Ausstellungen und Veranstaltungen aller Art sind zu erwarten. Zu hoffen ist, dass das Thema nicht nur eifrig „touristifiziert“ (und damit in neuer Weise vom Zeitgeist instrumentalisiert) wird, sondern  dem Dunstkreis nationalistischer und rechtsextremer Kreise entzogen wird.

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