Sterling North: »Rascal«

Um meinen Tagesablauf kümmerte sich niemand. Ich war mit meinen elf Jahren sehr selbständig. Auch wenn ich erst lange nach dem Dunkelwerden heimkam, sah mein Vater nur flüchtig von seinem Buch auf und begrüßte mich geistesabwesend. Er ließ mich mein eigenes Leben führen, ich durfte zahme Stinktiere und Murmeltiere im Hof halten und meine Dohle, meine vielen Katzen und meinen treuen Bernhardiner verwöhnen. Er ließ mich sogar ein sechs Meter langes Kanu im Wohnzimmer bauen.

Als Hund Oscar einen Waschbärenbau aufstöbert, bleibt nach der Flucht der Mutter mit ihren jungen, ein kelines Fellknäuel zurück, dass Oscar Besitzer Sterling mit nach Hause nimmt.

Dort verdient sich der kleine „Panzerknacker“ sehr bald den Namen Rascal („Racker“). Die häuslichen Verhältnisse erlauben es dem Tier, ohne Käfig in der Obhut der Menschen aufzuwachsen, bis seine Eigenarten mit denen der Nachbarn zusammenprallen; denn Rascal „klaut“ sich Leckereien zusammen. Schließlich hilft auch sein niedliches Aussehen nichts mehr, und Besitzer Sterling muss sich mit dem Gedanken vertraut machen, das Tier entweder zu einem Leben im Käfig zu verurteilen oder in die Wildnis zu entlassen.

Sterling North‘ Kindheitsabenteuer sind ein Klassiker der Kinder- und Jugendliteratur – und das zu recht! Unkompliziert und fernab von moderner „correctness“ aller Art schildert er, wie er seinen Zögling ohne Rücksicht auf Studien zu artgerechter Haltung aufzieht und zum Freund gewinnt.

Vater North ist häufig unterwegs, er muss seinem jüngsten Sohn vertrauen und tut das viel zu bedenkenlos. Der Junge, ein Nesthäkchen, das als einziges noch im Haus verblieben ist,  wächst am Rande einer Kleinstadt inmitten halbwilder und zahmer Tiere auf. Die paradiesische Schlampigkeit eines mutterlosen Haushalts wird nur durch die gelegentlichen Attacken ebenso liebenswerter wie putzwütiger großer Schwestern gestört. Doch weil der Zögling Sterling und seinen nachlässigen Herrn Papa nicht ihrer Schrulligkeit überlassen werden können, baut sich am Ende drohend die Gefahr einer Ordnung stiftenden Haushälterin auf.

Frauenfeindlich? Aber sicher! zumindest gegenüber dem Prototypen einer (nicht nur) amerikanischen Hausfrau, die mit Wischmop und Kochlöffel ihre Familie terrorisiert. Denn „reale“ Frauen werden freundlich geschildert.

Aus Gründen des Naturschutzes bedenklich? Aber sicher! In dieser Geschichte wird der Waschbär wie viele andere Tiere hemmungslos zum Kumpel vermenscht – und bleibt dennoch ganz er selbst. Nämlich ein wenn auch possierlicher Fremdling in der Menschenwelt, der am Ende ohne Zögern dem Ruf der Wildnis folgt.

Ein herrlich unkorrektes, fröhliches Buch, schlicht und einfach schön und kurzweilig. Ein Fest der Befreiung der Kindheit aus allzu engen zivilisatorischen Fesseln.

Sterling North: Rascal, der Waschbär. Eine wahre Geschichte. Übersetzt von Irene Muehlon. Fischer TB. 208 Seiten, Broschur, ISBN 978-3-596-80610-2, 6,95 €[De]