Audrey Niffenegger: »The Time-Traveller’s Wife«

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Ich hatte die deutsche Fassung oft, oft, oft in den Fingern gehabt (schließlich hat mein Agent Andreas Brunner das Buch nach Deutschland geholt! ), auch in der Bücherei immer wieder drin gelesen, aber es konnte mich nicht fesseln. Ich fand es stilistisch eher monoton, zudem teilweise wirr, und wenn ein Buch mich schon sprachlich nicht fesseln kann, dann hat es die Geschichte schwer.
Allerdings war mir schon klar, dass an dem Ding etwas dran sein muss, wenn sich mein Agent dafür eingesetzt hat.  Also habe ich mir schließlich und endlich die Originalfassung gekauft, es mitgenommen in den Urlaub – und binnen weniger Stunden zappelte ich am Haken, und das Rätsel, warum mir die deutsche Fassung nicht gefallen konnte, war gelöst.

Audrey Niffenegger benutzt einen sehr klaren, schnörkellosen amerikanischen Stil, keineswegs „mainstreamig“ simpel, sondern immer durchsetzt mit Anspielungen, Bildern, Sprachspielen, fremdsprachlichen Elementen, Einsprengseln und Zitaten aus Dichtung und Musik — es ist schier unmöglich, das „lückenlos“ ins Deutsche zu übertragen. Nicht dass unsere Sprache mangelhaft wäre im Verhältnis zum (amerikanischen) Englisch, beide Sprachen transportieren unterschiedlichen, gesellschaftlich und kulturell bedingte Informationen. Mir ist sicherlich unendlich viel durch die Lappen gegangen angesichts der hohen Dichte von Niffeneggers Sprache und Stil, das fiel mir immer dann auf, wenn mich etwas überraschte. Die zahllosen Bezüge zur europäischen Kultur, Dichtung und Musik (immer wieder Rilke!) waren mir allerdings klar.

The Time Traveller’s Wife ist m.A.n. eine Parabel über das Leib-Seele-Verhältnis, über irdische und himmlische Liebe, über Schicksal und Freiheit. Und als solches wie Antoine Audouard und James Meek für mich eine Entdeckung!

Henry ist eine „chrono-displaced person“; er wurde mit einem genetischen Defekt geboren, der ihn von Zeit zu Zeit (bevorzugt in einem psychisch unausgeglichenen Zustand, Stichwort: Sehnsucht!) an einen anderen Punkt in unserem Zeit-Raum-Kontinuum versetzt. Das sind bevorzugt Punkte, zu denen er eine seelische Bindung hat, Orte des Verlustes, der Angst und der Sehnsucht, zu denen es sein „unruhiges Herz“ immer wieder hinzieht. Transferiert wird nur Henrys Körper, was er am Leibe trägt, bleibt zurück, seien es Kleider, Zahnplomben, Taschen usw. Diese Tatsache bringt enorme Schwierigkeiten mit sich — aber innerhalb der Bildhaftigkeit dieses „genetischen Defekts“ passt es hervorragend, dass er jedesmal nackt und vollkommen mittellos auf sich selbst gestellt ist. Er wird immer wieder zurückversetzt, so dass diese Krankheit Ähnlichkeit mit anderen Anfallsleiden hat. Manchmal „verschwindet“ er nur für Minuten, manchmal Stunden, manchmal für einen längeren Zeitraum; allerdings stimmen der Zeitraum, in dem er aus seine „synchronen“ Leben verschwindet, und die Dauer des „Aufenthaltes“ in anderen Situationen nicht überein. Und er kann sich selbst begegnen.

Als Henry 6 Jahre alt wird, verunglückt seine Mutter mit ihm im Auto — während sie stirbt, rettet ihn sein genetischer Defekt „instinktiv“. Doch das Gefühl der Schuld, das Menschen heimsucht, die überlebt haben, während andere starben, versetzt ihn in den unterschiedlichen Lebensaltern immer wieder an diesen Punkt seines Lebens. Er ist derjenige, der die Polizei ruft, der sich um dies und das kümmert — aber den Unfall kann er nicht verhindern.

Im Alter von 28 Jahren, als leicht abgestürzter Typ begegnet er Clare, die ihn zu kennen und schon lange in ihn verliebt zu sein scheint. Bei einem Essen offenbart ihm Clare, dass sie ihn seit ihrem 6. Lebensjahr kennt, dass sein älteres Ich sie auf seinen „Zeitreisen“ immer wieder besucht hat, weil er später mit ihr verheiratet sein wird.

Henry und Clares Schicksal erfüllt sich, wenn man ihr(e) Leben jeweils als Ganzes betrachtet, es ist „rund“. Es funktioniert deshalb, weil beide so sind, wie sie sind, ihre Begabung entfalten. Es ist bei aller Tragik voller Lebensfreude und Hoffnung.

Bei einem Buch, das mit der Aufhebung von Zeit spielt, muss damit gerechnet werden, dass das gesamte Geschehen unentwegt durch Vorwegnahmen, Rückbezüge, Querverweise usw. mit- und ineinander verflochten wird. Logik ist hier sachlich, nicht zeitlich zu verstehen. Die Autorin schildert nicht einfach Abfolgen von Ereignissen, sondern geht den Dingen auf den Grund. Rückhaltlos offenbaren die beiden (einander weitgehend abwechselnden) Ich-Erzählern Henry und Clare ihre Gedanken und Gefühle in dieser für Nicht-Betroffene absurd erscheinenden Situation. Sobald man die Bereitschaft aufbringt, sich auf eine Geschichte ohne „normale“ zeitliche Abfolge einzulassen, ist nichts daran verwirrend.

Alles in allem ein wunderschönes Buch über die Liebe!

Audrey Niffenegger: The Time Traveller’s Wife. A novel. MacAdam/Cage, 2003.

Die Frau des Zeitreisenden. Roman. Dt. v.  Brigitte Jakobeit. S. Fischer, Frankfurt 2004; TB Fischer, Frankfurt 2006.