Hans Magnus Enzensberger: »Wo warst du, Robert?«

Dieses Schwindelgefühl, diesen kurzen Wirbelsturm im Gehirn, tief hinter den Augen – das kennt er doch, das ist doch für einen wie Robert nichts Neues!

Robert, knapp 15, ist ein ganz normaler Teenager, Kind gutsituierter Eltern, die die übliche Ehekrise durchmachen, ein mittelmäßiger, häufig geistesabwesender Schüler, der seine Freizeit nicht selten vor dem Fernseher verbringt. Oft ohne hinzusehen.

Eines Tages, Robert ist allein zuhaus, tränen ihm die Augen, während nebenher eine Dokumentation mit Schwarzweißbildern über den Bildschirm flimmert. Und einen Augenblick später befindet sich Robert nicht mehr in der elterlichen Küche, sondern in einem eisigen Winter, irgendwo auf dieser Welt. Desorientiert erlebt er mit, wie eine Ansammlung von Menschen auseinandergetrieben wird, versteckt sich, beschafft sich im Versteck eine Decke und tappt durch die Stadt. Die Suche nach Anhaltspunkten führt ihn zu einem Laden. Inzwischen hat er begriffen, dass er sich wohl in Russland befindet. Und bald darauf, nachdem ihn die Apothekerin Olga bei sich aufgenommen hat, stellt er fest, dass er in die Vergangenheit gereist ist.

Hilflos versucht Robert, sich zurechtzufinden, ein paar Brocken Russisch zu lernen, mit den anderen Bewohnern der überfüllten Wohnung seiner neuen Freundin Bekanntschaft zu schließen. Doch unverhofft werden beide verhaftet, verhört, nach Moskau gebracht, Robert der deutschen Botschaft überstellt. Niemand glaubt ihm, man hält ihn für einen Spion, sein Auftritt könnte auch ein schlechter Scherz sein.

Robert gelingt die Flucht, er irrt durch Moskau, versteckt sich in einem Kino; doch als der Film anläuft, beginnen seine Augen zu tränen …

Nacheinander katapultiert dieses „Augenleiden“ Robert immer weiter zurück in der Geschichte, beginnend mit Fenrsehbildern, Kinobildern, einer alten Fotografie, Gemälden, Stichen. Jedesmal landet Robert in einer neuen für ihn unübersichtlichen Situation, seiner Umgebung weitgehend hilflos ausgeliefert; denn natürlich können ihn etliche Reichsmakr z.B. im Norwegen des 19. Jahrhunderts nicht weiterbringen.

Wer in den sieben Reisen eine Abfolge von mehr oder weniger abgeschlossenen Abenteuergeschichten erwartet, wird vielleicht enttäuscht sein. Wo warst du, Robert? ist nicht als Serie von Bewährungsproben gedacht, sondern in sich eine einzige Bewährungsprobe; denn Robert will nichts lieber als zurück nach Hause in die heimische Küche, wo der Kühlschrank leise brummt und Mutter ihren roten Handschuh auf dem Fernseher liegen gelassen hat. Der Junge muss sich durchlavieren, denn er denkt ja auch, dass er den Lauf der Geschichte nicht beeinflussen darf. Er stellt fest, dass Lernen durchaus Sinn macht, dass es einem hilft, sich zurechtzufinden. Ohne den Ritterschlag der üblichen Initiationsmärchen wird Robert allmählich selbständig, erwachsen, erlebt die erste Verliebtheit, wird enttäuscht, mit sonderlichen Hirngespinsten konfrontiert – und er erlernt ein Handwerk. Roberts dritte Bekanntschaft ist ein junger norwegischer Maler des 19. Jahrhunderts, sein letzter Brotherr ein Amsterdamer Maler zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, in dessen Haus er sich endlich den Weg zurück nach Hause bahnt.

Wo warst du, Robert? ist ein Jugendroman, der nicht den Schemata trivialer Abenteuergeschichten folgt, sondern seine Leser sehr ernst nimmt und ein wenig fordert. Eben weil dieser Robert nicht Torschützenkönig oder Bandenführer im üblichen Biotop solcher Helden st, sondern ein ganz normaler Junge in einer völlig absurden Situation. Dabei kommt Enzensberger ohne erhobenen Zeigefinger aus, lässt seinen Antihelden auch mal scheitern oder in die Knie gehen und häufig genug ebenso ratlos sein wie seine Leser. Vor allem, wenn Robert glaubt, in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges seinem besten Freund zu begegnen.

Ein leises „Coming of age“ im Gewand eines Zeitreiseromans, das die Möglichkeiten dieses Motivs psychologisch fein auslotet.

Hans Magnus Enzensberger: Wo warst du, Robert? Roman. Hanser, München 1996.