Richard Dawkins: »The God Delusion«

»Another source of conviction in the existence of God, connected with the reason and not  with the feelings,and impresses me as having much more weight. This follows from the extreme  difficulty or rather impossibility of conceiving this immense and wonderful universe,  including man with his capacity of looking far backwards and far into futurity, as the result  of blind chance or necessity. When thus reflecting I feel compelled to look to a First Cause  having an intelligent mind in some degree analogous to that of man; and I deserve to be called  a Theist.« (Charles Darwin ((aus: The Autobiography of Charles Darwin, 1809 – 1882, with  the original omissions restored. Edited and with appendix and notes by his grand-daughter Nora  Barlow. Collins, London 1958)) )

Richard Dawkins ist einer der prominentesten Zoologen und Evolutionsbiologen unserer Zeit, und  sein größtes Verdienst besteht wohl darin, die Erkentnisse der Forschung in seinen  Fachgebieten und seine eigenen Erkenntnisse auf eine verständliche und erfreulich  unterhaltsame Weise einem breiten Publikum darzulegen. Dawkins‘ Thesen und Theorien sind  nichtsdestotrotz keineswegs unumstritten. Gerade in den Naturwissenschaften ist die Zahl derer, die seine Theorien ablehnen oder ignorieren, weitaus größer als die seiner Anhänger.  Nichtsdestotrotz erregt Dawkins großes Interesse in der medialen Öffentlichkeit – gerade durch  seine polarisierenden Thesen. Sein Förderer, der US-Milliardär Charles Simonyi, nannte ihn  einmal „Darwin’s Rottweiler“ (verglichen mit dem Biologen Thomas Huxley, der als „Darwin’s  Bulldogge“ in die Wissenschaftsgeschichte einging).

Diese Bezeichnung mag für einen Evolutionsbiologen schmeichelhaft klingen, ist allerdings  schlicht deplaziert. Denn ausgerechnet Darwin bemühte sich,  evolutionstheoretische Vorstellungen auf die Naturwissenschaft (d.h.  Biologie und Zoologie  sowie die Humanbiologie als Grundlagenwissenschaft für die Medizin) zu beschränken und nicht  auf Nationalökonomie, Gesellschafts- oder gar Kulturwissenschaften auszudehnen. Die Biologie sollte sich darauf beschränken, die Formen des Lebens  zu beschreiben und zu erklären. Die Gefahren,  die aus der Applikation seiner Theorie auf Wissenschaften mit einer völlig anderen Methodik  entstehen, war ihm offenbar bewusst, obwohl er sich lt. seinem Freund und Kollegen Alfred  Russel Wallace in späteren Jahren einmal pessimistisch über die Zukunft der Menschheit  geäußert haben soll, weil das Überleben des Angepasstesten (fit = passend) in der modernen  Zivilisation nicht mehr gelte ((siehe A. R. Wallace, Human Selction, in: Fortnightly Review 48,  1890 )). Wobei diese Äußerung eigentlich belegt, warum er die Applikation seiner Theorien auf  die modernen Zivilisationen ablehnt: Natur und Kultur/Zivilisation wurden in Darwins Tagen als  zwei konträr zueinander stehende Systeme verstanden ((Auf diesem Gegensatz  basiert auch Marx‘  Entfremdungstheorie)).

Doch genau diese interdisziplinäre Methodikschranke zwischen Natur- und Sozial- bzw.  Kulturwissenschaften hat Richard Dawkins überschritten. Und damit ist er korrekterweise kein  Darwinist mehr, sondern ein „Spencerist“ oder auch ein „Galtonist“. In der Auseinandersetzung um die Frage,  ob die Selektion auf der Ebene der Arten oder auf der Ebene der Individuen anzusetzen ist, stellte Dawkins diesen beiden Thesen eine dritte entgegen, die besagt, dass die Evolution auf der Ebene der Gene , also der DNA, und nur dort ablaufe („The argument of this book is that we, and all other animals, are machines created by our genes.“ ((aus The Selfish Gene. Oxford University Press, Oxford2 1989)) ).

Zunächst fasst Dawkins Gene  nicht länger als reine physiologische Informationsträger in den einzelnen Zellen auf, sondern  er appliziert die Idee des Zusammenspiels von Mutation und Selektion als Überlebenskampf  auf die Gene. Gene sind dabei definiert als replizierbare Einheiten, die aufgrund evolutionärer Prozesse auf der Basis  von zufälliger Mutation und adaptiv bedingter Selektion zusammengekommen sind; dabei können  nicht-konkurrierende Gene als Genkomplexe kooperieren („[…] a gene might be able to assist  replicas of itself that are sitting in other bodies. If so, this would appear as individual  altruism but it would be brought about by gene selfishness.“ ((aus The Selfish  Gene ))).

Dawkins Theorie besagt, dass die Evolution der Arten resp. der Individuen eine Illusion sei und es nur eine  Evolution der Gene gebe, da der selektiv entstehende Genotyp einer jeden Zelle die einzelnen  Zellen und ihre „Verhalten“ zueinander bestimme und damit auch das Lebewesen als Phänotyp  bestimme. Daraus folgt logisch, dass die Gene die eigentlichen „Lebewesen“ seien, und was man so Lebewesen nennt,  seien Überlebensmaschinen, selbstgebaute Behausungen der Genkolonien ((„The argument of this book is that we, and all other animals, are machines created by our genes.“ „We are survival machinesrobot vehicles blindly programmed to preserve the selfish molecules known as genes.“ „They are in you and  me; they created us, body and mind; and their preservation is the ultimate rationale for our  existence. They have come a long way, those replicators. Now they go by the name of genes, and  we are their survival machines.“ – Hervorhebung von d.Verf., alle Zitate aus: The Selfish Gene )).

Nicht nur die Einheit des Lebewesens als Lebewesens bricht damit begrifflich und substanziell  auseinander, der „Körper“ wird zur zufälligen Trägersubstanz eines evolutiven  Prozesses innerhalb jeder einzelnen Zelle, der als „blinde Programmierung zur eigenen Erhaltung“ bezeichnet wird[ ((Vgl. Zitate in der vorigen Anm.; „blind“ ist diese Programmierung, weil sie ja durch zufällige Mutation und Selektion entsteht, also durch „Try and Error“ )). Der Körper ist „Ding“, nutzbares Material.  Nicht der Mensch bzw. das Lebewesen (gleich welcher Art) ist Individuum, sondern das Gen als distinkte, replizierbare Einheit., wenn auch eine ohne Bewusstsein.

Formal und strukturell verharrt Dawkins mit dieser Theorie tief im 18./19. Jahrhundert, wie sie vor allem im  Großbritannien entwickelt wurden. Er folgt den z.B. vom  britischen Nationalökonom Thomas R.  Malthus formulierten Vorstellungen des aufkommenden bürgerlichen Liberalismus, der in einem  umfassenden utiliaristischen Welterklärungsgebäude das „Recht des Stärkeren“ neu zu  formulieren suchte, gegen die schon in ihrer Frühzeit Jonathan Swift Sturm gelaufen ist (( Die Gleichstellung von fit im Sinne von passend mit stark ist ein semantischer Spagat, der tief im chaucvinistischen Denke des 19. Jhs. verwurzelt ist. Fit impliziert nach Darwin keine tatsächliche Überlegenheit, nur einen situativen Vorteil; aber genau die Überlegenheit wurde nachträglich konnotiert und entwickelte sich schließlich zur Kernbedeutung dieses Wortes. )).

Analog zum Gen entwickelte Dawkins im selben Buch die Vorstellung des Mem als eines  kognitiven Konstrukts zur Erklärung der Entwicklung von Gedanken, Ideen und Konzepten  innerhalb der menschlichen Gesellschaft ((Definiert als „a unit of cultural transmission, or a unit of imitation“ in The Selfish Gene )). Ein Mem entwickelt sich laut Dawkins als  distinkte replizierbare kognitive Einheit ebenfalls durch evolutive Prozesse auf  der Basis von zufälliger Mutation und adaptiv bestimmter Selektion, wobei nicht-konkurrierende  Meme als Memkomplexe kooperieren können ((Bei Daniel Dennett ist dann der menschliche Geist der Zufluchtsort der Meme: „The haven all memes depend on reaching is the human mind, but a human mind is itself an artifact created when memes restructure a human brain in order to make it a better habitat for memes.“ aus: D. Dennett, Consciousness Explained. Allen Lane, Penguin, London 1992 )). So sei z.B. Religion ein Memkomplex, wobei bestimmte Entwicklungsformen  der Religion besonders erfolgreich (selektionstheoretisch gesprochen: „besonders fit“)  seien (z.B. der Monotheismus), so dass sie sich stark verbreiteten, während andere (wie z.B. der Schamanismus, was Dawkins als „Regentänze“ heranzieht) sich als ineffektiv  erwiesen hätten und deshalb der Selektion zum Opfer gefallen seien. Entscheidend für die Verbreitung von Memen sei auch, ob dieses Mem in einer Umgebung häufig auftrete, was seine Durchsetzungskraft verstärke.

Auffallend an dieser Theorie ist, dass die Beschaffenheit des Mems als Substrat nirgends  geklärt wird, anders als beim Gen, bei dem es sich um eine bestimmte, distinkte biochemische  Einheit der DNA mit einer bestimmten, begrenzten materiellen Zusammensetzung und einem bestimmten, distinkten und begrenzten Informationsgehalt handelt. Meme hingegen sind nur definiert als bestimmte, distinkte Informationseinheiten von kultureller Vererbung ((„Next question might be, does the information have to be molecular at all? … What if they were computer viruses? They hadn’t been invented when I wrote The Selfish Gene so I went straight for memes, units of cultural inheritance.“ aus: The Selfish Gene turns 30.  Rede in der London School of Economics am 22. 4. 2006 )). Ihnen fehlt das sinnliche Substrat, ohne das empirische Begriffe per deifinitionem gar nicht auskommen.

Die Vertreter der Memetik betonen stets den „invasiven Charakter“ der Meme. Dawkins  spricht von Viruses of the Mind, von denen der menschliche Intellekt infiziert werde, so dass er danach bestimmte Symptome (Handlungen) zeige. Dabei  argumentiert er mit Analogien zwischen biologischen Viren, Computerviren und Memen ((Like computer viruses, successful  mind viruses will tend to be hard for their victims to detect. If you are the victim of one,  the chances are that you won’t know it, and may even vigorously deny it. Accepting that a  virus might be difficult to detect in your own mind, what tell-tale signs might you look out  for? I shall answer by imaging how a medical textbook might describe the typical symptoms  of a sufferer …“ aus: Virusses of the Mind, in: Dennett and His Critics: Demystifying Mind. Blackwell, Oxford 1993, Online-Fassung; in diesem Artikel bezeichnet Dawkins religiöse Menschen als „faith-sufferer“, dt. „Glaubenskranke“ )). Biologisch gesehen sind Viren  infektiöse Partikel, die eigentlich kein Kriterium für „Leben“ erfüllen, aber zu ihrer  Replikation die replikativen Mechanismen der Zelle passiv nutzen; Indem die Zelle den Partikel  assimiliert, macht sie sich auch dessen Replikationsprogramm zu eigen und repliziert das  assimilierte Virus bis zur Selbstzerstörung.

Als das gefährlichste aller Mem-Viren hat Dawkins „die Religion“ ausgemacht: „The meme for  blind faith secures its own perpetuation by the simple unconscious expedient of discouraging  rational inquiry.“ ((aus: The Selfish Gene, a.a.O.)) ). Damit meint er nicht nur bestimmte Religionen  und den Glauben an übernatürliche Wesenheiten, sondern auch den „Glauben an den Glauben“. Dies ist der Denkhorizont des Evolutionsbiologen Richard Dawkins und damit auch die Basis seiner Polemik gegen die Religion bzw. genauer gegen den Theismus.

Ein gläubiger Mensch ist für ihn ein „Glaubenskranker“, jemand, der von einem gefährlichen Mentalvirus , einer (medizinisch gesprochen) bösartigen Form des Mems befallen ist – gefährlich für ihn selbst wie auch für andere. Denn nicht nur dass er an einer Krankheit  leidet, die ihn selbst zerstören kann, er steckt andere damit an („Mission“). Religiöser  Extremismus z.B. in Gestalt von inquisitorischem oder islamistischem Terror deklariert er als normale Symptome der „Infektionskrankheit Religion“. Doch wegen des häufig milden Verlaufs der  Erkrankung in der Ersten Welt (immerhin haben wir schon die „Impfstoffe“ der Aufklärung  erfunden, die aber noch nicht zum vollen und umfassenden Einsatz gekommen sind), ist uns die  Schwere und Gefährlichkeit der Erkrankung nicht klar – und darüber klärt Richard Dawkins uns  in seinem Buch über den „Wahn Gott“ gründlich auf.

Wenn Religion das gefährlichste aller Mem-Viren ist, dann sind letztendlich nahezu alle Übel  dieser Welt auf Religion und Theismus zurückzuführen. Selbst wenn ungeheuerliche Taten von  erklärten Atheisten und Religionsbekämpfern verübt oder angeordnet wurden, dann waren diese Täter in Wahrheit keine Atheisten, sondern selbst  Opfer eines vom Wahn „Gott“ erzeugten quasi sekundären Wahns, der sie zu ihren Taten verleitete ((Aufschlussreich in diesem Zusammenhang die Lektüre von Susan Blackmores Sachbuch The Meme-Machine (mit einem Vorwort von R. Dawkins (sic!), Oxford University Press, Oxford 2000) )). Und damit ist inhaltlich (!) leider schon alles gesagt, denn die Argumente hat Dawkins bereits in früheren Veröffentlichungen dargelegt, in The God Delusion werden diese nur kapitelweise aufgezählt und mit zahllosen „Nachweisen“ mal empirisch, mal phänomenologisch unterfüttert ((Der fliegende Wechsel zwischen beiden Theoremen ist wohl der Tatsache geschuldet, dass Meme zwar als Informnationseinheiten definiert sind, die empirisch erkennbare Wirkungen haben, aber selbst kein Substrat haben. Sie lassen sich nur indirekt aufzeigen, nicht selbst experimentell nachweisen. )).

Die ständige Wiederholung der bestenfalls leicht variierten, aber grundsätzlich immer gleichlautenden  Thesen und das Heranschleppen immer neuer, oft ans Absurde  grenzender Erklärungen erscheint denjenigen, die Dawkins Ansichten ohnehin teilen, sicherlich  ein- und erleuchtend. Im Grunde ist der Aufenthalt im Hammerwerk dieser Bracchialargumente  betäubend und hypnotisch, wenn man den Klang dieser Hämmer als misstönend empfindet, können  sie durchaus enervierend wirken ((Was einige Vertreter des atheistischen Humanismus gern als „vermeintliche Beleidigung religiöser Gefühle“ bezeichnen, gemeint ist etwas Krankhaftes, demgegenüber sich die Aufgeklärten (im Engl. bedeutet „enlightenment“ sowohl „Aufklärung“ als auch „Erleuchtung“) überlegen fühlen – eine geradezu gnostische Sicht der Dinge. )). Wer gelassen bleibt, ermüdet  angesichts der Monotonie,  und es fällt immer schwerer, nicht diagonal zu lesen oder einfach zu blättern, bis ein neues  Übel angesprochen wird und ein neues Eisenstück unter denselben Hämmern durchläuft.

Denn Dawkins setzt sich mit nichts, aber auch gar nichts inhaltlich auseinander. Alles wird  ausschließlich am Prokrustesbett von genetics and memetics gemessen. Nirgends blitzen mal  intellektuelle Klasse oder gar Bildung auf – im Gegenteil: Dawkins bringt es fertig, die  hochdifferenzierten Systeme der Religionen zu einer Art Labskaus zusammenzukochen, aus dem er  Restfragmente unter sein Mikroskop legt und ausschließlich nach den Kriterien seiner Mentalvirentheorie, und eines Universaldarwinismus ((Befasst man sich näher mit diesem Begriff, fällt auf, dass er sich nahezu vollsständig mt dem durch die totalitären Systeme des 20. Jahrhunderts begrifflich verfemten Gebiet des Sozialdarwinismus (Thomas A. Malthus, Jean-Baptiste de Lamarck, Herbert Spencer) deckt, der die Evolutionstheorie (d.h. Entstehung und Entwicklung durch zufällige Mutation und adaptiv bestimmte Selektion ) auf Phänomene menschlicher Gemeinschaften überträgt – was Darwin selbst, wie oben bereits erwähnt, mit gutem Grund abgelehnt hat. Der Transfer wissenschaftlicher Theorien und Methodiken von einer Disziplin auf eine andere ist ohne begleitende Theorie- und Methodenreflexion (Falsifikation) wissenschaftlich unzulässig; diese Reflexion ist seitens der „Universaldarwinisten“ bisher jedoch vollständig. unterblieben )), aber inhaltlich wahllos beurteilt und zuordnet: Evangelikale  Dogmen werden Katholiken unterstellt, der Islam auf Unterwerfung und Märtyrerparadies  reduziert, und aus lauter Freude am Kampf gegen die besonders in den USA grassierende „political correctness“ springt Dawkins  mit  Karacho in den Fettnapf des Antijudaismus, wenn er behauptet, dass die Verkündung der Zehn  Gebote eine „mem-viral“-bedingte Halluzination des Moses am Sinai (also ein Symptom des  Krankheitsbildes Religion) gewesen sei, die ihn verleitet habe, ein Regelwerk mit  Anweisungen zum Völkermord, zur Versklavung anderer und zur Weltherrschaft“ zu  schaffen. Wörtlich schreibt er über den Gott des Alten Testamentes, d.h. den Gott des  mosaischen Glaubens, er sei „arguably the most unpleasant character in all fiction: jealous  and proud of it; a petty, unjust, unforgiving control-freak; a vindictive, bloodthirsty ethnic  cleanser; a misogynistic, homophobic, racist, infanticidal, genocidal, filicidal,  pestilential, megalomaniacal, sadomasochistic, capriciously malevolent bully“ ((The God Delusion, Bantam Books, Boston/MA 2006. Damit deckt er nahezu jede Minderheit ab, die sich diskriminiert fühlen könnte, was bei einen Streiter wider die „political correctness“ eine geradezu kabarettistische Leistung ist. Dass hier  jemand aus reiner Lust an der Provokation gehörig über die Stränge schlägt, dürfte wohl außer  Frage stehen. )).

Womit wir beim Positiven wären, was es über dieses Buch zu sagen gibt: Es ist lustig! Es ist zwar zutiefst humorlos, weil seine Witze reine  Insiderwitze sind, über die eigentlich nur Gleichgesinnte lachen können (ein klassisches  semantisches Kriterium für Hohn), aber zugleich ein unterhaltsames Paradebeispiel für Polemik  und Rabulistik als Selbstzweck: der Mordspaß eines eiteln Menschen, der sich der Bewunderung  seiner Anhänger und der wütenden Aufmerksamkeit seiner Gegner versichert und sich darin sonnt.  Eines hochintelligenten Mannes, der in den tiefsten Stollen der Demagogie unbekümmert und dennoch  gezielt mit eben jenem Sprengstoff spielt, den er seinen armen kranken (!) Feinden  unterstellt, belesen, aber ungebildet.

Um noch einmal darauf zurückzukommen: In letzter Konsequenz besagt Dawkins Weltanschauung, dass alle Lebewesen Überlebensmaschinen für den evolutiven Kampf der parasitären Gene sind und – zumindest die Menschen – zugleich infiziert von viralen  Memen. Der Mensch ist somit durchgängig unfrei. der freie Wille pure Illusion. ((Ähnlich auch, obwohl mit etwas anderer theoretischer Grundlage, Wolf Singer: „Wir betrachten uns ja zum Beispiel als frei in unseren Handlungen, obwohl diese Willensfreiheit neurobiologisch betrachtet gar nicht existiert.“ in: »Ein Frontalangriff auf unser Selbstverständnis und unsere Menschenwürde«, in: Gehirn und Geist 4, 2002. Wiederholt auch vertreten in seinen Veröffentlichungen wie z.B. Ein neues Menschenbild? Gespräche über Hirnforschung. Suhrkamp, Frankfurt 2003. Singer räumt ein, dass diese Erkenntnis brandgefährlich sei: „Ich denke, der beschriebene Konflikt lässt sich beherrschen, wenn wir mit dem Wissen verantwortlich umgehen. Deshalb ist es so wichtig, die Öffentlichkeit aufzuklären.“ Wir haben es also wieder einmal mit einer gnostischen Denkungsart zu tun, in der die „Wissenden“ bzw. „Aufgeklärten“ oder „Erleuchteten“ den „Unwissenden“ überlegen sind und diese zum „Wissen“, zur „Aufklärung“ bzw. „Erleuchtung“ führen müssen. Eine kritische Reflexion der Grundlagen der eigenen Position (Stichwort: Falsifikation) ist dabei nicht vorgesehen. Nebenbei bemerkt: Auch Dawkins benutzt mit großer Vorliebe Worte wie „true“ oder „truth“ zur Erhärtung seiner Thesen („the true utility function of life“, „It is the same appetite which drives the best of true science, and it is an appetite which true science is best qualified to satisfy“, „well that is an exceedingly important and true thing to say“ … , „What is interesting about the scientific world view is that it is true …“, „those who would obscure the truth, „Scientific truth is too beautiful …“, „the truth of Darwinism“ etc) )). Denn Gene und Meme steuern quasi kontrapunktisch alles Denken, Fühlen und Handeln, das  Individuum ist rein passiv, seinen Genen vollständig untergeordnet, da sie es ebenso  vollständig konstituieren. Nur gegen die Meme, da sie als Viren eigentlich Fremdkörper sind,  kann man sich wehren. Aber warum eigentlich, wenn man ohnehin nur eine Überlebensmaschine der Gene ist?

1995 schrieb Dawkins in River Out of Eden: „There is no spirit-driven life force, no  throbbing, heaving, pullulating, protoplasmic, mystic jelly. Life is just bytes and bytes and  bytes of digital information.“ Mit diesem Satz macht er im Grunde den Sprung vom strengen  Materialismus zur Metaphysik, einer Metaphysik der Bits und Bytes, der Kombination aus  letztendlich zweiwertigen Logik, einem Aristotelismus, der nicht mehr nur nominalistisch ist („The river of my title  (= River Out of Eden) is a river of DNA, and it flows through time, not space. It is a  river of information, not a river of bones and tissues.“). Zugleich ist seine Lösung der  letzten Frage nach der Entstehung der Arten zutiefst mystisch, wenn er behauptet, dass alle Lebewesen von einem einzigen ersten Lebewesen abstammten ((„… in  fact literally identical in all animals, plants and bacteria … All earthly living things  are certainly descended from a single ancestor„. Er postuliert also die Existenz einer einzigen, allerersten Überlebensmaschine, die notwendigerweise von DNA geschaffen wurde. In Thesen wie diesen verbergen sich klassische „Henne-Ei-Probleme“, denn ohne Überlebensmaschine ist die DNA nicht überlebensfähig, ohne DNA gibt es allerdings keine Überlebensmaschine. Die Frage, was zuerst da war, DNA oder Überlebensmaschine, bleibt ungeklärt. Nichtsdestotrotz bedient sich Dawkins hier freiweg des Begriffs der Geschöpflichkeit des Lebewesens, der wiederum der Theologie der monotheistischen Religionen entstammt. )).

An solchen Stellen wird Dawkins Sprache geradezu hymnisch, da spürt man durch, wie sehr ihn sein eigenes Fachgebiet begeistert, wie  sehr er an das System der Biologie (und nur an das der Biologie!) glaubt. Denn Dawkins sieht die Evolution letztendlich an der Schwelle zu einerm revolutionäten Sprung: „We humans are an  extremely important manifestation of the replication bomb, because it is through us – through  our brains, our symbolic culture and our technology – that the explosion may proceed to the  next stage and reverberate through deep space.“ ((aus: River Out of Eden )). Seine (!)  Erkenntnis, dass die wahre (true!) Funktion von Leben nur das Überleben der DNA sei,  die jedoch in den von ihr gebauten Überlebensmaschinen eingesperrt sei, führt ihn dazu,  anzunehmen, dass die wahre Befreiung darin liegt, die absolute Herrschaft der Gene dahingehend  zu brechen, indem man sie, die Replikatoren und Manipulatoren, repliziert und manipuliert –  durch Gentechnik.

Das Geschöpf wird zum Schöpfer. Die bewusst- und willenlose Überlebensmaschine macht sich quasi zu „Gott“.

Damit ist der Kreis zu Malthus, Spencer und Galton wieder geschlossen, denn dies ist der  Ausgangsgedanke der Eugenik. Wenn Dawkins dann zugleich die Möglichkeit einer Goldenen Zukunft  mit unvorstellbarem technischem Fortschritt und Kolonien weit draußen im Weltraum beschwört,  kommt einem unweigerlich Jules Vernes technokratischer Zukunftsoptimismus in den Sinn.

O  wonder!
How many goodly creatures are there here!
How beauteous mankind is!
O brave new  world
That hath such people in’t!
((Shakespeare, The Tempest, Akt 5, 1 Szene))

Der Ausruf des „Naturkindes“ Miranda angesichts  menschlichen Edelmutes in Shakespeares Drama The Tempest wurde zum Motto für den Roman  Brave New World von Aldous Huxley, Enkel des bereits genannten Thomas Huxley, der  (wie bereits erwähnt) „Darwin’s Bulldogge“ genannt wurde. Der Inhalt des Romans ist wohl den meisten bekannt: Er beschreibt eine „perfekte Gesellschaft“, eine, in der Stabilität, Frieden und Freiheit gewährleistet werden durch die durgängige genetische und pädagogische Konditionierung des Einzelnen; tiefere Gefühle ebenso wie Religion, als Ursache aller Übel erkannt, werden dadurch vollständig ausgeschaltet. Jeder hat seinen Platz in dieser Welt, für den ergeschaffen wurde, und wird durch die ständige Beschäftigung mit Sex, Konsum und einer physiologisch harmlosen Droge namens Soma ruhiggestellt, und eine Handvoll „Wohlwollender“ schaltet und waltet ungestört. Erst ein Außenstehender, ein „Findling“ stellt diese Weltordnung in Frage.

Religionen, die die Unversehrtheit des Leibes und die Einheit von Leib und (Geist)Seele  postulieren, sind Betrebungen, den menschlichen Körper zu dieser letzten großen Revolution,  der „Manipulation der Manipulatoren“, die ein solches Paradies wohl schaffen soll, zu instrumentalisieren, sicherlich hinderlich. Diese Feststellung ist offenbar die Kernmotivation zu  Dawkins‘ Polemik. Denn Dawkins hat die erklärte Absicht, mittels eines weltweiten „Coming-out“ aller Atheisten eine Art  globale Impfung durchzuführen, um die Welt von der Infektionskrankheit Religion zu befreien.  Eine Diskussionsrunde mit Christopher Hitchens, Sam Harris und Daniel Dennett zu diesem Zweck  veröffentlichte er als Film unter dem Titel Discussions with Richard Dawkins, Episode One:  The Four Horsemen ((The Four Horsemen ist die landläufige englischsprachige Bezeichnung der vier  Apokalyptischen Reiter )). Ein Messias also, ein Erlöser. Genau das, worauf die Welt gewartet  hat.

Geschenkt.