‚Was Richtiges

»Ich habe das Historische nie als eine Flucht aus der eigenen Zeit empfunden, sondern als einen Abstand, von dem aus man die eigene Zeit schärfer erkennt.« (Gertrud von le Fort, 1876 – 1971)

Es war einmal eine frischgebackene Autorin, die ihr erstes Werk stolz jedem unter die Nase hielt, ob dieser wollte oder nicht. Doch wenn sie dann zu erzählen begann, worum es ging, geschah es oft, dass sie unterbrochen ward mit den leicht gedehnt artikulierten Worten: „Ach so, ein historischer Roman.“ Schnell begriff sie, dass viele Leute Romane, die in irgendeiner fernen Vergangenheit spielen und zudem von Frauen verfasst wurden, automatisch für triefend sentimentalen und trivialen Schund halten.

„So ‚was lese ich nicht.“

„Das hat doch mit uns heute nichts mehr zu tun.“

„Geschichte fand ich schon in der Schule ätzend!“

„Wenn du mal ‚was Richtiges schreibst, dann lese ich das auch.“

„‚Was Richtiges“. Ich habe mich eine Weile gefragt, was es denn nun ist, was einen zeitgenössischen Roman im Gegensatz zu einem historischen Roman zu „‚was Richtigem“ macht Der Kriminalroman hat spätestens seit Henning Mankells Wallander und anderen vom Leben gebeutelten skandinavischen Ordnungshütern die Beachtung des Feuilleton gefunden, der historische Roman hingegen hat sie – von Ausnahmen abgesehen – längst verloren. Der Niedergang begann nach dem Zweiten Weltkrieg, nach einer Zeit, in der geschichtliche Sujets wichtige Bestandteile der Exilliteratur waren (Lion Feuchtwanger, Klaus Mann). Zeitgleich mit dem Aufstieg der utopischen und dystopischen Literatur aus den Niederungen der Trivialität vollzog sich der „Abstieg“ des historischen Genres, das vom ideologischen Missbrauch der Nazis kontaminiert worden war: Geschichtliche Themen waren – zumindest im „freien Westen“ – meist (!) in bildungsbürgerliche Belehrungstexte („Professorenroman“), in heroische Abenteuergeschichten oder in  sentimentale „Hausfrauenprosa“ („Historicals“) eingebettet, wobei die beiden letzten der Trivialliteratur zugerechnet wurden und werden.

Vereinzelt entdeckten „Außenseiter“ das Genre für sich. Der hochgebildete Professor für Semiotik Umberto Eco wollte einen Mönch ermorden und komponierte einen Schlüsselroman über die Wende zwischen Mittelalter und Neuzeit, der unerwartet zum Weltbestseller avancierte und seine Position als einer der führenden Intellektuellen Italiens festigte. Der Brite Ken Follett, weitaus bekannter für seine süffigen Thriller, landete mit der epischen Erzählung vom Bau einer fiktiven Kathedrale einen weiteren Welterfolg. Donna Cross, Dozentin an einem kleinen College im Staate New York, traf den Nerv ganzer Generationen von Frauen, als sie auf der Basis einer Vielzahl von Pamphleten und Kolportagen die Geschichte eines frühmittelalterlichen Mädchens  entwickelte, das die Wissbegier nötigte, sich als ihr eigener Bruder auszugeben, und in dieser Verkleidung unerkannt auf den Petrusstuhl gehievt wurde. Schließlich entdeckte Robert Harris, bekannt als Verfasser politischer Schlüsselromane mit zeitgeschichtlicher und alternativhistorischer Ausprägung (Enigma, Fatherland, Archangel), die römische Geschichte als Paradigma für die Hybris der menschlichen Zivilisation; der Weltmacht USA, die sich in ihren politischen Traditionen gerne auf die römische Republik bezieht, stellt er die Fratze eines von inneren Unruhen zerrissenen, arroganten Vorbildes vor Augen.

Das sind nur einige wenige Erfolgsgeschichten, die die Bandbreite aufzeigen. Wie in jedem anderen Genre. Denn „Genre“ bezeichnet eine Gliederung von Texten nach inhaltlich-sachlichen Kriterien: Ein Text, der in einer ferneren Vergangenheit (vor mind. ca. 50 Jahren) liegende Ereignisse beschreibt oder sich auf vergangene Verhältnisse bezieht, wird ins historische Genre eingeordnet, ganz gleich, ob die geschilderten Ereignisse und Sachverhalte realistisch sind oder nicht. Diese Einteilung ist auch völlig unabhängig von literaturästhetischen Kriterien.

„Sagt, ist noch ein Land außer Deutschland, wo man die Nase eher rümpfen lernt als putzen?“, schrieb Georg Christoph Lichtenberg 1776 in eines seiner „Sudelbücher“ (E 316), und trifft damit den Kern: Hierzulande gehört Geringschätzung in jeder Gesellschaftsschicht zum „guten Ton“. Der Gebildete erhebt sich über die „leichte Muse“ Unterhaltung und ignoriert dabei, dass sogar das, was ihn interessiert, ihn zuvörderst unterhalten, erfreuen, ergötzen muss, wenn der Verfasser irgendetwas in ihm berühren oder gar bewegen will. Es mag sein, dass dieses Ergötzen anderer Natur ist als das der einfacher gestrickten Unterhaltung, aber es ist und bleibt Unterhaltung! Ebenso erhebt sich so mancher Liebhaber einfach gestrickter Unterhaltung über die Freunde der Hochliteratur, indem er alles, was ihm nicht sofort und direkt zugänglich ist, als Geschwurbel abtut und die Freunde desselben als eingebildete Spinner.

Und haftet erst einmal einem ganzen Genre der Ruch des Trivialen an, dann wird es für Autorinnen und Autoren hakelig. Denn „‚was Richtiges“ kann es ja nicht sein, was sie oder er da geschrieben hat – es sei denn man gehört zu den Fans des Genres wie weiland Mimi, die ohne Krimi nicht ins Bett ging.

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