Toni Morrison: »Paradies«

Der Wind frischte auf, aber nur so wenig, daß es niemanden störte. Misner verlor ihre Aufmerksamkeit. Sie standen vor dem offenen Grab und waren verschlossen für alles außer ihren eigenen Gedanken.

1993 erhielt Toni Morrison den Literaturnobelpreis als eine Schriftstellerin, „die in ihren Romanen, ausgezeichnet durch visionäre Kraft und poetisches Gewicht, einen bedeutenden Aspekt der amerikanischen Wirklichkeit zum Leben erweckt“. Ausschlaggebend dafür, dass ihr als erster afrikanischstämmiger Frau dieser Preis zuerkannt wurde, war ihr Roman Beloved, ein bewegendes und bildgewaltiges Zeugnis der Verschmelzung zweier Traditionen: europäisch geprägter Literatur und afrikanischer Erzählkunst.

Erst 1999 erschien ein neuer Roman, der schon mit den sechs Worten des ersten Satzes (Das weiße Mädchen erschießen sie zuerst.) eine Atmosphäre frostiger Gewalttätigkeit erschafft. Morrison hatte den Roman mit War (Krieg) betitelt, doch ihr Verleger bestand darauf, das letzte, abschließende Wort des Romans, Paradies, zum Titel zu machen.

Neun Männer, Angehörige einer rein schwarzen Siedlung namens Ruby in Oklahoma, bewaffnet mit Gewehren, Seilen und Handschellen, sind ausgezogen, um eine bunt gewürfelte Gruppe von Frauen zu vertreiben, die sich im Laufe der Zeit in einem aufgegebenen Konvent eingefunden haben. Die Männer halten diese Gruppe für die Ursache für den allmählichen Zerfall ihrer Gemeinschaft, die ihre Vorväter einst voller Hoffnung fernab von Weißen und anderen Farbigen gegründet hatten als einen Ort, der all das Leid, das sie auf ihrem Treck ertragen mussten, wert ist.

Aber das war vor langer Zeit. Die Vorväter hatten den Süden verlassen müssen und waren von den Bewohnern einer rein schwarzen Siedlung, wo sie Zuflucht gesucht hatten, wegen ihrer auffallend dunklen Hautfarbe weitergeschickt worden. Nach dieser Zurückweisung durch die eigenen Brüder fällt der Entschluss, eine eigene Heimat aufzubauen, ein Dorf namens Haven (Zuflucht). Doch auch Haven mussten sie schließlich verlassen, zogen sich Anfang der 1950er Jahre noch tiefer in das dünn besiedelte Oklahoma zurück. Abseits einer Staatsstraße, 90 Meilen vom nächsten besiedelten Flecken entfernt, ließen sie sich nieder. Als eine der Frauen der Siedlung stirbt, nachdem ihr in der nächsten Klinik wegen ihrer Hautfarbe Hilfe verweigert worden war, benennen sie das Dorf nach ihr, Ruby, und begraben sie im Garten ihres Hauses.

Sie errichten ein wohlgeordnetes Gemeinwesen, in dem die Patriarchen die Familien beherrschen und den Alltag ohne Fernsehen, ohne Drogen, ohne die Verlockungen der verrotteten Welt ringsum. Indem sie, wie schon zuvor in Haven, einander unterstützen und ihre eigene Bank betreiben, gelingt es ihnen die wirtschaftlichen Schwierigkeiten auszublenden. Der Segen hält an: Man bleibt zwar unter sich, aber die Familien heiraten untereinander, Kinder werden geboren, und niemand stirbt in Ruby.

Doch wer die Bank betreibt, der erwirbt auf Dauer den gesamten Grund im Dorf und hält letztendlich die Macht in den Händen.

Als die Tochter der Namensgeberin der Siedlung erwachsen wird, dringt mit dem Vietnamkrieg und den EInberufungen aller Abschottung zum Trotz die Außenwelt allmählich ein. Mit dem Nachlassen der Rassentrennung bringen die Frauen ihre Kinder lieber in der Klinik in der nächsten Stadt zur Welt. Die Jugendlichen lehnen sich gegen die ungeschriebenen Gesetze auf. Die engen Bande zwischen den Bewohnern des Dorfkerns und den Farmern draußen lösen sich auf. Die Frauen des Dorfes nehmen zunächst heimlich Kontakt zu den Frauen im alten Konvent auf.

Dort sind über Jahre hinweg wie zufällig Frauen gestrandet, denen das Leben in der Welt „draußen“ Wunden geschlagen hat. Da ist Consolata, genannt Connie, die von Muttar Mary Magna, der früheren Leiterin des Konvents, aus Lateinamerika in die Staaten gebracht worden war; die kein anderes Leben kannte als das Kloster, bis sie sich in einen der beiden Besitzer der Bank verliebte. Da ist Mavis, die beim Einkaufen ihre Zwillingsbabys im Auto vergaß, so dass die Kinder in der Hitze starben; die glaubt, ihre Familie habe sich verschworen, sie zu töten, und eines Tages davonläuft. Da ist Grace, genannt Gigi, die trotzig ihren Weg geht auf der Suche nach Liebe und Gemeinschaft. Da ist Seneca, die sanfte, die ihre seelischen Wunden in feinen Schnitten als Landkarte auf ihrer Haut sichtbar macht. Da ist Pallas, die im Wohlstand aufwuchs, mit ihrem Geliebten türmte, um von ihm und ihrer Mutter betrogen zu werden.

Sensibel spürt Toni Morrison all diesen Lebenslinien nach, auch denen der Bewohner von Ruby, ihren Sehnsüchten, Hoffnungen, Ängsten und Verwundungen, und findet die Ursache für die Eskalation einerseits in der Ausgrenzung des „Anderen“ und einem falschen Verständnis von Tradition, das die Asche bewacht, anstatt die Flamme weiterzugeben.