Heiko Ernst: »Wie uns der Teufel reitet«

»Nun, auch in der aufgeklärten Moderne, die ohne höllische Perspektive sündigt, gilt überraschend: Peccatum poena peccati ((Die Sünde ist die Strafe der Sünde. Augustinus)). Die Hölle machen wir uns selbst. Habgier, Zorn, Neid und die anderen Sünden vergiften auch heute nicht nur unsere Beziehungen zu den Mitmenschen, sie sind nicht nur die Ursache von Ausbeutung, Betrug, Gewalt, Naturzerstörung und vielen anderen ‚Krankheiten‘ der Gesellschaft – sie machen uns als Einzelne seelisch und körperlich krank.«

Heiko Ernst (*1949), seit 1974 Chefredakteur des populären Magazins psychologie heute, steht beileibe nicht im Verdacht, irgendeiner institutionalisierten Religion das Wort zu reden; er ist bekannt als Vertreter von Skepsis und Agnostizismus. Auch das Buch Wie uns der Teufel reitet beginnt mit dem lapidaren Satz: »Um es vorwegzunehmen: Ich glaube an keinen Gott, weder an einen gütigen noch an einen gleichgültigen.«

Ausgehend von Ethiken der Antike und des Mittelalters, vor allem von denen des Aristoteles, der Stoà, den verschiedenen Ordensregeln und Sündenspiegeln und dem Schriften von Augustinus und Thomas von Aquin entwirft Heiko Ernst einen anderen Sündenbegriff, als den trivial-spießigen oder den ironischen, die heute vorwiegend gepflegt werden. Den Katalog der Hauptlaster erkennt er als ein in jahrhundertelangem Diskurs, in gelehrter Auseinandersetzung und (Selbst-)Erfahrung entwickeltes System, das keineswegs als obsolet anzusehen ist: »Auch für Nicht-Gläubige bietet die Beschäftigung mit den Großen Sieben tiefe Einsichten in die eigene Psyche. Sie sind eine erhellende, manchmal ernüchternde und verstörende Möglichkeit der Selbsterkenntnis.«

Vorab zeigt Heiko Ernst sehr eindringlich, dass die Großen Sieben zu akzeptierten, ja zu erwünschten Triebfedern des Handelns geworden sind; dass sie in dem Ruf stehen, die Motivation für unser Denken, Fühlen und Handeln in einer vom Ökonomismus beherrschten Gesellschaft zu liefern. Mit dem eklatanten Nachteil, dass das Handeln nach diesen Prinzipien keine nachhaltige Zufriedenheit bringt: »Nun, auch in der aufgeklärten Moderne, die ohne höllische Perspektive sündigt, gilt überraschend: Peccatum poena peccati. Die Hölle machen wir uns selbst. Habgier, Neid, Zorn und die anderen Sünden vergiften auch heute nicht nur unsere Beziehungen zu den Mitmenschen, sie sind nicht nur die Ursachen von Ausbeutung, Betrug, Gewalt, Naturzerstörung und vielen anderen „Krankheiten der Gesellschaft“ – sie machen uns als Einzelne seelisch und körperlich krank.«

Jeder der Großen Sieben (Hochmut, Neid, Habgier, Zorn, Trägheit, Völlerei und Wollust) widmet Heiko Ernst ein Kapitel, worin er zunächst die klassischen antiken und mittelalterlichen Traditionen und tw. auch die neuzeitliche Philosophie zu Wort kommen lässt, bevor er die gewonnen Erkenntnisse auf die Nöte unserer zeit anwendet. Das gelingt ihm ohne Larmoyanz und ohne Moralkeule, einfach indem er verdeutlicht, welche Folgen falsche Haltungen (und als solche wurden die „Todsünden“ in alter Zeit ja auch verstanden) rein psychologisch, aber auch im Miteinander der Gesellschaft zeitigen.

Die brillante Analyse bricht allerdings mit dem Kapitel über die Wollust (die nicht nur laut Heiko Ernst keine Sünder des Fleisches, sondern eine Sünde wider das Fleisch ist) abrupt ab. eEne abschließende Zusammenschau, ein Abschluss mit gedanklichem Ausblick bleibt aus, was dem Buch am Ende einen Hauch von atemlosem Zorn gibt.

Nichtsdestotrotz ein äußerst empfehlenswertes Buch, dessen Autor nicht nur wortgewandt und intelligent ist – nein, er weiß alte Traditionen wertzuschätzen, richtig einzuordnen und ihre Relevanz für die heutige Welt zu erkennen und aufzuzeigen. Und das auf eine unprätentiöse, erfreulich lesbare und kurzweilige Weise.

Im Bereich des populären psychologischen Sachbuches eine Entdeckung, die sich lohnt!

Heiko Ernst: Wie uns der Teufel reitet.
Von der Aktualität der 7 Todsünden.
272 S. HC mit Schutzumschlag.
Ullstein. Berlin 2005.
ISBN-13 9783550078323