Mathias Schreiber: »Was von uns bleibt«

»Kein Zweifel: Religion, zusammen mit ihrer philosophischen Schwester, der Metaphysik, ist der Überraschungsgast des frühen 21. Jahrhunderts. Einerseits ist das eine Reaktion auf den aggressiven Islamismus, der dem verbreiteten Terror der so genannten Selbstmordattentäter zugrunde liegt. Andererseits ist diese Entwicklung auch aus einem metaphysischen Grundbedürfnis des Menschen zu erklären, das sich von intellektuellen Moden zeitweise verschütten, aber letztlich nicht ganz unterdrücken lässt und sich mit zunehmender Kritik an billigem naturwissenschaftlichem Materialismus und konsumistischem Zynismus verbindet.«

Mathias Schreiber war 14 Jahre lang einer der beiden  Leiter des Ressorts Kultur des Nachrichtenmagazins Spiegel, das sich bei aller Popularität entschieden den Prinzipien der Aufklärung verschrieben hat. Er studierte u.a. Philosophie, bevor er sich nach der Promotion dem Journalismus zuwandte und Feuilletonchef beim Kölner Stadtanzeiger wurde. Später arbeitete er als Stellvertretender Feuilletonchef der FAZ, ehe er  1991 zum Spiegel wechselte, wo   er bis 2005 einer von zwei Ressortleitern für Kultur war. Seitdem ist er Autor des Hamburger Magazins. Neben seiner journalistischen Arbeit veröffentlichte er mehrere Bücher zu Themen aus Architektur, Kunst und Ideengeschichte sowie drei Lyrikbände.

Und nun dieses Buch „über die Unsterblichkeit der Seele“ – so der Untertitel.

Entstanden ist es auf der Basis einer Titelgeschichte im Spiegel zu Ostern 2007. Diese Titelgeschichte brach mit einem ungeschriebenen Gesetz des größten Nachrichtenmagazins Europas, das sich religiösen Themen bestenfalls institutionskritisch und im Zusammenhang mit politischen Themen widmete. Mathias Schreiber gesteht freimütig, er habe „sich die großen alten Fragen auch aus einem persönlichen Motiv zurück“erobert: „einer vorübergehenden, krankheitsbedingten Todesnähe“. Man mag das als psychologisch bedingte Trostsuche beiseite wischen, nichtsdestotrotz haben „die religiösen Geständnisse vieler Mathematiker und Physiker ((und Biologen wie Francis Collins, dem Leiter des Human Genome Project, Anm. d. Autorin )), jener Priesterkaste der wissenschaftlich-technischen Moderne“, offenbar auch ihn nachhaltig beeindruckt.

Beginnend mit dem zynischen Paradoxon eines religiös (und zugleich ideologisch und politisch) motivierten Terrorismus, den Selbstmordattentaten islamistischer Terroristen, bei denen eine der ältesten metaphysischen und religiösen Vorstellungen des Menschen zur Durchsetzung höchst irdischer Ziele missbraucht wird, reißt Mathias Schreiber kurz die gegenwärtigen Positionen zu dieser Frage an. Dann setzt er zu einem Gang durch Geistesgeschichte und aktuellem Stand der unterschiedlichsten Wissenschaftszweige an, der in seiner Klarheit und Verständlichkeit seinesgleichen sucht.

Angefangen bei den „frühen“ Kulturen und den Erkenntnissen der Vergleichenden Religionswissenschaft über die unterschiedlichen Seelenvorstellungen, durchwandert er in eloquentem Parlando die ersten Hochkulturen und Mysterienkulte, legt die Entwicklung des Judentums von der Stammesreligion zum Monotheismus mit einem Anspruch auf Allgemeingültigkeit dar. Er referiert über die klassische griechische Philosophie und ihr Fortleben bei Thomas von Aquin und in der Aufklärung. Dabei weist er nach, dass gerade die Aufklärung vom militanten Atheismus unserer Tage fälschlich, weil ohne ohne Sachkenntnis in Anspruch genommen wird. Ein Ausflug in die fernöstliche Philosophie mit seiner „eigentümlich dezentrale(n), netzartig aufgebaute(n) Psycho-Metaphysik“ leitet das schwierigste Kapitel ein, die Frage nach der „Auferstehung von den Toten“. Verblüffend ausführlich widmet Mathias Schreiber sich an dieser Stelle der christlichen Psychologie eines Joseph Ratzinger und kommt auch auf einen entscheidenden Punkt zu sprechen: Die Notwendigkeit des „Sprunges“: „Aber vielleicht ist es mit dem Glaubensbild vom wahren Leben so ähnlich wie mit einem bedeutenden Gemälde: Erst muss der Betrachter, ermutigt durch einen positiven Anfangsverdacht, den Sprung wagen und hypothetisch an die geheimnisvolle Größe des Kunstwerks glauben – dann plötzlich strömen die Erkenntnisse, und viele delikate Qualitäten werden sichtbar, die dem Betrachter ohne das erst Wagnis zur bewunderung niemals aufgegangen wären.“

Der „Sprung“, den Mathias Schreiber hier postuliert, ist Grundvoraussetzung jeder Erkenntnis: Zunächst muss der Betrachter gelten lassen, was er betrachtet, den Argumenten folgen, erst dann wird vor ihm nicht bloß ein von seinen eigenen Vorurteilen verdrehtes Zerrbild erscheinen, das nur seine eigene Meinung bestätigt und bekräftigt. erst mit einem Vorschuss an Sympathie ((Vgl. Joseph Ratzinger / Benedikt XIV.: Jesus von Nazareth. Erster Teil: Von der Taufe zur Verklärung. Herder, Freiburg 2007, S. 22: „Ich bitte die Leserinnen und Leser nur um jenen Vorschuss an Sympathie, ohne den es kein Verstehen gibt.“ )), mit dem Akzeptieren der Hypothesen, kann sich ein anderes Gedankengebäude dem Betrachter wirklich erschließen.

Unnötig zu sagen, dass das Erscheinungsbild dieses schmalen Buches (160 S.) in einem krassen Missverhältnis zu seinem Gehalt stehen, der ganze Bibliotheken füllt. Die notwendigen Verkürzungen und die eine oder andere Parallele dürfte Fachleute zum Widerspruch anregen ((was, nebenbei bemerkt eher ein Vorzug für ein solches Projekt ist als ein Nachteil; das Buch will ja zur weiterführenden Lektüre anregen )). Aber Mathias Schreibers Absicht ist keine umfangreiche Belehrung, sondern die Hinführung zu einer der ältesten, wenn nicht der überhaupt ältesten Frage der Menschheit: der Frage, die wohl erst den Menschen zum Menschen gemacht hat, nämlich der, die sich aus der Erkenntnis des Todes und damit der Endlichkeit seiner irdischen Existenz ergibt. Die Entstehung dieser Frage auf erfolgreiche, weil“egoistische“ Gene oder diesen entsprechende metabiologische Konstrukte namens „Meme“ zurückzuführen, erscheint arg kurz gegriffen und konstruiert.

Mathias Schreiber beansprucht keineswegs das letzte Wort, denn auch seine Ausführungen, wie immer, wenn es um „letzte Fragen“ geht, greifen auf Voraussetzungen zurück, die anzuerkennen man  bereit sein muss, um die Tragweite dessen, worauf er hinaus will, zu verstehen.  Dennoch ist er klug genug, in seinem abschließenden bescheidenen Bekenntnis dem Leser keine Doktrin vorzugeben, sondern ihn mit der Fülle der Gedanken, die sich kluge Menschen seit Tausenden von Jahren gemacht haben, zu entlassen.

Ein wichtiges Buch mit sehr hohem geistigem Nährwert!

Mathias Schreiber: Was von uns bleibt.
Über die Unsterblichkeit der Seele.
Matthias Schreiber: Was von uns bleibt.
Über die Unsterblichkeit der Seele
158 Seiten, gebunden
Spiegel-Buch, DVA, München 2008
ISBN 978-3-421-04345-0
Preis 14,95 €(D), 15,40 €[A], SFr 27,50 (UVP)
Das Buch beim Verlag (Leseprobe!)