Die »Affaire Hegemann« – Sturm im Wasserglas oder Chance zur Reflexion?

Reden wir doch mal Klartext: Ein großer Publikumsverlag, der Ende des vergangenen Jahres vollmundig verkündete, man wolle „an alte Zeiten anknüpfen und der Literatur mehr Raum geben“ ((Neues Vorschaukonzept: Ullstein wird literarischer – Börsenblatt-NL vom 10. 12. 2009)), publiziert zu Beginn dieses Jahres den englisch betitelten Roman eines 17-jährigen Mädchens, das die Tochter eines Mitbestreiters der Berliner Volksbühne ist und anders als „normale“ Altersgenossinnen weder Schule noch Lehre besuchen musste, sondern einen Film gedreht und jetzt auch einen Roman geschrieben hat ((alle Informationen aus: »Das Wunderkind der Boheme« von  Tobias Rapp, Spiegel online vom 18. 1. 2010, siehe auch Wikipedia zu Helene Hegemann)). Der Text wird vom ersten Tag seines Erscheinens an hymnisch gepriesen ob seiner Echtheit resp. Authentizität ((so z.B. »Das Wunderkind der Boheme« von  Tobias Rapp, Spiegel online vom 18. 1. 2010; »Nicht gesellschaftsfähig?« von Dorothea Dieckmann, NZZ vom 4. 2. 2010; »Mir zerfallen die Worte im Mund wie schlechte Pillen« von Mara Delius, FAZ vom 22. 1. 2010); siehe auch perlentaucher.de: Pressenotizen zu »Axolotl Roadkill«). Bald darauf melden sich allerdings kritische Stimmen, die den literarischen Wert des Textes und vor allem die behauptete Authentizität in Frage stellen ((»Ich bin in Berlin. Es geht um meinen Wahn.« von Thomas Steinfeld, SZ vom 10. 2. 2010)). Auf dem Höhepunkt der Diskussion stellt ein Münchner Blogger frappierende Ähnlichkeiten in Wortwahl und Stil, in Beschreibungen und Erzählweise zu dem in einem kleinen Berliner Verlag erschienenen, autobiographischen Roman eines anderen Bloggers fest (( Deef Pirmasens: Axolotl Roadkill – alles nur geklaut? (Die Gefühlskonserve) )). Der Vorwurf des Plagiats wird laut, der Verlag beschwichtigt ((„Helene Hegemann hat ein beeindruckendes Buch geschrieben“ – Siv Bublitz, Börsenblatt-NL 11. 2. 2010)), die Verfasserin nimmt Stellung, räumt Versäumnisse ein, beharrt aber auf der Echtheit und Originalität des Textes. ((Ullstein und Autorin Helene Hegemann äußern sich zu Plagiatsvorwurf – Börsenblatt-NL 8. 2. 2010)) Zugleich sehen sich einige Kritiker, die das Buch gelobt haben, genötigt, die Verfasserin schützend unter ihre Fittiche zu nehmen (( »Total legitim« von Joachim Güntner, NZZ vom 9. 2. 2010, »Originalität gibt es nicht, nur Echtheit« von Felicitas von Lovenberg, FAZ vom 8. 2. 2010 )) ; flugs wird das Buch für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ((»Buchpreis-Nominierungen: Jetzt aber ran mit Hegemann!« – Spiegel online vom 11. 2. 2010)). Die Kritik an der Kritik teilt sich auf zwischen Kulturredakteuren, die sich über das blinde Beharren mokieren und/oder ihren Unmut kundtun, dass das Buch voller Dinge stecke, die man nun wirklich nicht wissen wolle ((»Die Kirche im Berghain lassen« von Bernd Graff, SZ vom 12. 2. 2010)), einerseits und einigen Unterhaltungsautoren und Schreibseminarveranstaltern andererseits, die zur Attacke auf das deutsche Feuilleton blasen ((»Plagiatsfall Hegemann: Das Feuilleton findet Abschreiben ohne Quellenangabe voll OK« von Wolfgang Tischer für literaturcafe.de (Man beachte die Kommentare!); »Noch ein Plagiat? Axolotzl Roadkill«, Diskussion im Autorenforum Montségur seit 6. 2. 2010)).

Haben Sie alles verstanden? Nein? Macht nichts. Man muss das nicht verstehen. Tatsache ist, dass alle Beteiligten im Grunde vollkommen vorhersehbar, geradezu reflexhaft reagieren, was in einem Zweig des Kulturschaffens, der als besonders reflektiert gilt, absurd anmutet.

Muss sich die Kammerer jetzt eigentlich auch noch an diese Debatte anhängen?

Nein, das muss ich nicht. Die genannten Positionen interessieren mich nämlich herzlich wenig, da sie schlicht vorhersehbar und reflexhaft sind. Mein Interesse gilt anderen Aspekten dieser „Affaire“.

Immer wieder wird nach dem Wunderkind gesucht. Mozart ist wohl der berühmteste Vertreter dieser Subspezies uind sein Vater vermutlich der Verursacher dieses Wahns. In der Musikbranche treibt die Suche nach sehr jungen hochbegabten Interpreten seit langer Zeit krause Blüten. In der Literatur ist sie ein relativ junges Phänomen; in den letzten Jahrzehnten tauchten immer wieder Jungstars auf, darunter Benjamin Lebert (Crazy) und Nick McDonell (Twelve). Diese beiden verbindet einiges mit Helene Hegemann und ihre gefeierten Erstlinge einiges mit ihrem gefeierten Erstling Axolotl Roadkill. Jeder der drei Romane erzählt vom Erwachsenwerden, von den Schwierigkeiten der Pubertät, vom Verlust der Kindheit. Jeder der drei Autoren packt autobiographische Elemente in die Geschichte: Bei Lebert sind es bspw. der Internatsaufenthalt und die halbseitige Lähmung, bei McDonell die familiäre Situation als Halbwaise mit einem reichen, aber nie anwesenden, weil auf den Beruf konzentrierten Vater, bei Hegemann der Verlust der Mutter, der mit sich selbst beschäftigte Vater und das Sich-selbst-überlassen-Sein unter Ausnutzung der Möglichkeiten, die der Beruf des Vaters ihr bietet.
Jeder dieser drei Romane wurde gefeiert ob seiner postulierten Authentizität — und jeder dieser drei Romane war vor allem anderen ein lauter, wilder Schrei nach Anerkennung und Gehör.

Lebert wurde unterstellt, nicht er, sondern seine Lektorin Kerstin Gleba habe weite Teile des Romans geschrieben, außerdem wurde immer wieder geargwöhnt, er habe es leicht gehabt mit der Autorenkarriere, weil seine Eltern und Großeltern Journalisten und Autoren sind. McDonell wurde verdächtigt, dass seine Eltern, die beide professionelle Autoren sind, ihn protegiert hätten. Nahezu der gleiche Vorwurf trifft Helene Hegemann, deren Vater selbstverständlich über sehr gute Kontakte im Kulturbetrieb verfügt.

Aber solche Verdächtigungen (abgesehen von dem Vorwurf, dass Kerstin Gleba heimliche Co-Autorin von Leberts Roman Erstling gewesen sei) betreffen weder die Autorschaft eines der drei noch die Romane selbst.

McDonells Twelve und Hegemanns Axolotl Roadkill unterscheiden sich von Leberts Crazy in der exzessiven Schilderung jugendlicher Wohlstandsverwahrlosung: Sex, Drogen, Partys bzw. Clubs und nicht zuletzt Gewalt sind die zentralen Motive der Romane, die in beiden Fällen hoffnungslos enden. In Twelve überlebt der Protagonist knapp den finalen Showdown, um sich in der Manier eines Westernhelden einem neuen Schauplatz zuzuwenden: Er geht zum Studium in Paris mit der Begründung, dass es ihm dort besser gefalle als in New York City. In Axolotl Roadkill verliert sich die Protagonistin Mifti in der Drogensucht.

Sowohl Lebert als auch McDonell und Hegemann wurden hymnisch gefeiert als klug, klarsichtig, hochbegabt bzw. hochtalentiert, und an den Romanen wurde allem voran die Authetizität gelobt – immer zugleich von anderer Stelle angezweifelt aufgrund der Tatsache, dass alle drei Kinder und/oder Enkel von Autoren und/oder Journalisten sind.

Bei Helene Hegemann bestätigte sich der Verdacht, als die sprachliche und erzählerischer Nähe ganzer Passagen aus Axolotl Roadkill zu dem in einem Kleinverlag erschienen autobiographischen Roman Strobo eines unter dem Pseudonym Airen schreibenden Berliner Bloggers offenkundig wurde. Wie kann noch von Authetizität gesprochen werden, wenn das Geschriebene die kaum mehr als geringfügig changierende Kopie eines Textes eines anderen Menschen ist, der offenbar tatsächlich Erlebtes niederschrieb? Es sind zumindest nicht die Erlebnisse eines 16- oder 17-jährigen Mädchens, sondern eines jungen Mannes zwischen 20 und 25.
Axolotl Roadkill erhielt prompt den Stempel des Fake. Lektorin, Verlegerin und die noch immer auf ihrem Urteil beharrenden Kritiker, die sich im Gefolge der Stellungnahme der Autorin in teilweise hanebüchene Remix-Argumentationen verstiegen, stehen da wie die Opfer eines juvenilen Streiches.

Noch mal alles auf Anfang und zurück zu Lebert und McDonell. Denn in dem Zusammentreffen jugendlicher Autoren und ihrer Geschichten vom Heranwachsen und dem Literaturbetrieb, genauer gesagt: der Literaturkritik, prallen zwei Welten aufeinander. Kaum irgendwo spreizt sich die Schere so weit auseinander wie zwischen dem noch fröhlich assoziierenden jugendlichen Ungestüm, dem Mitteilungsdrang, dem Hunger nach Anerkennung, der erzählerischen Nonchalance einerseits und der Suche nach der Perle im Misthaufen, der engelhaften Unschuld im höllischen Dreck, dem unmittelbaren Tritt in den Magen zwischen all dem hyperreflexiven, selbstbezüglichen Geschwafel, zu dem interessanterweise eben diese Kritiker Literatur immer wieder degradieren.

Kein Wunder, dass die Lobeshymnen das blonde Haar Helenens so hervorheben; dass zu den Artikeln Fotos publiziert werden, die einen gequälten, in die Niederungen einer kalten Hölle gezwungenen Engel zeigen; dass es so gut wie nie um die stilistische oder erzählerische Qualität des Textes ging, sondern um seine Echtheit, die so gewichtig schien, dass der als „radikal, sperrig, unfertig und streckenweise schlicht unlesbar“ beurteilte Stil sogar als Beweis angesehen wurde. Autor und Werk werden vollkommen identifiziert – eigentlich ein Unding in der Literaturkritik!

Ob man Helene Hegemann mit der Debatte einen Gefallen tut, wage ich zu bezweifeln. Sämtliche Reaktionen der Autorin sind die eines Teenagers: die zögerlichen Eingeständnisse, das trotzige Beharren. Helene Hegemann ist keineswegs der Engel, zu dem man sie stilisierte, und erst recht kein gefallener Engel! Sie ist ein junges Mädchen, das die sich ihm bietenden Möglichkeiten nutzte, um Anerkennung und Respekt zu erlangen. Alles lief glatt, denn was sie präsentierte – und darin erweist sich ihre Intelligenz! -, bestätigte Weltbild und Auffassungen des von ihr angepeilten Publikums auf der ganzen Linie: diesen tumben Rotz von einer Generation moralisch verkommener Jugendlicher, die die Nachachtundsechziger überall wahrzunehmen wähnen.

Helene Hegemann, das ganz normale Mädchen, schrieb, was andere lesen wollen – in Ermangelung eigener Erfahrung reproduzierte sie, was andere aus eigener Erfahrung erlebt und geschildert hatten. Bis zu einem bestimmten Punkt tat sie nichts anderes als jeder andere Autor (mich eingeschlossen) tut (denn natürlich habe ich in keiner Schlacht mitgekämpft, sondern recherchiert, um herauszufinden, wie das wohl sein mag). Die Ergebnisse ihrer Recherche stellte sie jedoch unverdaut zu einer Textcollage zusammen, und Vergleiche zwischen dem endgültigen Text und den gegenübergestellten Passagen aus Airens Strobo lassen den Verdacht aufkommen, dass die Unterschiede nahezu ausschließlich einem eifrigen Lektorat geschuldet sind und die Autorin in der Urfassung bestenfalls marginale Änderungen am Zitat vorgenommen hatte, um die Passagen in ihre Geschichte einzufügen. Da dem Text insgesamt eine narrative Stringenz (eine Handlung!) fehlt, ist fast schon anzunehmen, dass Helene Hegemann vor dem Lektorat eine bestenfalls sehr vage Vorstellung davon hatte, dass das Schaffen von Literatur auch technische Voraussetzungen hat: stilistische, erzählerische, dramaturgische usw.

Auch das trifft sich mit dem Literaturverständnis in Teilen der Literaturkritik, die sich in Geschwurbel von Reflexion und Authentizität ergeht, ohne die fundamentalen, substanziellen Eigenschaften fiktionaler literarischer Texte zu berücksichtigen, als seien diese ausschließlich spezifische Eigenschaften des Trivialen.

Im Gegenteil! Trivialität zeichnet sich substanziell dadurch aus, dass sie affirmativ ist, d.h. bestehende Vorstellungen und Vorurteile bestätigt und festigt. Diese Definition kann man nicht allein auf „die anderen“, „die weniger Gebildeten“, „die Normalos“ beschränken – jeder Mensch hat eine Weltvorstellung, hat Vorurteile! Wer bei Axolotl Roadkill den „grossen Coming-of-age-Roman der Nullerjahre“ vermutet, offenbart nur seine eigene Vorstellung vom aktuelllen Zustand der Moderne.

Was die Autorin in ihrer Stellungnahme als „Remix“ bezeichnet, ist ein durchaus altersgemäßer, ihrem familiären sozialen Umfeld entsprechender Trivialtext, das Mädchenwunder kommt einem vor wie eine Art off-stage Inszenierung der Berliner Volksbühne.

Wenn die Literaturkritik das Kriteium der Authentizität für sich retten will, dann muss die Nominierung von Axolotl Roadkill zugunsten von Airens Strobo zurückgenommen werden!

Und jetzt gebt ihr verdammt nochmal ihre Jugend zurück!

Deef Pirmasens: Axolotl Roadkill – alles nur geklaut? (Die Gefühlskonserve)

2 Gedanken zu “Die »Affaire Hegemann« – Sturm im Wasserglas oder Chance zur Reflexion?

  1. Sehr geehrte Frau Kammerer,
    wie kommen Sie darauf, ich hätte „Axolotl“ (in der NZZ) „hymnisch gepriesen ob seiner Echtheit resp. Authentizität“??
    N.B. Ich halte Authentizität nicht für ein literarisches Kriterium. Und „Axolotl“ eher für ein Symptom als für Literatur Plagiat hin oder her).

    Mit freundlichem Gruß,

    Dorothea Dieckmann

  2. Sehr geehrte Frau Dieckmann,

    in der Tat halten Sie die Trennung zwischen Autor und Werk in weiten Teilen Ihrer Besprechung vom 4. 2. 2010 durch. Der abschließende Absatz allerdings, in dem Sie darauf hinweisen, dass ausgerechnet die „linksresignativen Kulturbeiträger“ Helene Hegemann als Wunderkind feiern, wird diese Unterscheidung für mich schwammig.
    Ihnen ging es auch nicht um die Authentizität der geschilderten Handlungen, sondern um das „soziokulturelle() Panorama des ersten Millenniumsjahrzehnts, wie es nur eine wirklich kluge, wirklich beschädigte und wirklich junge Frau eröffnen kann“ – das ist genau der Echtheits- resp. Authentizitätsbegriff, den Helene Hegemann für sich in Anspruch nimmt. Wobei Sie damit gleichzeitig eine genieästhetische Deutung vornehmen, die wiederum Autor und Werk per se nicht trennt.

    Natürlich ist meine Analyse im obigen Essay verkürzt (da ich nicht exklusiv Ihre Buchbesprechung darin behandele, habe ich auch nicht darauf hingewiesen, dass Ihnen durchaus bewusst ist, wie Verlag und Literaturbetrieb die Autorin als neuen Literaturstar inszenieren), wie auch Ihre Argumentation in Ihrer Buchvorstellung allein schon aufgrund der einem Journalisten für einen Artikel jeweils zugewiesenen Textmenge verkürzt sein muss.

    Die Frage, ob das Buch ein Plagiat ist, müssten Gerichte entscheiden, denn das ist eine urheberrechtliche Frage. Aus dieser Verantwortung kann man sich jedoch nicht mit dem Verweis auf Kathy Acker als Vorbild herausschleichen. Ich denke, da sind wir uns einig.

    Um ein endgültiges, zusammenfassendes Urteil über das Buch habe Sie sich in Ihrer Besprechung zwar gedrückt, zugleich jedoch Symptome des Textes in einen Kontext mit der Weltliteratur gesetzt, der diese altklugen Ergüsse für Außenstehende jeglicher Kritik enthob.

    Dass dieser Text selbst Symptom für die Dämonen ist, die – bildlich gesprochen – heutige Jugendliche in einer ethisch deregulierten, auf Selbstverwirklichung im luftleeren Raum zentrierten Welt heimsuchen, ist auch meine Meinung.

    Herzliche Grüße in die Schweiz!

    Iris Kammerer

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